Sorgen um den Musikernachwuchs im Toggenburg: Weichen neu stellen für die Musik

Das Toggenburg ist reich an Angeboten für junge Musizierende. Doch die Situation für den musikalischen Nachwuchs verändert sich.

Peter Küpfer
Hören
Drucken
Teilen
Ein Pionier der erfolgreichen Toggenburger Musikpädagogik tritt altershalber zurück: Wilfrid Stillhard, Gründer des Flötenensembles Flaucanto an der Kantonsschule Wattwil.

Ein Pionier der erfolgreichen Toggenburger Musikpädagogik tritt altershalber zurück: Wilfrid Stillhard, Gründer des Flötenensembles Flaucanto an der Kantonsschule Wattwil.

Bild: Peter Küpfer

Zahlreiche arrivierte Musikerinnen und Musiker, die heute in namhaften Konzertsälen auftreten, haben erste Impulse hier im Toggenburg empfangen. Oft stammen sie aus musikliebenden Familien, haben sich dann ein Instrument in der Musikschule erobert und später in einem der zahlreichen Jugendensembles mitgespielt. Die Auftritte junger Musikbegeisterter ernten immer wieder Erfolg und Anerkennung.

Die Zusammenarbeit zwischen der Musikschule Toggenburg (MST) und der Kantonsschule Wattwil (KSW) ist ein Erfolgsmodell. Es existieren seit Jahren abgestufte Ensembles, Orchester und Chöre, wo besonders begabte junge Musizierende sich weiterentwickeln können. Musikschule und Kanti betreiben seit Jahren gezielte Talentförderung, und das ohne Starkult. Eine besondere Note setzen die beiden erfolgreichen Jugendensembles Il Mosaico und die Big Band Kanti Wattwil (BBKW). Ihre Konzerte ermöglichen den jungen Musizierenden wertvolle Erfahrungen und Begegnungen, oft sogar in den Ferien und auch im Ausland.

Die dadurch geknüpften Kontakte bereichern auch ihre einheimischen Auftritte. Das hohe Niveau lag und liegt wesentlich am andauernden Engagement entsprechender Musikpädagogen. Wird das auch in Zukunft so bleiben?

Ensemblespiel fördert Sozialkompetenz

Wilfried Stillhard, Gründer des Flötenensembles Flaucanto.

Wilfried Stillhard, Gründer des Flötenensembles Flaucanto.

Bild: Peter Küpfer

Einer dieser verdienten Musikpädagogen tritt auf Ende des nächsten Schuljahres altershalber zurück: Wilfrid Stillhard, Gründer des Flötenensembles Flaucanto an der Kantonsschule Wattwil. Sein Abschied macht bewusst, dass auch Pioniere älter werden. Seit vielen Jahren begeisterte Flaucanto jeweils im August sein Publikum mit einer stimmungsvollen Serenade, dieses Jahr zum letzten Mal unter Leitung seines Gründers. Neben den Flötenkonzerten hat Wilfrid Stillhard für die grossen Auftritte von Il Mosaico jeweils die Holzbläser einstudiert, sein Kollege Martin Winiger, Gründer und Leiter der Big Band Kanti Wattwil, die Blechbläser – eine eindrückliche und anspruchsvolle Form kollegialer Zusammenarbeit.

Wilfrid Stillhard unterrichtet seit 40 Jahren Querflöte an der Kantonsschule Wattwil. Mit seinem Vorgänger organisierte er schon damals die ersten Bläserkonzerte. «Ich habe meine Schülerinnen und Schüler immer gefordert und gefördert. Auch war es mir wichtig, dass sie zusammenspielen konnten. Im Ensemblespiel kann man ganz andere Werte vermitteln als im Einzelunterricht, z. B. Sozialkompetenz.»

Schon in den Achtzigerjahren gab es ein gutes Musikleben an der Kanti. Ab 1990 trat dann das Jugendorchester Il Mosaico dazu, das von der Besetzung und vom Können her auch grössere Orchesterwerke anging. Es positionierte sich bald als etabliertes Jugendorchester in der Spitzenklasse.

Um das Angebot auch für Blasinstrumente zu ergänzen und so auch die Bläser, gerade auch die Blechbläser, zu regelmässigem Zusammenspielen zu motivieren, erfolgte 1995 die Gründung der Big Band. Sie errang unter der Leitung von Martin Winiger bald einen vorzüglichen Namen. 2009 und 2011 wurde sie mit dem Titel «Beste Schweizer Nachwuchs-Big-Band» ausgezeichnet. An ihrem Festkonzert zum 20-jährigen Bestehen liess es sich Pepe Lienhard nicht nehmen, die Band selbst zu dirigieren und als Solist mitzuwirken.

