Schritt zurück in die Gesellschaft: Suchtbetroffene eröffnen Brockenstube in Wattwil

Seit fünf Jahren bietet der Verein Schtäg Hilfe für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Mit dem Projekt «Brockenstube Alchemilla» sollen diese Menschen einen Schritt zurück zur Normalität wagen.

Urs M. Hemm
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Der Verein Schtäg in Wattwil lanciert die Brockenstube "Alchemilla":  Mitinitiantin der Vereins Ursula Füllemann, Projektleiter Antonio Cariola sowie die Bewohnerinnen Erika und Tanja (von links). (Bild: Urs M. Hemm)

Der Verein Schtäg in Wattwil lanciert die Brockenstube "Alchemilla":  Mitinitiantin der Vereins Ursula Füllemann, Projektleiter Antonio Cariola sowie die Bewohnerinnen Erika und Tanja (von links). (Bild: Urs M. Hemm)

«Der Profit steht nicht im Vordergrund», sagt Ursula Füllemann vom Verein Schtäg, Begleitetes Wohnen und Spritzentausch. Auch sei die Brockenstube Alchimella nicht als Konkurrenz zu bestehenden Geschäften zu verstehen, denn dafür seien sie ohnehin zu klein, ergänzt Ursula Füllemann, die seit Anbeginn des Vereins vor fünf Jahren an vorderster Front mit den Klienten zusammenarbeitet.

Vielmehr soll mit dem Projekt «Brockenstube Alchimella» erreicht werden, dass die Bewohner des Hauses Schtäg einen Schritt zurück in Gesellschaft machen und wieder lernen, selbst Verantwortung zu tragen. Die Eröffnung der Brockenstube fand am Montagabend statt. Ursula Füllemann sagt über ihre Klienten unumwunden:

«Manche sammlen, bis sie fast ersticken.»

Wobei sie Sammelleidenschaft nicht als etwas Schlechtes ansehe. Manchmal sei aber der Zeitpunkt gekommen, um sich von Liebgewonnenem zu trennen und Dinge an jemanden weiterzugeben, der sie ebenso schätzt, wie man es selbst tue. Daraus sei schliesslich die Idee der Brockenstube entstanden, welche neben der Entrümpelung von Dachböden und Kellern noch zahlreiche weitere Effekte bewirken soll.

Miteinander reden − aufeinander hören

«Grundsätzlich sind die Klienten selbst für das Führen des Geschäfts verantwortlich», sagt Antonio Cariola, der das Projekt leitet und den Betreibern beratend zur Seite steht. Das gemeinsame Leiten eines Geschäfts bedeute, dass sie sich gegenseitig respektieren, miteinander diskutieren und aufeinander hören müssen. «Dies betrifft einerseits die Ausgestaltung des Angebots. Andererseits müssen sie sich einigen, was mit dem erwirtschafteten Geld passieren soll», erläutert Antonio Cariola.

Dieses könne beispielsweise aufgeteilt, aber auch zusammengelegt werden, um etwas gemeinsam zu unternehmen. Das Geld an sich, sei aber nicht das Wichtigste. «Wesentlich für uns ist der Kontakt der Klienten zur Bevölkerung und dass sie selbst etwas für ihr Geld tun müssen und damit auch wieder ein wenig Selbstachtung erlangen.

«Zum verkaufen gibt es genug»

Erika und Tanja, zwei der Bewohnerinnen des Hauses Schtäg, empfangen an diesem Abend die Kunden in der Garage gleich neben dem Wohnhaus, wo die Brockenstube untergebracht ist. «Sich von Dingen zu trennen ist nie einfach», sagt Tanja, dennoch scheint ihr der Kontakt mit den Kunden und das Verkaufen sichtlich Spass zu machen. Dies umso mehr, als tatsächlich der eine oder andere Gegenstand den Besitzer wechselt und ein wenig Geld in die Kasse kommt.

Werde etwas nicht verkauft, komme es vorerst zurück ins Lager und anderes werde zum Verkauf angeboten. Zum einen gebe es noch mehr als genug zum verkaufen. Zum anderen hätten die Kunden so immer ein anderes Angebot zur Auswahl.

Notwendigkeit mit Zahlen belegt

Der Verein Schtäg wurde im Februar 2013 gegründet, nachdem per
31. Dezember 2012 die Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige (K&A) der Sozialen Fachstellen Toggenburg in Wattwil geschlossen worden war. Ursula Füllemann und Elsbeth Bleiker, damals Betreuerinnen in der K&A, wollten sich mit dieser für sie unhaltbaren Situation nicht abfinden, und ergriffen selbst die Initiative. «Nur weil es keine K&A mehr gibt, sind die Probleme der Drogenabhängigen nicht gelöst», sagte Ursula Füllemann damals. Sie suchten und fanden ein für ihre Bedürfnisse geeignetes Haus zur Miete und gründeten den Verein Schtäg.

Die Notwendigkeit einer solchen Institution belegen die neuesten Zahlen aus der Vereinstätigkeit: Seit 2013 beherbergte der Verein Schtäg in seinen Räumen 14 Erwachsene und zwei Kinder. Aktuell wohnen vier Erwachsene an der Rickenstrasse. Alleine im Monat November diesen Jahres wurden 1111 Nadeln (Oktober 2018: 1107) und 649 Spritzen (459) getauscht. Der Verein finanziert sich aus Geld- und Sachspenden sowie aus Gönnerbeiträgen.

Informationen

Brockenstube Alchimella, Verein Schtäg, Rickenstrasse 12b, Wattwil. Geöffnet jeweils Montags und Dienstags von 16 bis 19 Uhr. Weitere Informationen unter Telefon 071 985 05 32 oder im Internet unter www.schtaeg.ch.