Interview

Sie belegen die ersten Ersatzplätze zweier Toggenburger Kantonsräte: Joel Müller und Christian Vogel treffen sich zu einer Stammtischrunde

Joel Müller und Christian Vogel sind keine 25 Jahre alt und überraschten mit den Resultaten ihrer ersten Kantonsratskandidatur.

Fabio Giger
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Die heimlichen Gewinner der Kantonsratswahlen im Streitgespräch: Joel Müller (links) und Christian Vogel.

Die heimlichen Gewinner der Kantonsratswahlen im Streitgespräch: Joel Müller (links) und Christian Vogel. 

Die Jungpolitiker Christian Vogel (SVP) und Joel Müller (SP) waren an den Kantonsratswahlen die heimlichen Gewinner: Hinter den bisherigen Kandidaten holten sie in ihren Parteien die meisten Stimmen und belegen die ersten Ersatzplätze. In einer Stammtischrunde unter Gleichaltrigen entbrennt eine Diskussion über die Politik der Jungen, die Frauenquote und Soja-Flächen im Toggenburg – und man ist hier per Du.

Joel und Christian, ihr beide setzt eure Pflöcke an den äusseren Rändern des politischen Spektrums, trägt das Gedankengut eurer Partei radikal nach aussen. Haben euch die Leute deshalb gewählt?

Joel Müller: Ich bin nicht so radikal wie Du vielleicht meinst. Bei Kantonsratswahlen geht es darum zu zeigen, dass man etwas bewirken kann und verändern will. Das ist uns beiden wahrscheinlich gut gelungen.

Christian Vogel: Ich sehe mich auch nicht als Pol-Politiker, eher als Toggenburger Durchschnitt. Von meiner Position lasse ich mich nicht abbringen. In der Realpolitik muss man natürlich auch mit politischen Gegnern Kompromisse finden.

Sprechen wir doch über das, was ihr beide wohl am besten könnt: Wahlkampf machen. Christian, was war dein Schlüssel zum Erfolg?

Christian: Die enge Zusammenarbeit mit Lukas Huber war bestimmt ein wichtiger Erfolgsfaktor. Wir konnten uns die Arbeit teilen und voneinander profitieren. Wichtig war auch die aufwendige Plakatkampagne. Wir bauten alle Plakatgestelle selbst, waren aber auch häufig bei den Leuten. Schwierig zu sagen, wie ich meine Stimmen einfuhr.

Joel, du hast einen starken Social Media-Auftritt hingelegt. Mit Instagram-Videos haben dich deine Unterstützer regelrecht auf den Ersatzplatz argumentiert.

Joel: Auf Social Media und bei Strassenaktionen konnte ich auf die Unterstützung meiner Familie und Freunde zählen. Mit Instagram erreichte ich relativ schnell viele Leute. Meine Followers taten mir schon langsam leid, ich postete jeden Tag neue Beiträge. Aber im Endeffekt muss man die Leute mobilisieren, auch wenn es zu nerven beginnt.

Hattet ihr die Nase vom Wahlkampf nie voll?

Christian: Nein, im Gegenteil. Ich hätte problemlos noch etwas weitermachen können. Aber das nähere Umfeld war schon froh, als der 8. März näherkam.

Joel: Bei mir ist es ähnlich. Ich geniess es aber, mehr Zeit für anderes zu haben.

Laut neuesten Umfragen interessieren sich junge Schweizer immer weniger für Politik. Wie wollt ihr als Aushängeschilder für eine junge Politik dies ändern?

Joel : Es wäre wichtig, schon in der Schule Staatskunde zu vermitteln. Schüler sollten lernen wie wichtig die Teilhabe an der Demokratie ist. Leute engagieren sich künftig weniger in Parteien, sondern vermehrt in Bewegungen. So wie beim Klima- oder Frauenstreik. Diese Form wird insbesondere für junge Menschen immer wichtiger.

Christian: Wenn mir Junge sagen, Politik sei zu kompliziert, dann gebe ich ihnen ein einfaches Beispiel, wo Politik ihr tägliches Leben beeinflusst. Viele wissen nicht, dass das Volk souverän ist. Oder dass man den Steuersatz an der Bürgerversammlung festlegt. Mit Joel gehe ich einig, dass Politik an die Schule gehört. Natürlich total parteiunabhängig.

