Die Toggenburgerin Tamara Zimmermann ist im Camp Film City in Pristina unter anderem für die Schweizer Apotheke zuständig. (Bild: Ruben Schönenberger)

Die Toggenburgerin Tamara Zimmermann ist im Camp Film City in Pristina unter anderem für die Schweizer Apotheke zuständig. (Bild: Ruben Schönenberger)

Pflege im Tarnanzug: Toggenburgerin kümmert sich um kranke Soldaten im Kosovo

Viele träumen davon, im Ausland zu arbeiten. Die Ebnat-Kapplerin Tamara Zimmermann hat einen speziellen Weg gewählt. Sie ist als Pflegefachfrau mit dem Kontingent der Schweizer Armee in den Kosovo gereist.

Ruben Schönenberger
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Auch Soldaten werden krank. Damit sie im Auslandseinsatz im Kosovo gut und schnell versorgt werden können, betreibt das Schweizer Kontingent (Swisscoy) der Kfor eine Krankenstation im Camp Film City in Pristina.

Seit letztem Herbst und noch bis Mitte April ist auch die Ebnat-Kapplerin Tamara Zimmermann als Pflegefachfrau dort tätig. «Unsere Aufgabe hier im Medical Center ist mit derjenigen in einer Hausarztpraxis vergleichbar», sagt sie. Das heisst: Vieles lässt sich direkt behandeln, für einzelne Behandlungen muss man jedoch ausweichen. Röntgenbilder lassen sich beispielsweise nur in einer anderen Station der Kfor-Truppen erstellen. Für CT- und MRI-Untersuchungen muss in ein Spital ausgewichen werden.

Letzteres wäre indes auch in der Schweiz meist nicht anders. Und trotzdem sagt Zimmermann:

«Mit Zuhause kann man das nicht vergleichen.»

Am augenscheinlichsten wird das bei der Kleidung. Statt heller Berufskleidung tragen die Pflegefachfrauen Uniform.

Dreiwöchige Grundausbildung statt Rekrutenschule

Mit dem Tarnanzug kommen militärische Umgangsformen. Diese musste die 25-jährige Toggenburgerin erst erlernen, in der Rekrutenschule war sie nicht. Frauen ohne militärischen Hintergrund, die für die Swisscoy in den Kosovo wollen, können eine dreiwöchige militärische, einsatzbezogene Grundausbildung absolvieren. Zimmermann sagt dazu:

«Das ist schon alles eine komplett andere Welt, aber man kommt schnell rein.»

Nach erfolgreichem Abschluss startet die reguläre, rund zweimonatige Swisscoy-Ausbildung mit dem restlichen Kontingent.
In dieser erhalten alle unter anderem eine funktionsspezifische Ausbildung. Für Zimmermann bedeutete das eine medizinische Weiterbildung und Auffrischung.

Alltag in Uniform. (Bild: Ruben Schönenberger)

Alltag in Uniform. (Bild: Ruben Schönenberger)

Letzteres hatte sie indes kaum nötig, ihre beruflichen Aus- und Weiterbildungen sind noch nicht lange her. Sie bildete sich zuerst am Kantonsspital St.Gallen zur Fachangestellten Gesundheit aus, bevor sie sich an der Höheren Fachschule zur diplomierten Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Kinder, Jugendliche, Frauen und Familie weiterbildete. Dieser Fokus scheint nicht so recht zum Einsatz im Kosovo zu passen. Zimmermann beschwichtigt. Sie habe genügend Erfahrung in der Pflege und im Umgang mit erwachsenen Patienten sammeln können.

Fast schon eine Rettungssanitäterin

Die Weiterbildung vor dem Einsatz sei aber dennoch nützlich und spannend gewesen. Neben den im Kosovo zu erwartenden Abläufen inklusive der nötigen Formulare wurde viel Wert auf den sogenannten Pre-Hospital-Trauma-Life-Support gelegt. Dabei geht es um alles, was vor der Einlieferung ins Spital passieren muss. Diese Fähigkeiten werden auch vor Ort im Camp weiter trainiert. Dazu gehören Aufgaben, die aus Zimmermann fast schon eine Rettungssanitäterin machen. So zum Beispiel die Rettung von Verwundeten aus Fahrzeugen, theoretisch auch aus der Luft. «Eigentlich hätte eine Übung mit dem Helikopter stattfinden sollen, aber das Wetter war zu schlecht», sagt die Pflegefachfrau mit Bedauern.

