Sommerserie
Vom Armenhaus zur Wohngenossenschaft: In der Liegenschaft Aesch in Mogelsberg wohnt eine bunt gemischte Gemeinschaft

Die Liegenschaft Aesch in Mogelsberg hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Wo zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch Armutsbetroffene, Trinker, Raufbolde und andere Unruhestifter untergebracht wurden, lebt heute eine bunt gemischte Wohngenossenschaft in den geschichtsträchtigen Gemäuern.

Urs M. Hemm
Merken
Drucken
Teilen
Heute leben im ehemaligen Alters- und Pflegeheim Mogelsberg 21 Erwachsene und zehn Kinder in einer Wohngenossenschaft.

Heute leben im ehemaligen Alters- und Pflegeheim Mogelsberg 21 Erwachsene und zehn Kinder in einer Wohngenossenschaft.

Bild: Urs M. Hemm

«Willkommen in unserem kleinen Paradies», begrüsst Susan Danuser, Gründungsmitglied der Wohngenossenschaft (Wogeno) Mogelsberg, den Besucher. In der Tat wirkt die Abgeschiedenheit und Ruhe der Liegenschaft Aesch etwas ausserhalb von Mogelsberg friedlich und entspannend. Wo früher der Parkplatz für das Alters- und Pflegeheim war, dominiert heute eine natürliche Gestaltung mit abwechslungsreicher Bepflanzung den Vorplatz. Verschiedene Spielecken mit Sandkasten, Rutschbahn und allerlei anderer Spielmöglichkeiten zeigen, dass hier die Kinder eine wichtige Rolle spielen.

Viele Regionen der Schweiz vertreten

«Zurzeit leben hier 21 Erwachsene und zehn Kinder», erläutert Susan Danuser.

«Dabei verfolgen wir stets die Grundidee der Wogeno des Mehrgenerationenwohnens und einer nachhaltigen, umwelt- und sozial verträglichen Lebensweise.»

Konkret bedeute das, zieht eine Familie aus, wird sie wieder durch eine Familie ersetzt, desgleichen beim Wechsel von älteren Personen.

Susan Danuser ist Gründungsmitglied der Wohngenossenschaft und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit.

Susan Danuser ist Gründungsmitglied der Wohngenossenschaft und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit.

Bild: Urs M. Hemm

Von der Herkunft der Bewohnerinnen und Bewohner seien verschiedene Regionen vertreten: «Wir haben Bewohner aus St.Gallen und Umgebung, Appenzell, Schaffhausen, aus dem Kanton Zürich und sogar aus der Waadt.»

Zur Liegenschaft Aesch gehört auch ein Bauernhof, der in unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Dieser und das Land rundherum bewirtschaftet Valentin Knaus mit seiner Familie als Pächter. «Von ihm beziehen die meisten hier auch Milch, Joghurt, Quark, Fleisch und andere Produkte aus seinem Hofladen», sagt Susan Danuser.

Altes möglichst erhalten

Die Idee der altersdurchmischten Wohngenossenschaft sei an sich nicht neu. «Ich lebte bereits in Degersheim in einer Wohngenossenschaft, bin dort aber aus verschiedenen Gründen ausgetreten. Zuerst suchten wir im Raum Degersheim nach einem geeigneten Objekt, um selbst eine Genossenschaft zu gründen, fanden aber nichts Passendes», erinnert sich Susan Danuser.

Durch eine Freundin habe sie schliesslich erfahren, dass das ehemalige Alters- und Pflegeheim in Mogelsberg zum Verkauf stehe. Also haben sie ihre Bewerbung eingereicht und die Gemeinde von ihrem Projekt überzeugen können. Susan Danuser sagt:

«Als es dann um den Verkaufsentscheid ging, stimmten über 140 Stimmende an der Bürgerversammlung für und lediglich 27 gegen unser Projekt.»