Welche Ideen würdet ihr als erstes anschneiden, wenn ihr in den Kantonsrat nachrücken könntet?

Joel: Auf jeden Fall klimapolitische Themen. Die regionale Wirtschaft und Landwirtschaft kann auch davon profitieren. Auch der öffentliche Verkehr ist mir wichtig. Der derzeitige Anschluss in Wil Richtung St.Gallen ist für Pendler aus dem Toggenburg schlicht unzumutbar. Und das Spital Wattwil muss erhalten bleiben. Die Landbevölkerung hat ein Recht auf die gesundheitliche Grundversorgung.

Christian, was sind deine Ideen?

Christian: Mir liegt die Einbürgerungsthematik am Herzen. Da hat der Kanton viel Spielraum und muss strenger werden. Ich will mich auch für die Landwirtschaft einsetzen. Man darf den Bauern kein staatliches Diktat aufzwängen, sondern muss unternehmerischen Spielraum gewähren. Nur so können sie innovativ wirtschaften. Im Toggenburg bauen Landwirte Bergweizen an, andere betreiben eine Biogasanlage mit Fernwärmenetz. Natürlich will ich auch das Spital erhalten und Themen einbringen, welche die Leute beschäftigen.

Was heisst das?

Christian: Es kann doch nicht sein, dass ein Jodelchörli 200 Franken bezahlen muss, um eine Tafel für eine Abendunterhaltung am Strassenrand hinzustellen. Ich will einer sein, der die relevanten Probleme der Bevölkerung anpackt.

Nicht alles, was Nahe an den Leuten ist, ist automatisch relevant.

Christian: Einverstanden. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass es im Kantonsrat immer mehr um Profit, «Pöstli» und persönliche Vorteile geht. Man muss wieder mehr bewirken.

Wie kommen eure jugendlichen Ideen in einer doch eher überalterten Politik an?

Joel: Meine Ideen wurden vom ersten Tag an sehr positiv aufgenommen. Ich habe beispielsweise eine Social-Media-Schulung durchgeführt, die total gut ankam. Auch die älteren Parteikollegen waren sehr offen und haben dazugelernt. Politischen Ideen stehen sie sehr offen gegenüber.

Christian: Politik ist manchmal schon eine etwas verrostete Sache. Aber viele Wähler sind froh, dass man etwas frischen Wind in gewisse Themen einbringt. Beispielsweise stand die Einbürgerungsthematik in Vergangenheit kaum mehr zur Diskussion. Man muss gar nicht immer mit neuen Problemen kommen. Wichtig ist, wie man diese angeht.

Christian, bist du ein Politiker der Ewiggestrigen?

Christian: Nein, das würde ich nicht sagen. Aber die Rezepte, die unseren Staate, so weit gebracht hat – Föderalismus, Unabhängigkeit, die direkte Demokratie, Neutralität – sind wichtige Grundpfeiler. Darum müssen wir sie weiter pflegen und schützen. Ich will aber durchaus aktuelle Themen einbringen.

Joel, bist Du ein Politiker der Zukunftsillusionen?

Joel: Ich sehe mich als Menschen, der die Werte von heute vertritt: Offenheit, Toleranz, rücksichtsvolles Zusammenleben, Gerechtigkeit. Das hat mich schon mit zwölf Jahren angetrieben, als ich mich für Politik zu interessieren begann. Ich mache Politik für alle, statt für wenige. Deshalb will auch die Bauern im Obertoggenburg nicht hängen lassen.

Ich habe das Gefühl, im Thema Landwirtschaft, da würdet ihr euch fast schon einig werden?

Christian: Wir müssen den Toggenburger Bauernstand mit Direktzahlungen weiter stützen, aber man darf sie nicht in ein enges Staatskorsett zwängen. Es muss Spielraum für Innovation und Tradition geben.

Joel : Eine kreative, innovative Landwirtschaft ist zu fördern. Subventionen sollte es aber nur für biologische Landwirtschaft, nicht für Viehwirtschaft geben. Es ist unverständlich, wieso man methanintensive Viehhaltung fördert und billiges Fleisch produziert.

