Pensioniert, aber nicht im Ruhestand: Urs Bichler war 31 Jahre lang Fachlehrer am BWZT in Wattwil

Urs Bichler wird als Fachlehrer pensioniert. Der 62-Jährige ist aber dank einer Vielzahl weiterer Tätigkeiten überzeugt, dass ihm auch in der Pension nicht langweilig sein wird.

Michael Hehli
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Urs Bichler arbeitete 31 Jahre im BWZT. Er sagt, dass Wattwil eine richtig familiäre Schule sei. (Bild: Michael Hehli)

Urs Bichler arbeitete 31 Jahre im BWZT. Er sagt, dass Wattwil eine richtig familiäre Schule sei. (Bild: Michael Hehli)

Wenn es um Strom geht, kennt Urs Bichler sich aus. Der 62-jährige Elektroinstallateur war 31 Jahre lang Fachlehrer am Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg (BWZT) in Wattwil.

Zur Person

Urs Bichlers Laufbahn in der Elektrotechnik begann bei Huber + Suhner in Herisau, wo er seine Lehre absolvierte. Nach dem Lehrabschluss konnte er rund ein Jahr in der Hochseeschifffahrt für die Reederei Alpina als Bordelektriker arbeiten. Zurück in der Schweiz ging er zum Elektrounternehmen Baumann, Koel­liker AG in Zürich, wo er berufsbegleitend die Meisterprüfung machte und sich auf Kommunikationsanlagen und Hochfrequenztechnik ausbilden liess. 1984 übernahm er von seinem Vater die Bichler AG. Seit 2013 ist Oliver Lacher Inhaber und ­Geschäftsführer der Firma
Bichler + Partner AG.

Der Weg zum Fachlehrer begann für Bichler, als ihn das BWZT anfragte, ob er Stützkurse in Mathematik und Elektrotechnik leiten wolle. Mit der Zeit habe er immer mehr Aufgaben übernommen. «Deshalb machte ich die methodisch-didaktische Zusatzausbildung für nebenamtliche Lehrer», erinnert sich Bichler.

Steigender Beschäftigungsgrad

Sein Beschäftigungsgrad am BWZT stieg mit der Zeit stetig an. Einzige Ausnahme waren einige Jahre, in denen das Pensum in Wattwil tief war. In dieser Zeit half er nebenbei in Wil aus. «In meinem zweitletzten Jahr am BWZT hatte ich fast ein 100-Prozent-Pensum», sagt Bichler.

Mit dem Pensum wuchsen auch die Fachgebiete, in welchen er unterrichtete. Einige Zeit war dies Telematik – Telefon-, Internet- und Fernsehinstallationen. Bichler ergänzt: «Später kamen herkömmliche und mobile Netzwerke dazu. Zudem unterrichtete ich Elektronormen, sichere Elektroinstallationen und Schemakunde.»

Lehren als Abwechslung zum Betrieb

Bichler schätzte die Arbeit als Fachlehrer sehr. «Es war eine Abwechslung zum Betrieb», meint er. Mit den Jugendlichen arbeitete er gerne: «Über die Jahre hinweg unterrichtete ich viele sehr motivierte Schüler. Der Kontakt mit den Jugendlichen gefiel mir.»

In den letzten Jahren hätten die Motivation und der Berufsstolz der Lernenden aber abgenommen. Bichler sieht den Grund dafür teilweise in neuen Möglichkeiten zum Zeitvertreib, aber auch bei der Ausbildung: «Die Schule verlangt ein sehr hohes Niveau. Im Alltag kann nur ein geringer Teil davon angewandt werden.»

Früher hätten Elektriker nämlich noch vieles selbst hergestellt, was heute eingekauft wird. Trotz allem: Viele seiner Schüler hätten immer Freude am Beruf gehabt und es gebe immer wieder Jahrgänge, in denen kein einziger Elektroinstallateur des BWZT den Lehrabschluss verpasse.

Zum Lernen nach Italien gefahren

Den Grund dafür sieht Bichler in der guten Stimmung am BWZT: «Wir haben ein sehr gutes Umfeld. Wattwil ist eine richtig familiäre Schule, das merkt man.»

So war es 13 Jahre lang Tradition, dass die Lehrpersonen und Lernenden im vierten Lehrjahr gemeinsam nach Varazze in Italien fuhren, um sich dort auf die Abschlussprüfung vorzubereiten. «Dabei entstanden auch sehr tolle persönliche Gespräche mit den Lernenden», erinnert sich Bichler.

Ein guter Draht zu den Schülern

Er hatte immer einen guten Draht zu seinen Schülern. Dank des vorhandenen Vertrauens gab es auch Lernende, welche sich ihm in schwierigen Situationen anvertrauten. «Diese persönlichen Schicksale berührten mich», sagt er. Bei einigen Jugendlichen trennten sich die Eltern, andere verloren Familienmitglieder.

Das Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg in Wattwil. (Bild: Michael Hehli)

Das Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg in Wattwil. (Bild: Michael Hehli)

Besonders blieb ihm der Fall eines krebskranken Lernenden. «Er war eigentlich auf gutem Wege, wieder gesund zu werden, und kam wann immer möglich zur Schule. Sein Ziel war der erfolgreiche Lehrabschluss», erzählt Bichler. Nach einer Hirnblutung wurde allerdings klar, dass er bald sterben würde.

Bichler rief also auf dem zuständigen Amt an: «Um ihm seinen grossen Wunsch zu erfüllen, stellte dieses ihm das Fähigkeitszeugnis aus. Danach ging ich noch ins Spital, um mich von ihm zu verabschieden.» Zwei Tage nach der Lehrabschlussfeier sei der Jugendliche dann verstorben.

Dank der Schule auf dem neusten Stand

Neben dem Kontakt zu jüngeren Generationen und seinen Lehrerkollegen schätzte Bichler, dass er sich stets à jour halten musste: «Im Geschäftsalltag wäre einiges an mir vorbeigegangen.» Für die Schule musste er sich damit aber auseinandersetzen.

Die Technologie, gerade in Sachen Kommunikation, habe sich massiv verändert. Sie ist aber nicht das Einzige, das sich mit der Zeit änderte.

Bichler sagt, er sei gelassener geworden: «Anfangs hatte ich das ehrgeizige Ziel, dass jeder Lernende die Abschlussprüfung besteht. Ich musste mir irgendwann aber eingestehen, dass es auch bei mir einige Schüler geben würde, die einen zweiten Anlauf brauchten.»

Auch in der Pension keine Langeweile

Als Fachlehrer ist er zwar mittlerweile in Pension, bei Bedarf wird er aber noch als Stellvertretung einspringen. Ausserdem wird er weiterhin bei Bichler + Partner AG die Lernenden betreuen. Auch andere Aufgaben nimmt Bichler weiterhin wahr.

Deshalb ist er sich sicher, dass es ihm in nächster Zeit nicht langweilig sein wird: «Ich präsidiere den Verwaltungsrat der Musikschule Toggenburg, bin im Schulrat Wattwil zusammen mit Leiter der Schulverwaltung für IT zuständig, engagiere mich im Verwaltungsrat der Toggenburger Medien und bin Fotograf der Feuerwehr Wattwil-Lichtensteig.»

Ein grosser Wunsch Bichlers für die Pensionierung ist bereits in Erfüllung gegangen. Seit Dezember begleitet ihn sein Hund auf Schritt und Tritt, auch auf seine Ferienreisen mit dem Wohnmobil.