Skisport
Aline Höpli auf dem Weg zurück – mit der Einstellung ihres Vorbilds Marcel Hirscher

Skirennfahrerin Aline Höpli hält auch nach dem dritten Kreuzbandriss an ihren Karrierezielen fest. Allerdings will sie zunächst ausschliesslich auf die Slalom-Disziplin setzen.

Urs Huwyler
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Die 20-Jährige ist trotz zahlreicher Rückschläge weit davon entfernt, das Lachen verloren zu haben.

Die 20-Jährige ist trotz zahlreicher Rückschläge weit davon entfernt, das Lachen verloren zu haben.

Bilder: Urs Huwyler

In welcher Sportart auch immer, alle Talente hoffen irgendwann auf Einsätze an internationalen Titelkämpfen. Allerdings schaffen nach dem Wechsel zur Elite wenige den Sprung an die Spitze. «Talent allein ist nicht genug», pflegt Jahrhundert-Skirennfahrerin Vreni Schneider jeweils zu sagen.

Das weiss auch Skirennfahrerin Aline Höpli aus Egg bei Flawil. Sie hat einmal mehr auf dem Lift zum Startgelände Platz genommen. Es handelt sich nicht um eine gepolsterte Luxus-Kabine mit Heizung und Windschutz, sondern einen harten Freiluft-Holzsessel. Was der 20-jährigen U18- (Kombination), U16-Schweizermeisterin (Super G, Slalom, Riesenslalom) und Top 30-Fahrerin im Europacup keine Rolle spielt. Hauptsache, es geht ohne Unterbruch nach oben.

Drei Kreuzbandrisse und eine Meniskus-Operation

Unterbrochen wurde die Karriere durch drei Kreuzbandrisse in vier Jahren und eine Meniskus-Operation im März 2021. Trotzdem bleibt Skirennfahren die Leidenschaft der C-Kader-Athletin. Sie sagt:

«Auch wenn es nach den Verletzungen anfangs mental nicht ganz einfach war, aufhören war nie ein Thema.»

Und weiter: «Ich wüsste nicht, was mir mehr Freude bereiten könnte als Skifahren». Nicht der Blick zurück sei entscheidend, sondern jener nach vorne. «Später Trainerin zu werden, das könnte ich mir vorstellen», fügt Hobby-Köchin Aline Höpli weiter an.

Vorerst Konzentration auf den Slalom

Fünf Monate nach dem letzten Karrieren-Unterbruch befindet sich die willensstarke Frohnatur, der durch die Verletzungen ein Start an der Junioren-WM verwehrt blieb, erneut auf dem Weg zurück. Rund 20 Stunden Training in der Sportlerschule Appenzellerland Teufen und Physiotherapie-Einheiten stehen unter Leitung von Trainer Christian «Gutzi» Gutgsell auf dem wöchentlichen Menüplan. Glücklicherweise freut sie sich meistens auf die täglichen Torturen und empfindet sie nicht als unnötige Schinderei.

Leiden im Kraftraum: Noch spürt sie das Knie hin und wieder, doch sind die Schmerzen verkraftbar, wie sie sagt.

Leiden im Kraftraum: Noch spürt sie das Knie hin und wieder, doch sind die Schmerzen verkraftbar, wie sie sagt.

Derzeit stemmt das Kraftpaket in der tiefsten Kniebeuge 80 Kilogramm, ungefähr 100 sollten es nach dem gezielten Aufbau wieder sein. Der Zeitplan Richtung «Schneetraining ab Oktober» stimmt jedenfalls. Manchmal schmerze das Knie etwas, aber es sei verkraftbar. Wer nicht leiden könne, betonen die momentan auf dem Säntis ein Höhentrainingslager absolvierenden Radprofis Stefan Küng und Stefan Bissegger wie ihr Micarna-Teamkollege Beda Klee, werde es nie ganz nach oben schaffen.

Sportlich zeichnet sich aufgrund der bisher gesammelten Erfahrungen in der ersten Trainings- und Wettkampfphase eine Neuausrichtung an: «Die Verletzungen zog ich mir immer im Riesenslalom zu. Deshalb konzentriere ich mich vorerst auf den Slalom. Dann schauen wir weiter», sagt Aline Höpli. Optionen könnten zu Beginn des Winters Riesenslaloms auf einfacheren Hängen und allenfalls Einsätze im Super G sein.

