So viele Einwohner wie nie: Die Region Fürstenland-Toggenburg wächst, aber nicht gleichmässig

Die Bevölkerung in den Wahlkreisen Wil und Toggenburg nimmt weiter zu. Nicht alle Gemeinden wachsen gleichermassen.

Ruben Schönenberger
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Wil ist die grösste Stadt in der Region Fürstenland-Toggenburg. Und wächst weiter.

Wil ist die grösste Stadt in der Region Fürstenland-Toggenburg. Und wächst weiter.

Bild: PD

Nie wohnten so viele Menschen in den Wahlkreisen Wil und Toggenburg wie im vergangenen Jahr. Im Wahlkreis Wil waren es 76'035 Personen, im Toggenburg 46'535.

Im Wahlkreis Wil ist Wachstum die Regel: Seit 1981 – weiter reicht die Zahlenreihe der kantonalen Fachstelle für Statistik nicht zurück – wächst der Wahlkreis. Anders im Toggenburg. Auch hier ist in den letzten Jahren ein Wachstum festzustellen. Es folgte aber auf eine Baisse ab Mitte der 90er-Jahre. Erst 2018 übertraf die Einwohnerzahl des Thur- und Neckertals erstmals die Höchstmarke von 1995 (diese Zeitung berichtete).

Trotz dieser an sich positiven Nachrichten: Einen Boom kann man in beiden Regionen nicht feststellen. Das Toggenburg wächst um lediglich 83 Personen, kein anderer Wahlkreis zeigt in absoluten Zahlen einen geringeren Anstieg. Im Wahlkreis Wil scheint der Zuwachs mit 441 Personen zwar markant. Das ist aber nur wenig mehr als ein halbes Prozent.

Beide Wahlkreise geraten in Bedrängnis

Bleibt das Wachstum in der Region Wil im Vergleich mit den anderen Gegenden des Kantons weiter unterdurchschnittlich, droht der Wahlkreis Wil den zweiten Platz im Kanton zu verlieren, allerdings erst in rund 22 Jahren. Das Rheintal weist noch rund 2500 Personen weniger aus und wächst etwas schneller. Das Toggenburg könnte früher unter Druck geraten, seinen derzeitigen fünften Platz zu verlieren. Der Wahlkreis Rorschach könnte schon in rund 12 Jahren aufgeschlossen haben.

Schon seit etwa zehn Jahren gleich gross wie der Wahlkreis Toggenburg sind die drei Städte der Region zusammengenommen. Wil, Uzwil und Flawil sind die einzigen drei Gemeinden der Region Toggenburg-Fürstenland mit über 10'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die grösste Toggenburger Gemeinde, Kirchberg, kommt mit 9099 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht in den fünfstelligen Bereich.

Das Toggenburg wächst im unteren Teil des Thurtals

Dass der untere Teil des Toggenburgs stärker wächst, entspricht einem Trend, der sich im letzten Jahr nochmals akzentuiert hat. Während zu Beginn der 80er-Jahre noch das mittlere Toggenburg mit Lichtensteig, Wattwil und Ebnat-Kappel mehr Einwohnerinnen und Einwohner aufwies als der untere Teil des Tals mit Kirchberg, Lütisburg, Bütschwil-Ganterschwil und Mosnang, wendete sich das Blatt schon Ende des gleichen Jahrzehnts. Seither wachsen die Gemeinden im ehemaligen Bezirk Alttoggenburg stärker.

Inzwischen wohnen vier von zehn Toggenburgerinnen und Toggenburgern in diesen Gemeinden. Dieser Anteil wurde immer grösser, nicht nur auf Kosten des mittleren Toggenburgs, sondern auch aller anderen Regionen im Thur- und Neckertal. Im letzten Jahr war sie sogar die einzige Region mit einem signifikanten Wachstum (+130 Personen), während das mittlere Toggenburg (+14) und das Neckertal (-9) stagnierten und das Obertoggenburg schrumpfte (-52).

Nesslau sieht positiv in die Zukunft

Ueli Strauss, Raumentwicklungsexperte.

Ueli Strauss, Raumentwicklungsexperte.

Bild: Urs Bucher

Dass im Obertoggenburg kein Wachstum zu beobachten ist, erstaunt Ueli Strauss nicht. Der langjährige Kantonsplaner ist heute selbstständiger Berater und verfolgt die Entwicklungen im Kanton. «Man kann im Obertoggenburg praktisch nicht mehr bauen», sagt er. Weil die Gemeinden im obersten Toggenburg über zu viel Bauland verfügen, müssen sie Auszonungsgebiete definieren. Bis dahin seien die Gemeinden bei der Bewilligung von Baugesuchen behindert.

Kilian Looser, Gemeindepräsident von Nesslau, schaut für seine Gemeinde trotzdem positiv in die Zukunft. Er kann das Problem nicht bestätigen:

Kilian Looser, Gemeindepräsident von Nesslau.

