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Sicher oder bestens überwacht? Wattwiler Bildhauer spinnt in Lichtensteig ein Netz

Der Wattwiler Bildhauer Roland Rüegg spinnt im Keller des ehemaligen Polizeipostens in Lichtensteig ein unheimliches Spinnennetz. Er nennt das Netz «Darknet».
Michael Hug
Künstler Roland Rüegg lässt im Lichtensteiger Keller eine Spinne ihre Fäden ziehen. Mit dieser Metapher stellt er den Wunsch nach Sicherheit zur Diskussion.Bild: Benjamin Manser

Künstler Roland Rüegg lässt im Lichtensteiger Keller eine Spinne ihre Fäden ziehen. Mit dieser Metapher stellt er den Wunsch nach Sicherheit zur Diskussion.Bild: Benjamin Manser

Wer in den Keller des ehemaligen Polizeipostens will, muss sich durch weitgespannte Spinnennetze hinunterhangeln. An sich nichts Aussergewöhnliches. Denn in Kellern sind Spinnennetze nicht selten anzutreffen. Dabei spinnt und spannt die Spinne ihr Netz auch im Dunkeln. Dumm läuft es dann für denjenigen, der sich darin verstrickt. «Darknet» nennt Roland Rüegg sein verfängliches Netz im Polizeikeller.

Die Unterwelt in den Kellern

«Unterwelt» ist eine Ausstellung der Kunsthallen Toggenburg. Sie findet in verschiedenen Kellern in Lichtensteig statt und dauert noch bis Samstag, 21. September. Geöffnet ist die Ausstellung täglich ab 14 Uhr, Montag bis Donnerstag bis 19 Uhr, Freitag und Samstag bis 22 Uhr, Sonntag bis 17 Uhr, jeweils mit Rahmenprogramm.

Polizei – gefangen – Gefängnis – Verlies – verlassen. Klebrige Metaphorik hängt in der Luft. Beziehungsweise hängt in den Ecken und an den Wänden der Kellertreppe, des Heizungsraums, des ehemaligen Vorratskellers. «Darknet» – ein Netz im Dunkeln, im Verborgenen, ständig da und doch nicht für alle sichtbar.

Die Spinne lauert in der dunkelsten Ecke

Die Spinnerin des Netzwerks, die Spinne selbst, lauert in der dunkelsten Ecke. Auf ihrem Bildschirm hütet sie ihre Opfer: Personen, die sich im Raum bewegen. Wenn diese genau hinsehen, erkennen sie sich selbst wieder. Und erschrecken: Die Spinne hat einen erwischt. Man ist auf ihrem Schirm, auf ihrem Radar.

Der Gedankenschritt zur Realität ist nun nicht mehr gross: Ständig sind die Menschen überwacht. Sie sind umzingelt von Kameras, ihre Daten werden gesammelt. Ihre Aufenthaltsorte, ihre persönlichen Daten, Angaben über ihr Verhalten, ihre Gewohnheiten, ihr Tun. Auch an Orten, wo die Leute glauben, dass sie persönlich und intim, ja gar geheim sind. Werden bald auch die Gedanken in den Köpfen der Leute überwacht und gespeichert?

Sicher oder bestens überwacht

Der Wattwiler Künstler Roland Rüegg stellt mit seinem «Darknet» den Wunsch nach Sicherheit zur Diskussion:

«Sicherheit geht immer einher mit Überwachung. Aber letzten Endes weiss niemand, ob er oder sie wirklich sicher ist, oder nur bestens überwacht.»

Überwachung richtet sich, so die irrige Meinung, auf andere. Doch man selbst ist ebenso ständig überwacht, verfolgt, registriert, und zwar tiefer und detaillierter als man ahnt. Die Menschen können die klebrigen Fäden des Spinnennetzes nicht von den harmlosen unterscheiden. Und die Überwachungspinne lauert im Zentrum ihres Netzes, ihres weltumspannenden, globalen Networks, mit ihren Bildschirmen, Servern und Festplatten.

«Zuerst war der Stein.» Roland Rüegg meint dies nicht im Sinne der erdgeschichtlichen Entwicklung, sondern in seiner ganz persönlichen Geschichte. Der heute 55-jährige Bildhauer aus Necker lernte Elektromonteur und Steinmetz. Er bearbeite Steine, gestaltete Grabsteine, restaurierte historische Gebäude, Gärten und Kunstwerke. Und wurde selber Künstler: «Ich spürte schon als junger Erwachsener, dass ich etwas ausdrücken möchte.» Die Steinhauerei, eines der ältesten Gewerbe, sei immer schon zu Zwecken der Kunst und des Nutzens eingesetzt worden: «Ein Steinmetz ist ein reproduzierender Handwerker. Er arbeitet im Sinne eines Auftraggebers. Das sah ich schon während der Ausbildung und deshalb begann ich in der Freizeit, an eigenen Ideen zu arbeiten.»

Möbel aus Baumstämmen

Im Laufe der Zeit kam Holz dazu. Rüegg schuf Möbel aus Baumstämmen, Wurzelstrünken, Balken. Archaische Kunstwerke, nicht zum Zwecke der Nutzung aus einem einzigen Stück Holz gehauen, sondern als Sinnbilder für überbordendes Konsumverhalten, Metaphern der Wegwerfgesellschaft. Rüegg: «Der Stein fordert. Er ist nicht so spontan wie Holz. Es ist schwierig, in Stein etwas Neues zu machen. Und ich finde, Kunst soll immer wieder neu sein.» Darum arbeitet der Wattwiler heute immer mehr installativ. Installationen sind eine flüchtige Kunstform: «Ich will Anschauliches machen und gleichzeitig irritieren. Kunst muss irritieren.» Oder zu Erkenntnissen führen.

So wird das «Darknet» im Keller des Polizeipostens nach der Ausstellung «Unterwelt» in zwei Wochen wieder verschwunden sein. Doch die Erkenntnis, dass Menschen selbst im tiefsten und dunkelsten Kellern nicht vor der grossen Datensammlerspinne gefeit sind, bleibt.

Spezieller Browser nötig

Den Begriff «Darknet» existiert auch ausserhalb des Kellers in Lichtensteig. Als «Darknet» wird der Teil des Internets bezeichnet, der nicht über herkömmliche Suchmaschinen gefunden werden kann und für den ein spezieller Browser nötig ist. Oft wird er im Zusammenhang mit illegalen Aktivitäten genannt, er dient allerdings auch für hehre Absichten, indem er eine sichere und anonyme Kommunikation ermöglicht.

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