Interview

«Simon Ammann war ein Sonderfall»: Der Skispringer absolvierte die Matura bereits nach dem neuen Modell der Kanti Wattwil

Die Kanti Wattwil führt eine Talentklasse Sport ein. Damit sollen junge Sporttalente Training und Schule besser unter einen Hut bringen können.

Julia Engel
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Die neue Klasse zieht gerade noch vor dem Bau des Campus Wattwil in den Altbau ein.

Die neue Klasse zieht gerade noch vor dem Bau des Campus Wattwil in den Altbau ein.

Bild: Michel Canonica

Wie kam es zur Einführung der Talentklasse Sport?

Martin Gauer: Dieses Konzept haben nicht wir selber erfunden. Wir orientieren uns dabei an den Richtlinien von Swiss Olympic. Ein anderes Beispiel einer Sportschule ist das Kunst- und Sportgymnasium Rämibühl, dessen bewährtes Modell wir auf die Bedürfnisse unserer Schule adaptiert haben. Bereits seit über 20 Jahren haben wir für die Sportlerinnen und Sportler individuelle Lösungen mit reduzierten Unterrichtspräsenzen gefunden.

Matura und Sportkarriere zugleich

Die Kantonsschule Wattwil (KSW) startet einen Schulversuch, indem sie eine Talentklasse für Sporttalente einführt. Diese könnten so die Matura mit dem Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht absolvieren und müssen ihre sportliche Karriere trotzdem nicht links liegen lassen.

Länger, aber weniger lang Schule

Die Zeit am Gymnasium wird auf fünf Jahre verlängert, die Anzahl Lektionen sinkt dadurch pro Woche auf deren 25. Von den Sportlektionen werden die Sportschülerinnen und -schüler beispielsweise dispensiert. «So haben die Sportlerinnen und Sportler am Nachmittag früher unterrichtsfrei, können ihre Hausaufgaben früher erledigen und abends ins Training gehen. Zudem verbleibt genügend Zeit für die Regeneration. Auch auf Trainingslager und Wettkämpfe werden wir mit einer neuen, reinen Sportklasse besser Rücksicht nehmen können», erklärt Rektor Martin Gauer die Vorteile des neuen Modells.

Die Planung des neuen Sportkonzepts habe bereits vor über einem Jahr begonnen. Im Herbst 2019 habe der Erziehungsrat der KSW die Bewilligung für einen Schulversuch erteilt. Die Anzahl Schülerinnen und Schüler, die für eine Klasse benötigt werden, könne man laut Gauer noch nicht genau beziffern. Doch meint dieser: «Wir haben in den letzten Wochen alle Verbände und Oberstufen-Schulen über den neuen Ausbildungsgang informiert und sind zuversichtlich, dass sich genügend Sportlerinnen und Sportler dafür interessieren.»

Hinweis
Der Anmeldeschluss für die Aufnahmeprüfung der Kantonsschule Wattwil ist am 11. Februar 2020.

Wie hat das Sportmodell von früher funktioniert?

Das hat insgesamt nicht schlecht funktioniert. Allerdings waren die Belastungen für die Sporttalente immens hoch. Sie haben die Matura trotz häufiger Trainings in derselben Zeit geschafft wie alle anderen.

«Simon Ammann, ehemaliger Schüler der Kanti Wattwil, war ein Sonderfall. Er holte seine ersten beiden olympischen Goldmedaillen noch während seiner Kantizeit. Schon er absolvierte deshalb die Matura in fünf statt vier Jahren.»

Betriebsorganisatorisch war das immer eine Herausforderung, doch es gab damals noch zu wenige Spitzensportler, um an eine Sportklasse zu denken. Die Fallzahlen dieser in der Region haben in den letzten Jahren aber deutlich zugenommen, was vermutlich daran liegt, dass es mehr Sportklassen auf Volksschulstufe gibt und die Vereine professioneller geworden sind.

Welche Sportarten muss man ausüben, um in dieser Klasse aufgenommen zu werden?

