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Schwer verunfallt und in die rechte Szene abgerutscht – jetzt kämpft sich der Toggenburger Pascal Brändle zurück ins Leben

Ein Unfall beim Holzen warf ihn komplett aus der Bahn. 44 Operationen, psychische Probleme, ein Abrutschen in die rechtsradikale Szene folgten. Zehn Jahre später will er sich als Kampfsportler zurückkämpfen.
Urs Huwyler
Über neun Stunden pro Tag verbringt Pascal Brändle in einem Trainingslokal in Schlieren. (Bild: Urs Huwyler)

Über neun Stunden pro Tag verbringt Pascal Brändle in einem Trainingslokal in Schlieren. (Bild: Urs Huwyler)

In Mosnang wird normalerweise Radball gespielt. Oder am Seil gezogen, gelaufen und geturnt – aber nicht auf den selbst am Boden liegenden Gegner eingeprügelt. «Früher war ich in der Tracht an Viehschauen in der Region und an den Silvester-Chlaus-Anlässen unterwegs, habe gejodelt und gesungen», erzählt der Mosnanger Pascal Brändle.

«Doch der 9. November 2009 hat mein Leben innerhalb von Sekunden verändert. Nichts war mehr wie vorher.»

44 Operationen und acht Monate Spital

Der damals selbstständige «Chrampfer» Pascal Brändle verunglückte unverschuldet beim Holzen. Es folgten bis heute 44 Beinoperationen, acht Monate Spitalaufenthalt, es drohte eine Amputation. «Ich verlor den Boden unter den Füssen, bekam psychische Probleme, wusste nicht weiter. Wenige Freunde blieben mir, ich rutschte mitten in die rechtsradikale Szene ab, verprügelte grundlos Leute und machte Privatkonkurs. Mir wurde der Führerschein entzogen und dreieinhalb Jahre Gefängnis drohten. Ich musste eine Therapie absolvieren. Mein Leben geriet aus den Fugen», spricht der 32-Jährige Klartext.

Nicht zuletzt die Aussicht, hinter Gitter gesteckt zu werden, brachte den Toggenburger zum Umdenken. «Ich wollte allen beweisen, dass ich es schaffe, nicht aufgebe. Heute habe ich nichts mit der rechtsradikalen Szene zu tun», betont Brändle. Mit dem Kampf in Vaduz und um den SM-Titel soll die erste «Melde mich zurück»-Phase abgeschlossen werden. Ein wichtiges Ziel hat er durch sein Umdenken erreicht:

«Mein Bruder hat zwei Jahre nicht mehr mit mir gesprochen. Jetzt ist er wieder eine wichtige Bezugsperson.»

Kollege in einer Multikulti-Truppe

Seit Monaten trainiert der momentan in Fischenthal lebende «Rückkehrer» wie ein Besessener. Fünf Stunden Schlaf müssen ihm genügen. Morgens in aller Frühe fährt er mit dem Velo auf den Bahnhof, abends gegen 23 Uhr kehrt er zurück. Die Yogaka MMA Academy in Schlieren ist zum Mittelpunkt geworden.

Umstrittener Kampfsport

Mixed Martial Arts (Gemischte Kampfkünste/MMA) ist eine Vollkontakt-Kampfsportart. Die Kämpfer bedienen sich Schlag- und Tritttechniken (Striking), des Boxens, Kickboxens, Judo, Taekwondo, Muay Thai, Karate und auch der Bodenkampf- und Ringtechniken (Grappling). Dass im Bodenkampf geschlagen und getreten werden darf, ist ein Hauptunterschied zu anderen Vollkontaktsportarten. Im deutschen Fernsehen führte die «Gewalt und Brutalität» im Jahr 2010 zum Sendeverbot von MMA-Profikämpfen. Im Jahr 2014 wurde das Verbot wieder aufgehoben.