Bevor die Liegenschaft jedoch bezugsbereit war, musste einiges gemacht werden. Der Osttrakt musste komplett erneuert werden, weil der nicht isoliert gewesen sei und eine Teilsanierung nur eine unwesentliche Verbesserung gebracht hätte. «Die Böden blieben, da diese durchgehend sind, aber die Fassade wurde gänzlich erneuert und isoliert.»

Vor allem für Familien mit Kindern bietet die Wohngenossenschaft attraktive Möglichkeiten.

Vor allem für Familien mit Kindern bietet die Wohngenossenschaft attraktive Möglichkeiten.

Bild: Urs M. Hemm

Beim Bau der Wohnungen sei man darauf bedacht gewesen, so viel vorhandene Substanz wie möglich zu erhalten und zu nutzen. Dennoch mussten zum Teil Wände eingezogen, 13 Küchen eingebaut und die sanitären Anlagen installiert werden.

«Finanziert wurde das ganze einerseits durch eine Bank, den Fonds de Roulement des Bundes und durch private Darlehen. Andererseits bezahlt jedes erwachsene Genossenschaftsmitglied beim Eintritt 50'000 Franken, die jedoch bei einem allfälligen Austritt wiedererstattet werden», erklärt Susan Danuser.

Selbstverwaltung bedeutet Eigenverantwortung

Das Zusammenleben gestalte sich in der Regel unkompliziert. Natürlich lebe jeder sein Leben, arbeite, gestalte seine Freizeit selbst. Vor Corona hätten sie dennoch oft gemeinsame Grillabende oder andere Aktivitäten zusammen organisiert. «Aber immer nach dem Motto: Man kann, aber man muss nicht», betont Susan Danuser.

Die Wohngenossenschaft sei selbst- und damit eigenverantwortlich verwaltet, das heisst, es gebe keinen Hausmeister, der die Umgebung, die Gemeinschaftsräume wie Bibliothek, Spielzimmer, Musikzimmer oder die Werkstatt sauber und in Schuss halte. Susan Danuser erklärt:

«Wir halten einmal im Monat eine ausserordentliche Generalversammlung ab, an der die anstehenden Reparaturen, Investitionen und auch der Ämtliplan besprochen werden.»

Jedes Genossenschaftsmitglied sollte im Monat vier Stunden für die Genossenschaft aufwenden.

Um die hauseigene Bibliothek stets mit neuen Büchern füllen zu können, steht die Wohngenossenschaft in engem Kontakt mit der Bibliothek Mogelsberg.

Um die hauseigene Bibliothek stets mit neuen Büchern füllen zu können, steht die Wohngenossenschaft in engem Kontakt mit der Bibliothek Mogelsberg.

Bild: Urs M. Hemm

Es gibt Arbeitsgruppen, die sich beispielsweise um die Umgebungsarbeiten und den Garten, um Erneuerungen und Reparaturarbeiten im Haus, um die Finanzen und um andere Aufgaben kümmerten. Darüber hinaus habe jede Wohnung Anspruch auf einen eigenen Garten, der in individuell bewirtschaftet werden kann.

Die gemeinsam genutzten Flächen des Gartens werden auch von den Bewohnern zusammen gepflegt. Ansonsten hat jede Wohnung Anrecht auf einen eigenen Garten.

Die gemeinsam genutzten Flächen des Gartens werden auch von den Bewohnern zusammen gepflegt. Ansonsten hat jede Wohnung Anrecht auf einen eigenen Garten.

Bild: Urs M. Hemm

«So, wie es jetzt funktioniert, haben wir unser Ziel einer nachhaltigen, umwelt- und sozial verträglichen Lebensweise weitgehendst erreicht. So gesehen ist die Wogeno Mogelsberg ein voller Erfolg.»

Abwechslungsreiche Geschichte

Zuerst als Armenhaus, dann als Bürgerheim und zuletzt als Alters- und Pflegeheim geführt reicht die Geschichte der Liegenschaft Aesch bis auf das ausgehende 19 Jahrhunderts zurück. So wurden der heutige Osttrakt und der Mitteltrakt um die Jahrhundertwende gebaut.

