Schicksalsschläge und Verwandlungen im Kino Passerelle in Wattwil

Am Sonntag lud das Kino Passerelle zur Toggenburger Premiere des Films «Paths Of Life» von Thomas Lüchinger ein. Die musikalische Einleitung mit Alpsegen von Peter Roth passte auch inhaltlich gut zu den erzählten Biografien.

Pablo Rohner
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 Im Anschluss an die Filmvorführung sprachen Komponist Peter Roth und Regisseur Thomas Lüchinger (rechts) unter anderem darüber, wie das physikalische Gesetz der Resonanz und die Klimakrise zusammenhängen.

Im Anschluss an die Filmvorführung sprachen Komponist Peter Roth und Regisseur Thomas Lüchinger (rechts) unter anderem darüber, wie das physikalische Gesetz der Resonanz und die Klimakrise zusammenhängen.

Bild: Pablo Rohner

Als der letzte Ton des Hackbretts im Kinosaal allmählich verklingt, übernimmt der Filmsoundtrack. Elektronisches Summen blendet ins Rauschen des Flusses über, während das Publikum im Kino Passerelle in Wattwil aus der Vogelperspektive auf eine schneebedeckte Brücke hinabblickt.

Eine Gestalt überschreitet darauf einen schwarzen Fluss. Im nächsten Bild ist die Frau – Naturcoach Sólveig Jónsdóttir – dabei zu sehen, wie sie in einer isländischen Eislandschaft Schnee über einen Steinkreis streut. Es ist eine Art schamanistisches Ritual. Seit sie von mehreren Schicksalsschlägen getroffen wurde, befindet sich Sólveig Jónsdóttir in einem permanenten Prozess spiritueller Bewältigung.

Ein Alpsegen als Einleitung

In der musikalischen Einleitung zur Premiere des Dokumentarfilms «Paths Of Life» in Anwesenheit von Regisseur Thomas Lüchinger am Sonntag rief der Komponist Peter Roth, bekannt als Initiant der Klangwelt Toggenburg, auch einen Alpsegen.

Peter Bötschi, Geschäftsführer des Kino Passerelle, begrüsste am Sonntag Komponist Peter Roth, Regisseur Thomas Lüchinger und Tondesigner Samuel Kellenberger zur Autorenmatinee (von links).

Peter Bötschi, Geschäftsführer des Kino Passerelle, begrüsste am Sonntag Komponist Peter Roth, Regisseur Thomas Lüchinger und Tondesigner Samuel Kellenberger zur Autorenmatinee (von links).

Bild: Pablo Rohner

Das passte nicht nur zum Sounddesign des Films, auch inhaltlich bestehen Verbindungen. Der Alpsegen, ein aus vorchristlicher Zeit stammendes Ritual, soll Mensch und Vieh in dem Gebiet, in dem der Ruf zu hören ist, vor Unheil schützen.

Protagonisten hätten göttlichen Schutz gebraucht

Drei der vier Protagonisten von Thomas Lüchingers Film hätten in ihrem Leben etwas mehr göttlichen Schutz gut brauchen können. Da ist eben Sólveig Jónsdóttir, die als junge Frau Island verlässt, um in London Model zu werden. Ihre Schwester, zu der sie aufsieht, erkrankt erst an Schizophrenie und stürzt sich dann in einen Gletscherfluss.

Da ist der Permakultur-Gärtner Marcus Pan, der Job und Familie verliert, nachdem er wegen seiner Marihuana-Plantage verurteilt wird. Oder Avida Gold, die als junge Mutter vom Vater ihrer Kinder verlassen wird, nachdem sie ihm während Jahren Leben und Medizinstudium finanziert hat. Sie beginnt, feministische Bilder von Vaginen zu malen, und entwickelt das therapeutische «Malen ab Quelle».

Spektakuläre Bilder, erbauliche Geschichten

Etwas aus dem Rahmen fällt der Autor und audio-visuelle Künstler Alexander Lauterwasser. Der Wendepunkt in seinem Leben rührt nicht von einem Schicksalsschlag her.

Stattdessen trifft ihn in den 70er-Jahren die Erkenntnis, dass er als im VW-Bus durch Indien tuckernder Hippie eine Art «subtilen Kolonialismus» betreibt. Seine Konsequenz: Er studiert Philosophie und entwickelt eine Therapie, in der er Suchtkranken mittels erbaulicher Interpretationen von Meisterwerken aus Literatur und Malerei Wege in ein neues Leben aufzuzeigen versucht.

Erzählen lässt Lüchinger seine Protagonisten ihre Geschichten zu spektakulären Landschaftsaufnahmen oder zu Szenen aus ihren Ateliers, Labors und Jurten. Zu düsteren Nachtaufnahmen erzählt Sólveig Jónsdóttir, wie sie nach der Trennung von ihrem Mann psychisch und physisch zusammenbrach.

«In allem ist Botschaft, in allem ist Geist», hört man Alexander
Lauterwasser sagen. Wenig später ist zu sehen, wie der Schall von klassischer Musik die Wasseroberfläche in einer Petrischale kräuselt.

«Was macht ihr da eigentlich?»

Am Ende aller vier Wandlungen und Selbstfindungen stehen vier erfolgreiche Unternehmer; Therapeutinnen, Künstler, Permakultur-Lehrer. In den leicht esoterischen Selbstbeschreibungen klingen die Wege dorthin manchmal etwas gar zwingend.

Da bringen die Szenen mit den Kindern der Protagonistinnen Avida Gold und Sólveig Jónsdóttir eine erfrischende Aussensicht. Nachdem der jüngste Sohn der Isländerin seiner Mutter und ihren Freundinnen bei einem Ritual mit selbstbemalten Masken zugeschaut hat, fragt er am Familientisch: «Was macht ihr da eigentlich?»

Der Film «Paths Of Life» läuft aktuell im Kino Passerelle in Wattwil.