Region: Verein will Begegnungsraum für Menschen mit Beeinträchtigungen schaffen

Im Mai wurde der Verein imjetzt gegründet. Initiant und Projektleiter ist Markus Jent, Sozialpädagoge. Im Gespräch erklärt er seine Vision – die Inklusion.

Cecilia Hess-Lombriser
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Markus Jent, Initiant und Projektleiter des Begegnungsraums imjetzt. Er hatte eine Vision, packte es an und baute das Fundament dafür. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Markus Jent, Initiant und Projektleiter des Begegnungsraums imjetzt. Er hatte eine Vision, packte es an und baute das Fundament dafür. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Der Ausdruck Inklusion ist noch gewöhnungsbedürftig, obwohl er aufgrund der Behindertenrechtskonvention, die im Jahr 2014 von der Schweiz ratifiziert worden ist, geläufig sein könnte. Inklusion ist mehr als Integration. Anders. Beim Verein imjetzt geht es genau um diesen Begriff und um die praktische Umsetzung dessen, was damit gemeint ist.

In erster Linie geht es darum, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung gleichberechtigt mit anderen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können; selbstbestimmt. Die Vielfalt und Farbigkeit einer Gesellschaft steht dabei im Vordergrund.

Zum Begriff Inklusionsförderung

 Der Verein imjetzt hat sich zum Ziel gesetzt, die Gesellschaft inklusiver werden zu lassen. Eine inklusive Gesellschaft lässt sich auf Begegnungen ein, schliesst ein und nicht aus, sieht Andersartigkeit und Vielfalt als Chance und blickt auf die gelingenden Aspekte. Überforderungen werden kommuniziert, die Mitglieder der inklusiven Gesellschaft lassen sich von den Ressourcen jeder Lebensphase inspirieren, sie begreifen eine Behinderung als wechselseitig und im Kontext und sehen Alter, Krankheit und Behinderung nicht in erster Linie als Kostenfaktor.
Der geplante Begegnungsraum in Wattwil versteht sich als Anbieter von Dienstleistungen im Bereich Inklusion. In dieser Rolle bietet dieser einen niederschwelligen Zugang zu unterschiedlichen Freizeitthemen an. Der Fokus liegt dabei auf Menschen mit einer Beeinträchtigung und pensionierte Menschen, welche sich mehr Kontakt zur Gesellschaft wünschen. (hlo)

Vom Alleingang bis zur Mitträgerschaft

Markus Jent hat seine berufsbegleitende Ausbildung zum Sozialpädagogen im Johanneum in Neu St. Johann absolviert. Dort hat er ein Konzept «Begleitetes Wohnen» mitentwickeln können und beim Aufbau einer Wohngruppe mitgearbeitet. «Es zeigte sich, dass die Ressourcen zur Förderung von Inklusion im Freizeitbereich fehlten; personell und finanziell», erklärt der ehemalige Maurer. Dafür brauche es Räume, um Begegnung zu ermöglichen, und Begegnungen ermöglichten wiederum den Zugang zu neuen Räumen, die gemeinsam entdeckt werden könnten.

Das Schicksal wollte es, dass Markus Jent den Umweg über eine einschneidende Krankheit gehen musste, um dort zu landen, wo er jetzt steht und wirkt. Er entwickelte das Konzept für den Verein imjetzt mit dazugehörendem Businessplan. Bis dahin war er alleine unterwegs. Zur Gründung des Vereins brauchte er Mitstreiter und Mitträger. Diese fand er, und im Mai wurde der Verein gegründet. Seit letzter Woche ist der Vorstand komplett. Diesem gehören an: Nevio Oberholzer, Präsident, Marianne Fischbacher-Alder, Sara Huber, Fabiana Fabozzi, Manuel Niederöst und Ernst Vock. Markus Jent hat als Projektleiter eine beratende Rolle.

Projekt Schritt für Schritt umsetzen

Das primäre Ziel des Vereins imjetzt ist die Einrichtung eines öffentlichen Cafés mit Lounge; eines Begegnungsraums. Dieser soll den Kernbetrieb bilden und ganztags offen sein. «Den Gastrobetrieb wollen wir mit Suppen, Slow-Panini und alkoholfreien Getränken schlank halten», informiert der Projektleiter.

Parallel dazu soll ein Förderraum an zwei Abenden und je am Samstag- und am Sonntagnachmittag offen sein. «Hier sollen Menschen mit einer Beeinträchtigung das ‹weisse Blatt› füllen. Sie sollen selber festhalten, was ihre Bedürfnisse sind, wo ihre Ressourcen liegen, damit Angebote entstehen können», so Markus Jent. Als nächster Schritt sollen Vereine angesprochen werden, damit Brücken zu diesem Freizeitbereich geschlagen werden können. Geplant ist auch ein Reparatur-Café, wo beispielsweise pensionierte Menschen ihre Fähigkeiten einsetzen können, um das Wegwerfen von Reparierbarem zu vermeiden. Und schliesslich ist das Retten und Teilen von Nahrungsmitteln, die in Läden der Region nicht mehr verkauft werden, ein weiteres Projekt.

Zugang dazu sollen alle haben, ohne irgendwelche Ausweise. Vorgesehen ist, ein bis zwei Arbeitsplätze für Menschen mit einer Beeinträchtigung zu schaffen. Die Einstellung erfolgt über die Organisation mitschaffe.ch, einer Einrichtung, die sich auf die Inklusion und Integration von Menschen mit einer Beeinträchtigung spezialisiert hat. Die Begleitung vor Ort erfolgt durch Markus Jent, der vom Verein angestellt wird. Seine bisherige immense Arbeit hat er freiwillig geleistet.

Miete mit Crowdfunding finanzieren

Die Vernetzung des Vereins ist breit, das Fundament solid. Ein Beirat mit sechs Fachpersonen kontrolliert die Arbeit des Vereins, mit verschiedenen Institutionen laufen Gespräche, um sie als Inklusionsträger zu gewinnen. Der Vertragsabschluss mit dem Johanneum steht kurz bevor. Die Stiftung Denk an mich hat eine Defizitgarantie für die Anschubfinanzierung gesprochen und Förderstiftungen sind um Unterstützung angegangen worden. Die Öffentlichkeitsarbeit hat begonnen, ein Erklärfilm ist erstellt worden. Bis Ende Oktober läuft das Crowdfunding für den Begegnungsraum imjetzt auf der Website der Raiffeisenbank. Das Finanzierungsziel beträgt 28'000 Franken. Damit soll die Miete für das erste Jahr des in Aussicht stehenden Lokals im Eckhaus Elanca an der Bahnhofstrasse in Wattwil gedeckt werden. «Wir haben gedacht, dass es leichter sei, das Geld zu bekommen», gesteht Markus Jent. Noch läuft die Sammlung harzig. Bis in fünf Jahren soll das Projekt Begegnungsraum selbsttragend sein.