Die Sportart ist egal. Wichtig ist, dass ein Leistungszentrum der jeweiligen Sportart in der Region vorhanden ist. Für die Zulassung sind formelle Bedingungen auf schulischer und sportlicher Ebene zu erfüllen. Das heisst, die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium zu bestehen, wie alle anderen Schüler auch, und über ein ausgewiesenes, hohes sportliches Leistungspotenzial zu verfügen.

Wie koordiniert die Schule das, wenn für manche Sportarten mehr im Sommer und für andere mehr im Winter trainiert wird?

Martin GauerRektor der Kantonsschule Wattwil

Martin Gauer
Rektor der Kantonsschule Wattwil

Bild: Emilie Jörgensen

Das ist tatsächlich herausfordernd. In Zürich nimmt man darauf keine Rücksicht, der Stundenplan sieht für alle gleich aus. In Wattwil werden wir mit den Sportvereinen und Leistungszentren reden und versuchen, auf die individuellen Bedürfnisse der Sportler Rücksicht zu nehmen. Allenfalls können die Vereine ihre Trainingszeiten gegenseitig auch besser koordinieren. In bestimmten Sportarten wie beispielsweise im Bereich Ski dürfte die Nachfrage in Wattwil wohl überschaubar bleiben, da diese Sportler vermutlich eher nach Engelberg oder Davos gehen, wo die jeweiligen Wintersport-Leistungszentren in der Nähe sind. Nach Wattwil kommen eher Volleyballer, Unihockeyaner, Eishockeyaner, Fussballer, Ruderer, Kanuten, Biker und mehr. Die zugehörigen Leistungszentren sind in Pendeldistanz und damit von St. Gallen, Wil und Rapperswil gut erreichbar.

Wieso können die Sporttalente nur das Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht wählen?

«Wirtschaft erschien uns als mehrheitsfähige Option.»

Wir mussten eine Priorität setzen, weil wir aufgrund der zu erwartenden Fallzahlen nicht alle Schwerpunkte im neuen Modell anbieten können. Sollte die Nachfrage gross sein, gibt es vielleicht in Zukunft noch weitere Schwerpunkte zur Auswahl.

Sie schreiben, dass es individuelle Nachhilfestunden geben wird. Was heisst das genau?

Für die Schüler dieser Klasse wird es einen Lerncoach geben. Dieser wird für Fragen und Hausaufgabenhilfe zur Verfügung stehen.

Für die Talentklasse haben Sie auch einen Sportkoordinator. Wer ist das und was sind dessen Aufgaben?

Felix Berger ist bereits in der Funktion als Sportkoordinator tätig. Er ist ausgebildeter Sport- und Geographielehrer und kennt damit die Sport- sowie die Unterrichtswelt bestens. Seine Erfahrungen aus der eigenen Sportkarriere helfen an der Schnittstelle zwischen Schülern, Eltern und Vereinen sehr. Da er aus Rapperswil-Jona kommt, verfügt er bereits über die Kontakte zur Sporttalentschule und zu vielen Vereinen in der Gegend.

Um zeit- und ortsunabhängig zu sein, werden digitale Hilfsmittel eingesetzt. Sitzen diese Schüler mit dem Tablet in der Turnhalle?

Digitale Hilfsmittel im Unterricht sind heute eine Selbstverständlichkeit und stehen der ganzen Schule zur Verfügung. Jeder Schüler kommt mit seinem eigenen Laptop zum Unterricht. Die Schule stellt allen einen Office-365-Account mit den notwendigen Software-Lösungen für zeit- und ortsunabhängiges Lernen zur Verfügung. So können diese zum Beispiel im Trainingslager im Tessin die Unterrichtsunterlagen «in Echtzeit» abrufen oder an Gruppenprojekten mitarbeiten. Das wäre vor fünf bis zehn Jahren noch ziemlich schwierig gewesen.

Was passiert, wenn jemand unfallbedingt aus dem Sport für eine längere Zeit aussteigen muss?