Kilian Looser, Gemeindepräsident von Nesslau.

Bild: Sabine Camedda
«Wir haben viel gebaut und es wird noch viel gebaut, die Wohnungen sind jeweils schnell weg.»

Dass Nesslau in den letzten Jahren weniger Einwohnerinnen und Einwohner aufwies, liege eher an der älteren Bevölkerungsstruktur. Der Geburtensaldo war denn seit dem Jahrtausendwechsel auch nur gerade einmal positiv. Sonst sei die Gemeinde aber auf einem guten Weg. Der Steuerfuss sei im Vergleich tief und die Verkehrsanbindung werde immer besser. Nach der Eröffnung der Umfahrung Bütschwil und der zweiten Etappe der Wattwiler Umfahrung sei Nesslau die erste Gemeinde «nach der Autobahn».

Und auch der öffentliche Verkehr werde noch besser, sobald endlich der Halbstundentakt auf der Schiene und die Postauto-Verbindung nach Buchs wieder vernünftig umgesetzt würden. Mit dem Zug nach St.Gallen oder mit dem Auto ins neuentstehende Gebiet Wil West zu pendeln, sei dadurch eine Option.

Erreichbarkeit und günstiger Wohnraum sind wichtig

Die gute Anbindung ist ein wichtiger Faktor für die positive Entwicklung einer Region. Das sieht man im unteren Teil des Tals. Raumentwicklungsexperte Strauss sagt dazu: «Die Erreichbarkeit ist in dieser Region immer besser geworden.» Zudem seien die Wohnräume günstiger als in den Zentren. Die Kombination dieser beiden Faktoren sei einer der wichtigsten Treiber für das Bevölkerungswachstum.

Die Erreichbarkeit erkläre auch, warum der Wahlkreis Wil stetig wachse, sagt Strauss. Eine Verschiebung zwischen den einzelnen Gebieten innerhalb des Wahlkreises lässt sich denn hier auch höchstens in ganz geringem Ausmass beobachten. Die Gemeinden der ehemaligen Bezirke Wil und Untertoggenburg – letzterer unter Ausklammerung der Gemeinden Ganterschwil und Mogelsberg, die zum Wahlkreis Toggenburg wechselten – teilten sich die Bevölkerung im Gebiet des heutigen Wahlkreis Wil immer ziemlich genau auf.

Feststellen lässt sich lediglich, dass die Gemeinden des ehemaligen Bezirks Wil immer knapp weniger Einwohnerinnen und Einwohner als die des ehemaligen Untertoggenburgs aufwiesen, bis 2014 das Pendel erstmals umschlug. Seither hat – mit Ausnahme des Jahrs 2017 – die Region um die Stadt Wil die leicht grössere Bevölkerung.

Flawil verliert fast 100 Einwohnerinnen und Einwohner

Die hier skizzierten Entwicklungen in der Region Fürstenland-Toggenburg zeigen sich in ähnlicher Form natürlich auch beim Blick auf die einzelnen Gemeinden. Im Wahlkreis Wil wachsen Gemeinden aus beiden ehemaligen Bezirken – beispielsweise Wil und Uzwil – es schrumpfen aber ebenso Gemeinden aus beiden – beispielsweise Flawil und Niederhelfenschwil.

Das Minus von 99 Personen in Flawil ist gar das grösste im ganzen Kanton. Das könne gemäss dem ehemaligen Kantonsplaner Strauss aber auch ein Zufallsergebnis sein. «Die Jahreszahlen sind immer mit Vorsicht zu interpretieren. Wichtiger sind langjährige Entwicklungen.» Und diese geben für Flawil zumindest teilweise Entwarnung. Zwar ist der aktuelle Rückgang der zweite in Serie, davor wuchs die Gemeinde aber kontinuierlich. Auch der Flawiler Gemeindepräsident Elmar Metzger ist deshalb nicht beunruhigt.

Elmar Metzger, Gemeindepräsident von Flawil.

Elmar Metzger, Gemeindepräsident von Flawil.

Bild: PD

«Nach Jahren mit ausserordentlich grossem Wachstum hat sich dies in den vergangenen beiden Jahren wieder ausgeglichen», sagt er. In den letzten zehn Jahren habe das durchschnittliche jährliche Wachstum 0,53 Prozent betragen. Im Richtplan aus dem Jahr 2008 geht die Gemeinde von 0,5 Prozent aus.

Im Wahlkreis Toggenburg wachsen vor allem die Gemeinden des ehemaligen Bezirks Alttoggenburg. Bütschwil-Ganterschwil sogar gleich um 111 Personen, das ist ein Plus von 2,28 Prozent. Relativ zur bisherigen Einwohnerzahl wuchsen nur die Gemeinden Bad Ragaz, Eggersriet und Goldach im letzten Jahr stärker.