«Skiclub Toggenburg» lässt wie eine Lawine die elektronische Musik-Szene erbeben

Die beiden Toggenburger Till Ostendarp und Adi Eberhard sind zurzeit als elektronischer Liveact unterwegs, der sich Skiclub Toggenburg nennt. Vergangenen Freitag spielten sie in der Tankstelle in St. Gallen.

Corinne Bischof
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Die beiden Toggenburger Adi Eberhard und Till Ostendarp (von links) spielten fünf Stunden lang elektronische Livemusik. (Bild: Corinne Bischof)

Die beiden Toggenburger Adi Eberhard und Till Ostendarp (von links) spielten fünf Stunden lang elektronische Livemusik. (Bild: Corinne Bischof)

Oberhalb des Stadtzentrums in St. Gallen, irgendwo zwischen Neumarkt und Riethüsli, steht eine Tankstelle. Eine Tankstelle, die für einige St. Galler und St. Gallerinnen immer wieder zum Mittelpunkt ihres Nachtlebens wird. Die Tankstelle in St. Gallen ist eine Bar – aber keine gewöhnliche. Sie ist der Treffpunkt für viele Einheimische, ein Ort für unkonventionelle Musik, ein Platz für Tanz und Freiheit und ein Heimkommen für Auswärtige.

In dem kleinen Raum, der als Tanzfläche dient, hat sich der Wattwiler Till Ostendarp auf dem Sofa ausgebreitet. Neben ihm sitzt der Bütschwiler Adi Eberhard und sie unterhalten sich leise. Gemeinsam sind sie der Skiclub Toggenburg. Aber genau wie die Tankstelle in St. Gallen auch keine Tankstelle ist, ist der Skiclub Toggenburg auch kein Skiclub – sondern ein elektronischer Liveact, der ähnlich wuchtig wie eine Lawine ist.

Stromschläge verwandeln den Zufall in Musik

Weiter hinten im Raum steht ein Pult, auf dem normalerweise ein DJ seinen Computer bedient. Heute blinken dort Hunderte von verschiedenen Knöpfen in allen Farben und Formen. Es ist die Maschine von Ostendarp und Eberhard, ein elektronisches Gebilde von Launchpads und Midi-Controllern, das zufällige Stromschläge in wummernde Beats und rhythmische Sequenzen verwandelt.

Till Ostendarp und Adi Eberhard stehen auf, schlurfen durch den kleinen Raum, drehen da und dort an einem der Knöpfen, horchen, nicken und setzen sich dann an die Bar. Es ist Freitagabend. In rund einer Stunde beginnt ihr fünfstündiges Live-Elektronik-Set und die Tankstelle ist noch fast leer. Die meisten Leute kommen erst spät in der Nacht hierher, wenn der Rest der Stadt langsam aber sicher zur Ruhe kommt. Till Ostendarp verlangt einen Kaffee und zieht an seiner Zigarette. Nur er darf hier drinnen Rauchen. Adi Eberhard sitzt an der Theke, nimmt einen Schluck von seinem Bier und schlägt im Takt des Basses auf den kleinen Tisch vor ihm. Die Musik, die im Hintergrund läuft, ist seine, oder besser gesagt, die seiner Maschine.

Der Skiclub Toggenburg steht für Fortschritt

Elektronische Live-Musik ist ungewöhnlich. Heutzutage laufen in den Clubs oder an den elektronischen Tanzveranstaltungen, auch «Raves» genannt, oftmals vorher geschnittene, gemixte und verpackte Sounds, die von einem Computer wiedergegeben werden. Till Ostendarp und Adi Eberhard leben für den Fortschritt in der Musik, für neue Technologien, neue Konzepte und anspruchsvolle Ideen. Vier Jahre hat Adi Eberhard gebraucht, bis er die Maschine, den «Organismus», wie er gerne sagt, zusammengebaut hat und bedienen konnte. Vier Jahre, in denen er viel gelesen, Geld und Zeit investiert und Erfahrungen gesammelt hat.

Für Till Ostendarp und Adi Eberhard ist die Tankstelle wie ein Zuhause. Hier haben sie in der Vergangenheit immer wieder ihre Sounds austesten können, gemeinsam Geschichten erlebt und viel Zeit verbracht. Dass der Skiclub heute Abend fünf Stunden lang in der Tankstelle spielt, hat auch seinen Grund. Die Tankstelle und die beiden jungen Männer wollen gemeinsam eine neue Musikanlage einweihen, die für heute Abend vom Skiclub Toggenburg gesponsert wurde. Das Geld stammt aus ihrem Verein für elektronische Tanzveranstaltungen, der aufgelöst wurde.

In eine andere Welt eintauchen

Und die neue Musikanlage funktioniert: Im Verlaufe des Abends füllt sich die Tankstelle mehr und mehr. Die Tanzfläche ist voll, es wird getanzt und gelacht und im flackernden LED-Licht sieht man Till Ostendarp und Adi Eberhard hinter ihrer Maschine stehen. Mit geschlossenen Augen drehen sie an den Knöpfen, verschieben Regler und lassen die Musik für sich sprechen. Es ist, als ob man in eine andere Welt eintauchen würde. Eine Welt inspiriert von Frank Zappa und Ricardo Villalobos, revolutioniert von Till Ostendarp und Adi Eberhard.

Nach fünf Stunden, um etwa drei Uhr morgens, ist das fünfstündige Live-Set vorbei. Till Ostendarp und Adi Eberhard sind zufrieden. Nur eines würden die beiden Toggenburger jetzt noch verändern wollen: Dass es in allen Jugendzentren die gleichen Soundsysteme gibt, wie in unseren Altersheimen.