Abgesehen von den Übungen seien die Fälle aber vergleichbar mit jenen, die auch in der Schweiz zu erwarten wären. Zimmermann sagt:

«Erkältungen und Sportverletzungen sind auch hier typisch.»

Aber, es existieren Pläne für allerlei denkbare und undenkbare Situationen. Ab und an komme es zum Beispiel vor, dass ein Swisscoy-Mitglied ausserplanmässig zurück in die Schweiz gebracht werden muss. «Wenn die bestmögliche Behandlung nur in der Schweiz gewährleistet werden kann, dann wird der Soldat repatriiert», erklärt die Krankenschwester.

Im Kosovo ist die Ambulanz gepanzert

Bei einer Repatriierung müsste Zimmermann viel Vorarbeit und Planung leisten. Eine solche kommt aber selten vor. Das meiste kann die junge Frau vor Ort im Team lösen. Dieses setzt sich aus Schweizerinnen und Schweizern, aber auch aus Österreicherinnen und Österreichern zusammen. Die beiden Länder betreiben die Krankenstation, das sogenannte Role 1 Medical Center, gemeinsam. Die Notfallsanitäter stammen aus Österreich, die Pflegefachleute aus der Schweiz. Dazu kommen Ärztinnen und Ärzte sowie in jeder Schicht auch immer eine Fahrerin oder ein Fahrer. Sie müssen auch schon mal ungewohnte Gefährte steuern. So verfügt die Schweiz im Kosovo über einen gepanzerten Krankenwagen. Dieser ist beispielsweise immer dabei, wenn das Team der Kampfmittelbeseitigung Sprengstoffe unschädlich macht.

Die Schweiz verfügt im Kosovo über eine gepanzerte Ambulanz (ganz rechts). (Bild: PD)

Die Schweiz verfügt im Kosovo über eine gepanzerte Ambulanz (ganz rechts). (Bild: PD)

Solche Einsätze sind indes nicht die Regel. Ein normaler Tag der Sechs-Tage-Woche beginnt mit einer Besprechung der aktuellen Fälle um 8.15 Uhr. Von 8.30 Uhr bis 10 Uhr ist die Praxis dann geöffnet, Termine gibt es nicht. Wer ein Problem hat, schaut vorbei und wartet zur Not im kargen Wartezimmer.

Das Wartezimmer in der von Österreich und der Schweiz gemeinsam geführten Station. (Bild: Ruben Schönenberger)

Das Wartezimmer in der von Österreich und der Schweiz gemeinsam geführten Station. (Bild: Ruben Schönenberger)

Am Nachmittag öffnet die Praxis nochmals, von 14 bis 16 Uhr. Zur Behandlung kommen nur Patienten der deutschen, österreichischen und schweizerischen Kontingente. Es sei denn, es handle sich um einen Notfall. Um die Patientinnen und Patienten kümmert sich der A-Dienst. Der B-Dienst sorgt derweil unter anderem dafür, dass Medikamente aufgefüllt werden. Die Verantwortung über die Schweizer Apotheke trägt Zimmermann. «Das ist fast schon mein zweites Zuhause», sagt sie beim Besuch des Medikamentenlagers.

Kein Ausgang: Das Leben findet im Camp statt

Nach Feierabend kann die Toggenburgerin ihre Zeit nicht in Pristinas Zentrum verbringen. Die Angehörigen der Armee bleiben in aller Regel im Camp. Zimmermann nützt diese Zeit oft, um zu zeichnen, was sie auch zuhause gerne tut. Trotz der Einschränkungen, das Leben im Camp gefalle ihr gut. Etwas seltsam sei die Distanz aber manchmal schon. Gerade, wenn die auf der Schwägalp aufgewachsene Zimmermann über die Medien von der grossen Lawine in ihrer ehemaligen Heimat lesen muss.

Tamara Zimmermann im Gespräch. (Bild: PD)

Tamara Zimmermann im Gespräch. (Bild: PD)

Die 25-jährige Zimmermann sieht im halbjährigen Aufenthalt im Kosovo vor allem eine Erfahrung und eine Karrierechance. Später möchte sie gerne das Nachdiplomstudium Notfallpflege absolvieren und dann am liebsten in der Notfallpflege in Zürich arbeiten. Zuerst will sie aber mit einer Kollegin noch in Afrika während einiger Monate ein Hilfswerk medizinisch unterstützen. Etwas Gutes tun zu können war denn auch Teil der Motivation, der Swisscoy beizutreten. Die Toggenburgerin sagt:

«Ich kann so indirekt etwas für die Friedensförderung tun, auch wenn ich eher im Hintergrund bleibe.»