Schreckliches Leid und einige Zuversicht: Nigerianischer Geistlicher berichtet in der Region von den Gefahren für Christen in seiner Heimat

Der nigerianische Priester Obiora Francis Ike gab in Bronschhofen einen Einblick in die Situation seiner Glaubensgenossen in seiner Heimat. Auf seiner Reise in die Schweiz wird er auch noch in Mörschwil Halt machen.

Adrian Zeller
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Flüchtlingslager, islamistische Terrorgruppen sowie die Folgen des Klimawandels treiben in Nigeria zwei Millionen Menschen in die Flucht.

Flüchtlingslager, islamistische Terrorgruppen sowie die Folgen des Klimawandels treiben in Nigeria zwei Millionen Menschen in die Flucht.

Bild: PD

Er komme aus einem gesegneten Land, hob Obiora Francis Ike, ein Priester aus Nigeria, in seiner rund zehnminütigen Predigt vor einer gut gefüllten Kirche in Bronschhofen hervor. «Bei uns in Nigeria scheint von Januar bis Januar die Sonne, abgesehen von einzelnen Regenphasen.

Zur Person

Obiora Francis Ike

Obiora Francis Ike

Der 1956 in Nordwestnigeria geborene Monsignore Obiora Ike studierte in Innsbruck Philosophie, Politikwissenschaften und Theologie. Monsignore ist ein päpstlicher Ehrentitel. Obiora Ike wurde 1981 in Vorarlberg zum Priester geweiht.

An der Universität in Bonn doktorierte er und habilitierte sich in Sozialethik, Geschichte und Afrikanistik. In der Folge lehrte er weltweit an verschiedenen Hochschulen. Er gründete in Nigeria verschiedene Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Gerechtigkeit, Selbstbestimmungsrecht und Existenzgründung beschäftigen. Ike gilt als engagierter Verfechter der Menschenrechte. Er sieht Bildung als wichtiges Instrument zur Befreiung der Menschen. Derzeit wirkt er als Direktor der Schweizer Stiftung Globethics.net, die Ethik in der Hochschulbildung fördert. Im Jahr 2002 entging er knapp einem Mordanschlag durch Extremisten.

Während man sich bei Ihnen mit <Guten Morgen> begrüsst, sagt man bei uns: <Hast du die Sonne heute schon gesehen>.» Erst wenn die Sonne aufgegangen sei, habe der Tag tatsächlich begonnen, nicht vorher.

Viele Angriffe auf Christen

Trotz dem Segen, der über seiner Heimat liege, sei sie in einer schwierigen Lage:

«In keinem anderen Land werden so viele Angriffe auf Christen verübt, wie in Nigeria.»

Der Kirchenmann erzählte von islamistischen Selbstmordattentätern, die sich unter Gläubigen in die Luft sprengen und von zerstörten Kirchen. Im Weiteren würden Geistliche, Ordensschwestern sowie Seminaristen entführt und ermordet. In den letzten fünf Jahren seien 20'000 Christen umgebracht worden. Viele Kinder wachsen als Waisen auf, weil ihre Eltern von Terroristen liquidiert wurden.

Unterstützung aus der Schweiz erwünscht

Der 64-jährige Geistliche wollte jedoch auch Zuversicht verbreiten: Trotz aller Gefahren liessen sich in seiner Heimat viele Christen nicht entmutigen, die Bewerber für die Priesterausbildung und für die Orden seien so zahlreich, dass bei weitem nicht alle aufgenommen werden könnten.

Obiora Francis Ike appellierte an die Gläubigen in der Schweiz, die Mitchristen in Nigeria zu unterstützen. «Manchmal denke ich, dass viele Christen in Europa schlafen, manche schnarchen sogar», betonte er mit viel Temperament in der Stimme und in der Gestik.

Ike besucht auf Einladung von Kirche in Not verschiedene Pfarreien in der Schweiz. So ist er am Donnerstag um 9.15 Uhr auch noch in der Kirche Mörschwil zu Gast. Das Hilfswerk wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom belgischen Mönch Werenfried van Straaten ins Leben gerufen. Es engagiert sich für bedrängte Christen in 140 Ländern.

350 Volksgemeinschaften in einem Land

Der Bundesstaat Nigeria ist ein Produkt der britischen Kolonialherrschaft. Er vereinigt unterschiedliche Ethnien, Sprachen und Kulturen in sich. Rund 350 Volksgemeinschaften leben in dem auf der Landkarte willkürlich entstandenen Land.

Rund die Hälfte der 220 Millionen Einwohner bekennen sich zum Islam. Rund 46 Prozent sind Christen, der Rest ist Anhänger afrikanischer Religionen. Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, die Geburtenrate ist sehr hoch und die Bevölkerung wächst rasant. Experten sehen darin ein zunehmendes Risiko für ethnische Konflikte, für Radikalisierung und für Flüchtlingsströme.

Das Land verfügt über reiche Erdölvorkommen, deren Erlöse aber kaum der Bevölkerung zugute kommen, sondern lediglich einer kleinen Elite. Zudem verursacht die Ölförderung beträchtliche Umweltschäden. Diese führen zum Exodus sowie zu ethnischen Spannungen, die durch die verbreitete Armut gefördert werden. Laut Ike sind 41 Prozent der Jugendlichen arbeitslos.

Ausserdem macht der Klimawandel der Bevölkerung zu schaffen, indem bisherige Weiden für das Vieh durch Trockenheit nicht mehr nutzbar sind. Dies führt zu bewaffneten Konkurrenzkämpfen um Agrarland.

In Nigeria sorgt die islamistische Terrorgruppe Boko Haram seit Jahren für Negativschlagzeilen. Ihr werden Verbindungen zu den Terrorgruppen IS und zu Al-Quaida nachgesagt. Sie soll seit 2009 rund 35000 Menschen ermordet sowie zwei Millionen Einwohner zur Flucht veranlasst haben. Sie will im ganzen Land die Scharia durchsetzen und westliche Bildung verbieten lassen. In einzelnen Bundesstaaten Nigerias ist die islamische Rechtssprechung bereits gültig.

Von der Polizei und dem Militär kann die Bevölkerung wenig Schutz gegen Übergriffe durch Islamisten erwarten, beide gelten als sehr korrupt und brutal. Amnesty International dokumentierte schwerste Menschenrechtsverletzungen durch Armeeangehörige. Zum Teil sollen diese zudem in Waffengeschäfte Boko Haram verwickelt sein. (aze)