«Wer die sportlichen Leistungen nicht erfüllt, muss grundsätzlich die Sportklasse verlassen.»

In solchen Situationen wird man den Einzelfall sehr genau beurteilen müssen und abwägen, wie sich die sportlichen Perspektiven entwickeln könnten. Können die sportlichen Leistungen nicht mehr erbracht werden, wird man die betreffende Person in eine reguläre Klasse aufnehmen. Welche Klassenstufe das im regulären Ausbildungsgang mit vier Jahren Ausbildungszeit bis zur Matura sein wird, dürfte nicht zuletzt vom individuellen schulischen Leistungsstand abhängen.

In den letzten Jahren sprach man an der KSW oft von Sparmassnahmen, die beispielsweise Lektionen selbstorganisierten Lernens und grosse Sportklassen zur Folge hatten. Wie finanziert man die neue Talentklasse?

Dieser Schulversuch kostet natürlich etwas. Lehrer, die als Coach oder Betreuer fungieren, müssen dafür entlastet werden. Diese zusätzlichen Mittel hat der Kanton bewilligt. Sollte durch dieses Angebot die Schülerzahl der KSW stark ansteigen, wird es jedenfalls teurer als bisher, weil jede zusätzliche Klasse automatisch Kosten verursacht. Es ist aber auch denkbar, dass Schüler, die ohne unser Angebot ausserkantonale Sportschulen beispielsweise in Zürich besucht hätten, nun im Kanton St. Gallen bleiben werden und der Kanton so die externen Beschulungskosten von knapp 20 000 Franken nicht mehr übernehmen müsste.

«Es wird sich zeigen, ob das neue Angebot sogar praktisch kostenneutral werden könnte.»

Die Kanti Wattwil strebt die Zertifizierung als Swiss Olympic Partner School an. Was fehlt dafür noch und was wären die Vorteile dieser?

Da sind die Eckpunkte präzise formuliert. Die Schule muss den Sportlern optimale Rahmenbedingungen und Unterstützungsangebote bieten. Auf sportlicher Ebene braucht es die Zusammenarbeit mit den Leistungszentren und Sportvereinen der Region. Diese sind für die sportliche Förderung der Talente zuständig. Bis es zu einer Zertifizierung kommen kann, muss mindestens ein ganzer Durchgang bis zur Matura durchlaufen sein, das wird also frühestens in fünf Jahren der Fall sein. Wird man zertifiziert, ist das natürlich vor allem eine Auszeichnung und ein Qualitätslabel für die Schule. Wir gehen davon aus, dass wir alle Anforderungen problemlos erfüllen werden.

Mit dem Campus Wattwil, dem Jubiläum der Schule und dessen Orchestern sowie der Talentklasse stehen viele Veränderungen an. Was bedeuten diese für Sie als Rektor?

Ich kann als Mitglied der Schulleitung mittlerweile knapp 20 Jahr Schulentwicklung direkt überblicken. Die Sparmassnahmen, die Sie vorhin angesprochen haben, sind immer recht unerfreuliche Geschäfte, die es gilt, möglichst schadlos umzusetzen. Mit Projekten wie dem Campus Wattwil oder der neuen Talentklasse Sport ist das anders.

«Hier kann kreativ Neues geschaffen und nicht nur bisheriges ‹verwaltet› werden.»

Um die Mittel dafür sind wir sehr dankbar. Auch hier im Toggenburg gibt es Oberstufen mit Sportangebot, wie zum Beispiel in Nesslau. Mit unserem neuen Angebot freuen wir uns, leistungsfähigen jungen Sportlerinnen und Sportlern eine direkte Anschlusslösung und eine Perspektive nach der Volksschule zu bieten, in einer Phase, in welcher für eine spätere Sportkarriere entscheidende Weichen gestellt werden.

«Und nicht zuletzt hoffe ich, dass durch das neue Angebot vielleicht etwas Bewegung in die Toggenburger Maturitätsquote kommt und sie endlich wenigstens die Zehn-Prozent-Marke knacken würde.»

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