Unterricht vor allem bei Blasinstrumenten rückläufig

Bettina König, Vertreterin Musiklehrpersonen Musikschule Toggenburg

Bettina König, Vertreterin Musiklehrpersonen Musikschule Toggenburg

Bild: PD

«Das Angebot deckt beinahe jedes Musikbedürfnis ab», sagt Bettina König, langjährige Musikpädagogin und Vertreterin der Musiklehrpersonen an der Musikschule Toggenburg. In den letzten Jahren sind die Zahlen der Musikschülerinnen und Musikschüler aber tendenziell rückläufig, gerade auch bei den Violinen und Holzblasinstrumenten wie Klarinette und Flöte. Der Musikunterricht ist freiwillig und setzt Kontinuität und Disziplin voraus. Zudem ist er für die Eltern auch kostenpflichtig. Verschiedene Angebote der Musikschule, in entsprechenden Ensembles zu spielen, fördern die Motivation und das Können. Schwierig bleibe, so König, das Erreichen von Eltern aus anderen Kulturen, besonders derjenigen des Balkans und nichteuropäischer Länder. Dort habe der Musikunterricht an der Musikschule nur ganz selten eine Fortsetzung erfahren.

Nachdenklich äussert sich auch Martin Winiger: «Das Angebot konnte seit den Neunzigern so ausgeweitet werden, dass alle (Orchester-)Instrumente an der Kanti erlernt werden können. Heute sind aber die Zahlen bei fast allen Instrumenten wieder rückläufig, ausser beim Klavier. Blasinstrumente erleben schweizweit einen regelrechten Einbruch. Für die Besetzung der Ensembles sind dies erschwerende Voraussetzungen.»

Hermann Ostendarp, Leiter Jugendensemble Il Mosaico.

Hermann Ostendarp, Leiter Jugendensemble Il Mosaico.

Bild: Sascha Erni

Hermann Ostendarp, Gründer und Leiter von Il Mosaico, hat dem Jugendorchester mit unermüdlichem Einsatz zu seinem ausgezeichneten Renommee verholfen. Auch er stellt fest, dass sich die Situation hinsichtlich des Nachwuchses verändert hat. Ostendarp verweist auf den Rückgang des Interesses an klassischen Instrumenten, gerade auch der Violinen. Während der Sport an vielen Kantonsschulen effizient gefördert werde, fehle es im Bereich der Musik an klaren Zukunftskonzepten. Es seien schulpolitische Weichenstellungen fällig. Die Einführung der Begabtenförderung an der Musikschule sei ein wichtiger Schritt gewesen, er müsse jetzt aber «ergänzt werden durch eine mehr in der Breite ausgerichtete und gezieltere Förderung der Instrumente spielenden Kinder und Jugendlichen».

Es bestehe Handlungsbedarf über die Kanti hinaus: «Man sollte sich unbedingt mehr Gedanken über die regionale Vernetzung machen. Ohne sie sehe ich die Möglichkeit nicht, das Musizieren an der Kanti langfristig auf dem jetzigen Niveau zu halten, zu fördern und zu entwickeln.» Claudia Dischl, Pianistin und Fachgruppenleiterin Musik an der Kanti Wattwil, sieht das ähnlich. «Der Erfolg unserer Musikabteilung gründet auf der jahrzehntelangen Aufbau- und Zusammenarbeit mit den umliegenden Musikschulen. Unsere langjährigen Musikpädagogen haben damit ein äusserst wertvolles Fundament geschaffen: Auf diesem gilt es auch weiterhin zu bauen.»

Umgang mit digitalen Medien und Zeitmanagement

Claudia Dischl, Fachgruppenleiterin Musik, Kantonsschule Wattwil.

Claudia Dischl, Fachgruppenleiterin Musik, Kantonsschule Wattwil.

Bild: PD

Damit das gelinge, brauche es einerseits Elan, Kreativität und auch Idealismus seitens der Lehrpersonen, andererseits die enge Zusammenarbeit mit der Schulleitung und deren Unterstützung. «Über Jahrzehnte Bewährtes und Gewachsenes pflegen und weiterentwickeln, ist eine meiner Bestrebungen. Gleichzeitig müssen wir offen sein für Neues, Schwerpunkte und Ziele reflektieren und neu diskutieren. Und den Herausforderungen des Zeitwandels begegnen.» Dazu gehören Themen wie die zunehmend fehlende regionale Verankerung junger Lehrkräfte (oft wohnsituationsbedingt) ebenso wie der Umgang der Schülerinnen und Schüler mit digitalen Medien und ihrem Zeitmanagement. «In der Funktion als Schülerberaterin erlebe ich auch Jugendliche, die physisch und psychisch an ihre Grenzen stossen: Sie empfinden manchmal den Leistungsdruck als zu gross oder bekunden Mühe, Schwerpunkte zu setzen.»

Selbst für Musiklehrpersonen sei es immer wieder eine Herausforderung, ihre Ressourcen in gesundem Masse zu investieren. «Die wichtigste Basis für die musikalische Zukunft sind kompetente und motivierte Musiklehrkräfte», so Claudia Dischls Überzeugung. Sie bleibt zuversichtlich: «Ich erlebe viele sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen; durch ihre Energie und Kompetenz wird sich unsere Musikabteilung in eine gute Richtung weiterentwickeln.»