Serie
Schule ohne Schulhaus – Tagebucheintrag 3 der Lehrerin: Der Sack voller Flöhe fehlt

Die neuen Tools der digitalen Unterrichtswelt sind zwar spannend, aber das Leben im Schulzimmer ersetzen sie nicht.

Trudi Schönenberger-Hofmann
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Das Leben im Schulzimmer fehlt der Lehrerin aus Kirchberg.

Das Leben im Schulzimmer fehlt der Lehrerin aus Kirchberg.

Symbolbild: Alessandro Crinari / Keystone

In der Mitte der zweiten Woche hatte ich zum ersten Mal so einen richtigen Koller: gelöste Aufgaben runterladen, digital korrigieren, auf OneDrive stellen, Link senden – und immer ist mein Gegenüber der Monitor!

Schule ohne Schulhaus

Die Schule findet wegen des Corona-Virus nicht mehr vor Ort statt. Wie kommen die Direktbetroffenen mit der speziellen Situation klar? Eine Lehrerin und eine Schülerin der Oberstufe Kirchberg berichten wöchentlich.

Und dann gibt es Schülerinnen und Schüler, die zu glauben scheinen, dass wir Lehrpersonen doof sind. Mehrere reichen genau das gleiche Blatt ein. Wenn schon mogeln, dann wenigstens kreativ!

Die Mehrheit ist diszipliniert

Zum Glück sind aber nicht alle Tage so. Ein absoluter Aufsteller war, dass viele Schülerinnen und Schüler ihre Korrekturen sehr seriös anschauen und auch Rückfragen stellen. «Wieso gibt 54 mal 24 nicht 108?» – «Weil 5 mal 2 = 10 und das hoch vier» – «Aber Potenzen werden doch multipliziert, indem ihre Exponenten addiert werden!» – «Ja, aber nur bei gleicher Basis.» Ich finde diese Selbstdisziplin der grossen Mehrheit top.

Noch immer lerne ich auch selber viel. Ich vertiefe mich zum Beispiel in Videotutorials. Ich habe mir auch einen digitalen Stift gekauft, mit dem ich direkt auf meinem Tablet schreiben kann. Installieren ist kein Problem, aber wie schreibt man jetzt mit diesem Teil? Mit dem Finger kann ich schreiben, aber nicht mit dem Stift, der zu diesem Computer gehört! Vielleicht hat dafür jemand einen Tipp?

Hilfestellung von der Universität per Youtube

Entdeckt habe ich mittlerweile auch die Hilfestellungen eines Professors der Universität Zürich. Er hat seinen Kurs «digifernunterricht» auf Youtube gestellt. Er gibt Tipps für Tools und sagt auch, dass es ganz wichtig ist, den direkten Kontakt nicht zu verlieren.

Das habe ich umgesetzt und alle Schülerinnen und Schülern angerufen, obwohl ich nicht gerne telefoniere. Ich fragte, wie es ihnen mit dieser Art von Schule gehe. Einigen macht die Zeitplanung Mühe, andere finden es recht locker und haben keine Mühe bei der Zeiteinteilung. Was mir zu denken gab: Einige tönten ein wenig traurig und sagten, dass sie die Schule vermissen und froh sind, wenn sie wieder in die Schule können.

Der richtige Mix fehlt

Mir geht es genau gleich. Ich finde es toll, neue Techniken auszuprobieren, aber der Kontakt zu den Jugendlichen fehlt mir sehr. Den Jugendlichen Schule zu geben, das ist Leben! Sie bringen ihre Welt ins Schulzimmer und manchmal geht auch die Post ab. Dann habe ich das Gefühl, ich hüte einen Sack voller Flöhe – aber, genau dieser Mix ist einer der Gründe, warum ich diesen Beruf gewählt habe!

Trotz allem bin ich dankbar und denke, dass ich auf hohem Niveau jammere, wenn ich sehe, was andere in dieser Zeit zu meistern haben. Schwierig finde ich aber, dass wir noch nicht wissen, wie es nach den Ferien weitergeht. Was ich jetzt schon weiss: Wenn dieses Homeschooling ausgestanden ist, dann machen wir ein Fest!