Sieben Operationen bei Sonja Nef

Das Vertrauen ihres Swiss Ski-Chefs Hans Flatscher geniesst die ehemalige Absolventin der United School of Sports St. Gallen und ausgebildete Kauffrau auf der Gemeindeverwaltung Flawil. Der frühere Frauen-Cheftrainer weiss, was trotz Verletzungen möglich ist. Seine Frau Sonja Nef musste sich während ihrer Karriere sieben Knie-Operationen unterziehen und wurde als Höhepunkte Riesenslalom-Weltmeisterin, Olympia-Dritte und Schweizer Sportlerin des Jahres.

Geduld, Selbstzweifel und Wettkampf-/Trainings-Dosierung werden in den kommenden Wochen und Monaten beim Wiederaufbau des Selbstvertrauens wohl wie einst bei Sonja Nef oder der Amerikanerin Lindsey Vonn ständige Begleiter sein. Aline Höpli sagt:

«Der Aufstieg in den Weltcup
bleibt mein Ziel.»

Zuerst gehe es allerdings darum, sich in FIS-Rennen zu bestätigen und vielleicht reiche es zu Europacup-Einsätzen. Schwinger Pirmin Reichmuth befindet sich nach dem vierten Kreuzbandriss in der gleichen Situation. «Jede Verletzung braucht noch mehr Zeit, um auszuheilen. Das vergisst man manchmal», warnt er vor einem zu ambitionierten Zeitplan.

Vorbild Marcel Hirscher

«Rennpferd» Aline Höpli erinnert von der Einstellung her an ihr Vorbild Marcel Hirscher. Der österreichische Über-Skirennfaher sagte 2009 an der WM in Val d' Isère nach dem 4. Rang im Riesenslalom auf dem Weg zum Hotel: «Mich muss niemand trösten. Mein Ziel war jetzt und heute das Podest. Das habe ich verpasst. Ich werde noch härter dafür arbeiten, dass ich irgendwann ganz zuoberst stehe.» Das Zitat könnte von der durch den Panathlonclub Wil unterstützten Ski-Allrounderin stammen.

Einen Wunsch hat die fünfköpfige Familie Höpli noch: Sie möchte Weihnachten wieder einmal ohne «bekrückte» Tochter und Schwester feiern. 2017 (linkes Knie), 2019 und 2020 (rechtes) hiess es nach Stürzen im Dezember jeweils unter dem Tannenbaum kaum «O du Fröhliche».

Geforderte Eltern

Die Eltern Jeannette und Thomas Höpli können sich ihre Tochter trotz der belastenden Wochen und Monate nicht ohne Skifahren vorstellen. Schon als kleines Mädchen habe sie nie aufgegeben, mit den älteren Geschwistern Michèle (JO-Leiterin SC Gossau) und Remo (Trainer Renngruppe SC Gossau), der als Absolvent des Skigymnasiums Davos bis 2015 ebenfalls FIS-Rennen bestritt, mithalten wollen.

Mit den drei Kindern waren Mama und Papa mehr gefordert als das Nachwuchs-Trio. Viele Mütter und Väter seien sich, sagen die Höplis, kaum bewusst, was auf sie zukomme, wenn der Nachwuchs im Flachland Skirennen bestreiten möchte. Die Fahrten zu den Trainings, die Skipräparation und Materialbeschaffung, bei Wind und Wetter draussen stehen, an den Wochenenden in aller Frühe aus dem Bett, das alles komme neben der finanziellen Belastung und Verarbeitung von Enttäuschungen zusammen, bringe die ganze Familie an die Grenze.

Viele Ski-Talente, vermuten die Höplis, gingen verloren, weil die Eltern diesen Einsatz schlicht nicht leisten könnten oder wollten. Die Parallelen zur Familie von Sonja Nef sind augenscheinlich. Sonjas verstorbener Vater Willi und Mutter Frida waren ebenfalls mit drei Kindern im Rennsport aktiv. Sonja zog durch, ihre beiden Geschwister setzten andere Prioritäten. (uhu)