Lichtensteig: So sieht die Stimme aus dem Radio aus

Reeto von Gunten, die Sonntagvormittagstimme aus dem Radio, gab am Samstag eine Vorstellung seines Bühnenprogramms «Single» im Lichtensteiger Chössi-Theater. Der Mann wirkt in echt so trocken wie die Stimme am Radio.

Michael Hug
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Reeto von Gunten erzählte am Samstagabend im Chössi-Theater aus seinen «Demo Papes».Bild: Michael Hug

Reeto von Gunten erzählte am Samstagabend im Chössi-Theater aus seinen «Demo Papes».Bild: Michael Hug

«An alle, die gekommen sind, um zu sehen, wie die Stimme aussieht in echt – sorry, damit müsst ihr jetzt selbst zugange kommen!» Er scheint gerne mit sich selbst zu kokettieren, etwas, was er am Radio nicht kann oder darf.

Reeto von Gunten tourt seit ein paar Jahren durchs Land und versucht, sich – als was eigentlich? – in Stellung zu bringen. Ist er Komödiant, Komiker, Satiriker, Welterklärer? Vielleicht von allem etwas, zumindest ist er ein guter Beobachter, manchmal ein zu guter:

«Immer wenn man im Bus in der Nase grübelt, kommt ein Schlagloch.»

Augen zu und durch die Vorstellung

Reeto von Gunten macht es dem Publikum einfach, sich an ihn zu gewöhnen: «Macht einfach die Augen zu und stellt euch eure Bilder zu dem vor, was ich erzähle.» So ist man augenblicklich drin. Drin im Sonntagmorgen am Radio, wenn von Gunten seine Sendung moderiert.

Die tiefe, sonore Stimme, berndeutscher Dialekt, im ganzen Land ist sie bekannt. Schon am nächsten Morgen, also am Sonntagvormittag, kann man sie wieder hören zwischen den Musikstücken, die er moderiert. Im Livestream kann man ihn sogar wiedersehen, am Bildschirm, zusehen, wie er sich die Augen reibt und alle viere von sich streckt. Es ist schliesslich spät geworden am Abend im Chössi-Theater.

Auf der Bühne beginnt der Mann mit seinem Programm. Zieht einen Vergleich zu den Musikern, die alles, was ihnen einfällt, erst mal auf ein Demotape aufnehmen und dann einem Plattenlabel oder dem Radio zusenden. Schriftsteller oder Geschichtenerzähler können das nicht, weil es keine Demotapes dafür gibt. Darum hat er, Reeto von Gunten, die «Demo Papes» erfunden. Zettel, auf denen er seine Gedankenwürfe notiert. Ein Beispiel:

«Was ist zu tun, wenn man online eine Zimmerpflanze bestellt hat und dann das E-Mail vom Lieferanten kommt: Ihre Bestellung ist bei uns eingegangen.»

Um bei Zimmerpflanzen zu bleiben: «Künstliche Pflanzen wirken echter, wenn man ein, zwei Blättchen abreisst und sie danebenlegt.» Die Gedanken, die er dann so ins Publikum «heizt», böten ihm die Möglichkeit, herauszufiltern, an welchen es sich aufgrund der Reaktion des Publikums lohnt, weiterzuarbeiten.

Das Programm, das der Berner, der seit etlicher Zeit in Zürich lebt, im Chössi-Theater gespielt hat, heisst «Single». Von Gunten ist nicht Single, er spricht mehrmals von seiner Familie, somit kann sich der Programmtitel nicht auf seinen Beziehungsstatus beziehen. Schon eher ist die «Single» als einzelnes Musikstück gemeint. Womit der Bezug zu seiner Tätigkeit beim Radio hergestellt ist: Reeto von Gunten moderiert jeweils am Sonntagvormittag das Programm bei SRF 3. «Er erzählt, was Musik mit ihm und uns macht, wie wir uns in ihr verlieren und immer wieder neu finden», stand auch in der Programmaffiche. Allzu viel auf Musik zu sprechen kommt von Gunten in «Single» aber nicht.

Ohne Regung in Stimme und Körper

Dafür erzählt er Geschichten. So spannend, dass man dabei fast zerplatzt und nicht mehr weiss, wie man auf seinem Stuhl sitzen soll. Wie erwähnt, sonor, ohne Regung in Stimme und Körper, erzählt er vom schwarzen Mann auf dem Baum im Vorgarten, der sich schliesslich als Asylbewerber entpuppt und nach etlicher Skepsis und Vorurteilen von der Familie aufgenommen und nicht mehr hergegeben wird.

Dann lässt er auf der Leinwand ein Video des jungen Schweizer Singer/Songwriters und Sohn von Pippo Pollina, Faber, abspielen. Faber singt von den Ertrinkenden im Mittelmeer: «Wer nicht schwimmen kann, taucht unter.» «Jetzt ist es nicht mehr lustig», sagt von Gunten und entlässt sein Publikum etwas verstört in die Pause.