Satellit fliegt durch Lichtensteig: Städtli will bei der Digitalisierung mitreden

Die Digitalisierung ist nicht nur ein Thema für Spezialisten. Die Bevölkerung soll und muss sich dafür interessieren, finden die Verantwortlichen hinter der Veranstaltungsreihe «Digital-Labor on tour». Diese startet schon bald im Städtli Lichtensteig.

Sascha Erni
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Stadtpräsident Mathias Müller lässt eine Drohne fliegen.

Stadtpräsident Mathias Müller lässt eine Drohne fliegen.

Bild: Sascha Erni (Lichtensteig, 5. September 2020)

Viele Lichtensteigerinnen und Lichtensteiger wunderten sich letzten Samstag: Flog ein gewaltiger Schwarm Wespen durchs Städtchen? Wer einen Blick erhaschen konnte, wunderte sich noch mehr. Statt äusserst aktiver Insekten schwebte ein kleiner Satellit durch die Gassen der Altstadt.

Die «Digital-Labor on Tour» ist eine Veranstaltungsreihe zum Thema Digitalisierung. Am Freitag, 18., und Samstag, 19. September, macht die Tour Station in Lichtensteig, startet im Städtchen ihre Reise durch die Schweiz, und wegen dieser Veranstaltung liessen die Organisatoren eine Drohne steigen.

Symbol für die Digitalisierung

Ein Satellit mitten im Städtli.

Ein Satellit mitten im Städtli.

Bild: Sascha Erni (Lichtensteig, 5. September 2020)

«Einerseits benötigen wir noch mehr Bildmaterial vom Städtchen Lichtensteig», erklärte Ramona Sprenger vom Digital-Labor.

«Andererseits ist die als Satellit verkleidete Drohne auch ein Symbol für die Digitalisierung.»

Denn genau diese wird beim Digital-Labor im Fokus stehen – und damit als Teilaspekt auch die Frage, inwieweit man als Durchschnittsmensch die Digitalisierung zu erdulden hat, etwa in Dingen wie automatisierten Videoaufnahmen im öffentlichen Raum.

Aktive Mitgestaltung statt passives Erdulden

«Wir wollen aufzeigen, dass wir alle unsere digitale Zukunft mitgestalten können, dass es keine Welle ist, der man passiv ausgesetzt ist», erläutert Ramona Sprenger die Grundidee hinter der Tour.

Das Kernanliegen sei es, dass sich die Bevölkerung ermächtigt fühlt, die Digitalisierung aktiv mitzugestalten, zum Beispiel bei ethischen Fragen: Was kann und sollte digital abgehandelt werden, wo sollte sich die Digitalisierung aber zurückhalten? «Die Politik kann nur träge auf solche Entwicklungen reagieren», weiss Sprenger. Deshalb sei es von zentraler Bedeutung, dass man auch als gewöhnliche Bürgerin und Bürger das Thema präsent hat, darüber spricht und handelt.

«Es gibt keine eine Zukunft, die unausweichlich auf uns zukommt, sondern verschiedene mögliche Zukünfte.»

Workshops, Präsentationen und Diskussionen

Hier setzt das Programm von «Digital-Labor on Tour» an. An den beiden Tagen in rund einer Woche bietet das Team zusammen mit den lokalen Partnern der Bevölkerung Workshops, Präsentationen und Diskussionsrunden.

Den Auftakt machen am Freitagabend fünf Toggenburgerinnen und Toggenburger gleich selbst, unter ihnen Lichtensteigs Stadtpräsident Mathias Müller. Sie präsentieren ihre Visionen, wie ein digitales Toggenburg in zehn Jahren aussehen könnte. Dies bildet die Grundlage für eine Gesprächsrunde mit dem Publikum über Wünsche, Hoffnungen und auch Ängste zum digitalen Wandel.

Die Zukunft der Arbeit und Bildung sowie das Thema der sozialen und politischen Teilhabe sind dabei Schwerpunkte. Hier gehöre auch wieder die Sache mit der informationellen Selbstbestimmung dazu, ergänzt Ramona Sprenger, und dies nicht nur, wenn es um Drohnen-Videoaufnahmen geht.

Die als Satellit verkleidete Drohne machte auch Aufnahmen vom Städtli.

Die als Satellit verkleidete Drohne machte auch Aufnahmen vom Städtli.

Bild: PD

Getränke mit persönlichen Daten bezahlen

Als anschauliches Experiment wird während des Digital-­Labors das Data Café geöffnet haben, in dem man seine Getränke mit persönlichen Daten bezahlen kann. «Die Menschen sollen merken, dass ihre Daten nicht wertlos sind, Angebote wie Facebook also auch nicht kostenlos», sagt Sprenger.

Die Idee fürs Digital-­Labor entstand Ende des letzten Jahres aus Gesprächen zwischen dem Thinktank Dezentrum und dem Labor für Innovationsethik Ethix. Finanziert wird das Projekt von der Stiftung Mercator Schweiz.

In acht Stationen tourt das Digital-Labor durch die halbe Schweiz, in Lichtensteig macht die Roadshow am 18. September den Anfang. Der Event soll nicht nur durch die grossen Städte ziehen, sondern auch im ländlichen Raum zur Diskussion aufrufen. «Lichtensteig hat sich dafür als zentraler Ort im Toggenburg angeboten», erklärt Ramona Sprenger.

Zivilgesellschaft vom Thema gefordert

Etwa eine Handvoll Leute arbeiten am Projekt, entsprechend wichtig ist laut Sprenger die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Für Lichtensteig konnte das Team die Vereine Ort für Macher*innen und Rathaus für Kultur gewinnen. Das Rathaus stellt einerseits die Räumlichkeiten und Infrastruktur, andererseits mit einem Konzert und dem siebten «Dogo Talks» das Rahmenprogramm.

«Die Digitalisierung ist ein Thema, das nicht nur Spezialisten der Industrie angeht, sondern die Zivilgesellschaft fordert», sagt Ramona Sprenger. Durch solche lokale Partner profitiere das Projekt von einer grösseren Reichweite. Denn man wolle die breite Bevölkerung statt nur technisch Interessierte ansprechen, betont Sprenger:

«Die Digitalisierung sollte ein demokratischer Prozess sein.»

Weitere Informationen, das Programm und weitere Tours-Stopps unter der Website www.digital-labor.ch.