Die drei Buchstaben MMA lösen bei vielen Leuten ungute Gefühle aus. Vergleich zu «Brot und Spielen im alten Rom» werden gezogen. Zudem bot die MMA-Szene wiederholt Rechtsradikalen eine Plattform und bei manchen Kampfabenden waren Nazi-Symbole zu sehen. «Ich kenne alle Vorbehalte. Nicht alle sind falsch», stellt sich der MMA-Kämpfer Pascal Brändle der Kritik. An der «Liechtensteiner Benefiz Fight Night» Vaduz erhält er am Samstag, 21. September, erstmals einen internationalen Kampf zugesprochen. Gegner in der Klasse 77 kg wird der ihm unbekannte Österreicher Julian Colovan sein. Pascal Brändle kann dieses Jahr noch um den Schweizer-Meister-Titel kämpfen, unabhängig vom Resultat des Kampfes gegen Julian Colovan. (uhu)

Im Gegensatz zu den einschlägigen Filmen befindet sich das Trainingslokal nicht in einem Hinterhof, aber ebenfalls abseits der grossen Zentren in einem Fabrikgebäude. Rund neun Stunden verbringt Pascal Brändle täglich dort.

Gäbe es noch Zweifel, dass es sich bei den überstochenen Tattoos nicht um Kosmetik, sondern um einen Gesinnungswandel handelt, beim Eintritt ins Kampflokal wären sie zerstreut gewesen. Russen, Zürcher, Serben, Mosliger, Türken, Muotathaler, Hell- oder Dunkelhäutige: In der Halle schwitzt eine Multikulti-Truppe. Vom russischen Ringer-Meister über den Bodybuilding-Schweizer-Meister bis zum MMA-Profi ist die ganze Palette vertreten. «Ich kann kein Rechtsradikaler mehr sein», sagt der gelernte Metzger Brändle, dessen auf dem T-Shirt gedruckter Beruf zum «Künstlernamen» in der Kampfsport-Szene werden dürfte.

Ehrgeiziger Quereinsteiger wird gefördert

Einer unterbricht das Training, rollt seinen Teppich aus, beginnt zu beten. Niemand reagiert. «Für mich ist es ein Glück, dass ich hier trainieren darf. Ich kann mich mit Weltklasseleuten messen, sie haben keine Vorbehalte, freuen sich über meine Fortschritte», schwärmt er, bevor er zum Sparring-Boxen und Ringen gebeten wird. Dort geht die Post ohne Rücksicht auf Verluste ab. «Ich kann meine Emotionen und Aggressionen abbauen», fügt er geschafft und doch entspannt an.

Am Samstag wird Pascal Brändle bei seinem ersten internationalen MMA-Kampf noch härter als beim Ringen angefasst. (Bild: Urs Huwyler)

Am Samstag wird Pascal Brändle bei seinem ersten internationalen MMA-Kampf noch härter als beim Ringen angefasst. (Bild: Urs Huwyler)

Rafael Perlungher, ein international anerkannter Fachmann mit 40 Jahren Kampfsport-Erfahrung und Inhaber der Academy, fördert den ehrgeizigen Quereinsteiger aus Mosnang. Der, so ist zu hören, über einen extremen Willen und Kampfgeist verfüge. Brändle: «Ich möchte mich jeden Tag verbessern. Während der letzten zehn Jahre habe ich viele schmerzhafte Erfahrungen gesammelt, habe ausgeteilt und eingesteckt. Davon kann ich nun im Sport profitieren.»

Ein EM-Kampf soll folgen

Irgendwann soll ein EM-Kampf folgen. Was ohne Sponsoren kaum möglich sein dürfte. «Einige Leute, allen voran mein Bruder mit seiner Firma, unterstützen mich. Wenn ich in einem Gespräch meine Geschichte erzählen und erklären kann, was ich mache, weicht die anfängliche Skepsis jeweils. Das stimmt mich zuversichtlich», sagt jener Mann, der wegen seiner langen Arme bei geschickter Verteidigungstechnik den Gegner auf Distanz halten soll.

Gelingt es nicht und er geht am Samstag im Kampf in Vaduz windelweich geschlagen blutüberströmt zu Boden?

«Dann stehe ich auf und kämpfe weiter.»

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