Was soll man denn mit all unseren Grasflächen hier machen?

Joel: Wir müssen nicht jeden Millimeter bewirtschaften. Es sind kreative Lösungen gefordert Warum nicht Soja im Toggenburg anpflanzen?

Christian: Joel, das widerspricht jeder Toggenburger Lebensrealität! Hier Soja anzupflanzen funktioniert nicht! Die Bauern haben weder ebene Flächen, noch die entsprechenden Maschinen.

Joel: Du siehst die Dringlichkeit der Klimakrise nicht. Mit deiner Politik gefährdest du nicht nur die Bauern, sondern die ganze Region. Bald wächst hier gar nichts mehr. Wir müssen das Problem, für das auch die Viehwirtschaft verantwortlich ist, endlich angehen.

Christian: Dann will ich, dass du deine Ideen in der Markthalle vor versammelter Bauernschaft formulierst.

Joel: Gerne, da habe ich überhaupt keine Berührungsängste. Wir müssen versuchen, bis 2030 unsere Klimaziele zu erfüllen. Realistisch gesehen schaffen wir dies aber sowieso nicht.

Wieso nicht?

Joel: Weil die Bürgerlichen im Parlament in der Mehrheit sind.

Christian: Ich habe lieber nicht erfüllte Klimaziele, statt Toggenburger Bauernfamilien, die ihren Boden nicht bewirtschaften können.

Anderes Thema: 2019 rückte die Rolle der Frau stärker in den Fokus. Sie werden stärker gepusht. Ihr seid junge Männer und wurdet doch auf die ersten Ersatzplätze gewählt.

Joel: Ich finde die Ergebnisse dieser Wahl aus dieser Perspektive desaströs. Frauen sind in der Politik massiv untervertreten. In meinen Augen war besonders die Frauenliste der CVP diskriminierend. Alle Bisherigen standen auf der Hauptliste. Den Frauen hat man die Wahlchancen so von Anfang an genommen.

Habt ihr Angst, dass es für eure Karriere ein Nachteil sein könnte, ein Mann zu sein?

Joel: Nein, überhaupt nicht. Ich würde einer Frau in einem politischen Amt jederzeit den Vortritt gewähren. Momentan brauchen wir unbedingt eine Frauenquote. Sie machen ihre Arbeit mindestens genauso gut wie Männer.

Christian: Ich habe keine Angst, im Gegenteil: Die Nachteile für Frauen müssen aus der Welt geräumt werden.

Was denkst du zur Frauenquote?

Christian: Das ist eine Grundsatzfrage. Frauen würden mit einer Quote gesetzlich bevorzugt. Der Staat hat aber jeden Bürger gleich zu behandeln.

Joel: Aber der Bund hat auch die Aufgabe, bei Missständen korrigierend einzugreifen. Sei dies in der Gesellschaft oder in der Wirtschaft.

Christian: In meinem Jus-Studium sind die Frauen nicht nur in der Überzahl, sie sind auch brutal gut – so wie es 2020 auch sein sollte. Da täte man einer Frau unrecht, sie mit einer Quote in eine gute Position zu hieven.

Als erster Ersatz eurer Partei könnte es in den nächsten vier Jahren auf einmal schnell gehen und ihr sitzt im Kantonsrat. Verfolgt ihr die Beschlüsse und Tätigkeiten des Parlaments jetzt aufmerksamer?

Christian: Über den Rücktritt eines Parteikollegen möchte ich gar nicht erst spekulieren. Das wäre unanständig und auch etwas voreilig. Aber natürlich verfolge ich es nun etwas anders. Dank den Wahlen bin ich der Politik einen deutlichen Schritt nähergekommen.

Joel: Selbstverständlich wäre ich bereit und motiviert loszulegen. Aber ich rechne nicht wirklich damit, in den nächsten vier Jahren nachrücken zu können. Beide Bisherigen konnten ihren Sitz mit guten Resultaten bestätigen. Alss Ersatzkandidat sehe mich aber in der Pflicht, am Geschehen im Kantonsrat dranzubleiben.

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