Ruf vom Berg
Was ist eigentlich ein Betruf? Die jahrhundertealte Sennentradition, von der man gehört haben muss

Den Kreisel Stegrüti ziert seit neuestem eine Betruferin. Für jeden Nicht-Älpler, der sich fragt, was das denn eigentlich sein soll, haben wir hier die Antwort.

Alec Nedic
Drucken

Seit wenigen Wochen thront sie stolz auf dem Kreisel Stegrüti in Ebnat-Kappel: die Betruferin. Umgesetzt wurde die Skulptur vom Bildhauer-Duo Dominik Hollenstein und seiner Tochter Christina. Das Kunstwerk verbindet das Thema Klang mit einem traditionellen Sennenbrauchtum, dem Betrufen.

Die Betruferin auf dem neuen Kreisel Stegrüti.

Die Betruferin auf dem neuen Kreisel Stegrüti.

Bild: PD

Der Gesang des Älplers

Der Begriff «Betruf» hat nichts mit einem Bett zu tun, auch wenn er jeden Tag nach getaner Arbeit von der Alp ins Tal hinabschallt. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Gebet. Er zählt zu den ältesten christlichen Traditionen in der Schweiz. Der Betruf ist eine liedähnliche Danksagung, die der Älpler jeden Abend an Gott und verschiedene Heilige richtet.

Der Betruf wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Der Betruf wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Bild: Stefanie Arm

Von Generation zu Generation

Roland Bischof aus Stein war selbst jahrzehntelang Betrufer auf der Alp Hoor. Dort rief er jeden Abend ins Tal hinunter, während er an einer steilen Felswand stand. Das Betrufen sei ein traditionelles Brauchtum, erklärt er. Bischof selbst lernte den Betruf von seinem Vater und gab ihn auch schon an seine Kinder weiter. Stolz erzählt er:

«Heute rufen schon meine Grosskinder den Betruf.»

Betrufe unterscheiden sich von Alp zu Alp. Es spielt keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann ruft. So kann jeder und jede das Abendgebet in die Worte fassen, die ihm am Herzen liegen. Der Rufende bedankt sich für die Alp und bittet um eine gesegnete Zukunft.

Der ehemalige Betrufer Roland Bischof.

Der ehemalige Betrufer Roland Bischof.

Bild: Christiana Sutter

Schutz vor Unheil

Nur eins ist wichtig: Der Betruf soll gehört werden. Dazu benutzen die Betrufer einen Alpsegen-Trichter. Dies ist ein hölzerner Milchtrichter, der wie ein Megafon vor den Mund gehalten wird. Bestenfalls hört man den Betruf bis in Tal hinunter. Denn es gilt: Überall, wohin die Stimme reicht, bleiben Mensch und Tier vor Unheil und Plage verschont.

Für den Betruf suchen sich die Älpler eine erhöhte Stelle auf der Alp, wo meist ein Kreuz steht. Roland Bischofs Betruf schallte bei günstigen Bedingungen bis weit in Tal hinunter. Für ihn war es immer das Schönste, wenn sein Ruf von anderen Menschen gehört wurde. Bekannte und Wanderer auf oder am Fusse des Berges erwarteten abends Bischofs Betruf. Er erinnert sich:

«Oftmals jauchzte sogar jemand zurück, das freute mich immer.»

Eine der ältesten christlichen Traditionen

Das Betrufen hat eine lange Tradition. Der älteste Betruf, einst noch «Ave-Mariarüeffen» genannt, lässt sich erstmals im 16. Jahrhundert auf den Alpen des Pilatus nachweisen und zählt mutmasslich zu den ältesten christlichen Traditionen der Schweiz. Als abgewandelte Form eines Gregorianischen Chorals, hat sich das Rufen von der Alp während Jahrhunderten weiterentwickelt und ist als Sennenritual fest im Schweizerischem Brauchtum verankert.

Der Betruf erschallt meistens neben einem Kreuz.

Der Betruf erschallt meistens neben einem Kreuz.

Bild: Dani Geisser

Nun bleibt nur zu hoffen, dass die Betruferin in Stegrüti ihren Zweck erfüllt und das Unheil vom Verkehr abzuwenden vermag. Am metergrossen Alpsegen-Trichter mag es vermutlich nicht zu scheitern.