Psychiatrische spitex

Selbständigkeit fördern, in Krisen helfen

Seit über zehn Jahren gibt es psychiatrische Spitex in der Region Wil. Fachpersonen des St.Gallischen Hilfsvereins besuchen dabei Klientinnen und Klienten zu Hause.

Sascha Erni
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Eine Frau giesst Kaffee ein für die ältere , am Tisch sitzende Dame. Es handelt sich nicht um die im Text erwähnten Personen.

Eine Frau giesst Kaffee ein für die ältere , am Tisch sitzende Dame. Es handelt sich nicht um die im Text erwähnten Personen.

Bild: Getty

Monika Huber* wird im Gespräch deutlich: «Ich möchte so selbstständig bleiben wie möglich». Die 55-jährige Wilerin lebt seit einem Burn-out mit chronischer Depression, seit gut drei Jahren bezieht sie psychiatrische Spitex vom St. Gallischen Hilfsverein SGHV.

Einmal die Woche besucht eine Fachperson Monika Huber daheim, vorwiegend, um zu reden, wie sie sagt. «Ohne die psychiatrische Spitex wäre ich wohl unterdessen wieder stationär geworden», ist sie sich sicher. Und das will Monika Huber unbedingt vermeiden.

Therapie begleiten, nicht ersetzen

«Es ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen, trotz psychischer Erkrankung den persönlichen Lebensstil zu finden und aufrechtzuerhalten», weiss Anita Eichmann, Bereichsleiterin Wohnen ambulant beim SGHV. Seit bald 25 Jahren bietet der SGHV die Möglichkeit, sich in den eigenen vier Wänden mit Fachpersonen auszutauschen, seit zehn Jahren auch im Rahmen der psychiatrischen Spitex.

Anita Eichmann, Bereichsleiterin Wohnen ambulant beim St. Gallischen Hilfsverein.

Anita Eichmann, Bereichsleiterin Wohnen ambulant beim St. Gallischen Hilfsverein.

Bild: Sascha Erni

Das Angebot soll keine Therapie ersetzen, sondern begleiten, betont Anita Eichmann. Die Dienstleistung wirkt auf den ersten Blick, als käme sie nur in akuten Krisen zum Zuge, wie sie Weihnachten oder Corona vermehrt auslösen. Dem sei aber nicht so, erklärt Anita Eichmann, im Gegenteil. Die meisten Klientinnen und Klienten würden längerfristig begleitet.

«Es ist sehr individuell, wie oft und wie lange jemand das Angebot nutzt.»

Zurzeit nehmen um die 80 Klientinnen und Klienten im Alter zwischen 18 und 70 die psychiatrische Spitex in Anspruch.

Niederschwelliges Angebot für den gesamten Kanton

Interessenten können direkt beim SGHV für eine ambulante Begleitung anfragen, erläutert Anita Eichmann das Anmeldeverfahren. Das Angebot sei so niederschwellig wie möglich ausgerichtet.

Klientinnen und Klienten müssen in ärztlicher Behandlung sein, im Idealfall in Therapie, aber auch eine hausärztliche Betreuung genüge. Dann folgt vor Ort ein Klärungsgespräch. Dort gehe es darum, die Probleme im Alltag und die Symptomatik zu erfassen, um ein passgenaues Angebot erarbeiten zu können.

Zentral sei für den SGHV, in jedem Schritt der Abklärung die Klientin oder den Klienten einzubeziehen.

«Der Beziehungsaufbau ist uns wichtig, denn es braucht eine Vertrauensbasis.»

Der Wohnort sei egal, als Verein sei der SGHV nicht an einzelne Gemeinden gebunden und dürfe im gesamten Kanton St.Gallen wirken, sagt Anita Eichmann.

«Für manche der einzige soziale Kontakt der Woche»

Die meisten gegenwärtigen Klientinnen und Klienten stammen aus der Stadt Wil und Umgebung. Dominik Waller arbeitet als Berufsbeistand für die Stadt Wil und sagt: «Es ist eine wahnsinnig grosse Entlastung für unsere Arbeit.» Als Beistand ist er gesetzlicher Vertreter seiner Mandantinnen und Mandanten, die manchmal eben auch psychiatrische Spitex beziehen.

Der Nutzen sei riesig, erzählt Dominik Waller. Die Begleitpersonen unterstützten die Mandantinnen und Mandanten überall, wo es nur ginge, oft mit mehreren Besuchen wöchentlich.

«Das könnten wir Berufsbeistände gar nicht leisten, das wäre zeitlich nicht möglich.»

Die Rückmeldungen hätten gezeigt, dass das Angebot sehr geschätzt werde. «Für manche ist der Besuch der Fachperson der einzige soziale Kontakt in der Woche.»

Praktischer Umgang mit herausfordernden Situationen

Ähnlich erlebt es auch Monika Huber, die nicht erst seit der Coronapandemie kaum noch das Haus verlassen kann. Als ehemalige kaufmännische Angestellte benötige sie keine Unterstützung bei alltäglichen Arbeiten oder beim Papierkram. Ihr helfe es mehr, dass sie mit jemandem sprechen, oder auch mal auf einen Spaziergang gehen könne.

Einerseits gebe ihr das eine gewisse Sicherheit. Andererseits lerne sie von der Fachperson auch ganz praktisch, wie sie mit herausfordernden Situationen besser umgehen könne. Man dürfe aber nicht erwarten, dass die ambulante Spitex gleich das ganze Leben umkremple, sagt die Wilerin. «Aber für mich funktioniert es, es ist eine gute, ergänzende Lösung.»

* Name der Redaktion bekannt

Ambulantes Wohnen beim SGHV

(pd) Der St.Gallische Hilfsverein (SGHV) bietet Wohnbegleitung und psychiatrische Spitex. Er begleitet Klientinnen und Klienten in Krisen und schwierigen Lebensphasen, unterstützt sie bei der Bewältigung von Aufgaben des täglichen Lebens, denn eine psychische Beeinträchtigung lässt manchmal schon kleine Aufgaben übermächtig werden. So begleitet der SGHV Klientinnen und Klienten zum Beispiel beim Einkauf oder im Umgang mit Medikamenten. Dank der psychiatrischen Spitex können nicht selten stationäre Aufenthalte vermieden und Angehörige entlastet werden. Ärztlich angeordnete psychiatrische Spitex zu Hause wird von den Krankenkassen bezahlt, abzüglich der Patientenbeteiligung und des Selbstbehaltes. Weitere Informationen findet man unter www.sghv.ch.