Das Alters- und Pflegeheim Mogelsberg vor dem Umbau.

Das Alters- und Pflegeheim Mogelsberg vor dem Umbau.

Bild: PD

1959 fanden erste grosse Renovationsarbeiten statt, in deren Zuge in den Zimmern Toiletten einbaut und eine Zentralheizung installiert wurden. Weitere Renovationsarbeiten wurden ab 1976 durchgeführt. Der Westtrakt wurde 1965 gebaut und in den Jahren 1997 und 1998 renoviert.

Im Jahr 2009 beschied der Kanton der Gemeinde, dass die Alters- und Pflegeheime in Mogelsberg und Brunnadern nicht mehr den kantonalen Richtlinien entsprechen würden und umfangreiche Renovierungsarbeiten notwendig wären. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Gemeinderat jedoch bereits für einen Neubau in Brunnadern entschieden, ein Vorhaben, das von den Bürgerinnen und Bürgern im Jahr 2010 genehmigt wurde.

Somit waren die Tage des Alters- und Pflegeheims gezählt, das Heim soll Ende 2012 geschlossen werden. Da alle Bewohnenden und Angestellten aber bereits im Juli 2012 eine Anschlusslösung gefunden hatten, wurde die Schliessung um fünf Monate vorverlegt.

Ein langer Weg findet ein Ende

Nun stellte sich die Frage: Was passiert mit der leerstehenden Liegenschaft? Verschiedene Arbeitsgruppen kamen zu keinem befriedigenden Ergebnis, bis sich, zumindest vorübergehend, eine Lösung von ausserhalb anbot. Das «Buecherwäldli», eine Institution mit Wohnheim und Werkstätten für Menschen mit Behinderung, stand kurz vor einem grossen Umbauprojekt an ihrem Hauptstandort in Uzwil und suchte für rund ein Jahr einen Ersatz.

Vorübergehend bezog das «Buecherwäldli», eine Institution mit Wohnheim und Werkstätten für Menschen mit Behinderung aus Uzwil, die Gebäude des stillgelegten Alters- und Pflegeheims.

Vorübergehend bezog das «Buecherwäldli», eine Institution mit Wohnheim und Werkstätten für Menschen mit Behinderung aus Uzwil, die Gebäude des stillgelegten Alters- und Pflegeheims.

Bild: Urs M. Hemm (April 2014)

So zogen im April 2013 26 Bewohnerinnen und Bewohner samt Betreuungspersonal des «Buecherwäldli» ins ehemalige Alters- und Pflegeheim Mogelsberg ein. Dort blieben sie bis zum Ende der Umbauarbeiten in Uzwil im April 2014. Lange blieb die Liegenschaft aber nicht verwaist. Denn im September desselben Jahres zieht die Gemeindeverwaltung Neckertal ins Altersheim ein. Dies, weil das Gemeindehaus an der Lettenstrasse um- und ausgebaut wurde. Dieses «Exil» sollte rund 13 Monate dauern.

Während der Umbauarbeiten am Gemeindehaus Mogelsberg bezog die Neckertaler Gemeindeverwaltung mit Gemeindepräsidentin Vreni Wild die Räumlichkeiten der Liegenschaft Aesch.

Während der Umbauarbeiten am Gemeindehaus Mogelsberg bezog die Neckertaler Gemeindeverwaltung mit Gemeindepräsidentin Vreni Wild die Räumlichkeiten der Liegenschaft Aesch.

Bild: PD

Eine endgültige Lösung für die weitere Verwendung der Liegenschaft Aesch fand sich am 1. April 2015, als die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Gemeinde Neckertal dem Verkauf der Liegenschaft an die Wohngenossenschaft Wogeno Mogelsberg zustimmten. Die Wogeno baute die Liegenschaft im Jahr 2017 um, womit 13 Wohnungen und zahlreiche Gemeinschaftsräume entstanden.