Hemberg steht vor einem Patt: Der alte Postautowendeplatz kann nicht mehr genutzt werden – die Alternative ist den Bürgern ein Dorn im Auge

Der Gemeinderat Hemberg möchte und den Postautowendeplatz nicht mehr nutzen – einerseits wegen einer Mieterhöhung, andererseits wegen der Regelung bezüglich Barrierefreiheit. Den Wendeplatz auf den Dorfplatz zu verlegen, stösst auf Opposition. Alternativen gibt es kaum.

Urs M. Hemm
Drucken
Teilen
Die Mieterhöhung von 460 auf 1100 Franken für den Wendeplatz bei der alten Post ist dem Gemeinderat Hemberg zu hoch.

Die Mieterhöhung von 460 auf 1100 Franken für den Wendeplatz bei der alten Post ist dem Gemeinderat Hemberg zu hoch.

Bild. Urs M. Hemm

Es ist eine verzwickte Situation. Der Gemeinderat möchte und kann den Postautowendeplatz bei der alten Post Hemberg nicht mehr nutzen, weil er zum einen die Mieterhöhung von ursprünglich 460 Franken auf neu 1100 Franken nicht mittragen will. Zum anderen verlangt der Kanton St.Gallen Postautohaltestellen künftig barrierefrei zu gestalten. Dies würde den Bau eines Perrons bedingen, welches aber den Platz bei der alten Post so weit einengen würde, dass ein Postauto dort nicht mehr wenden könnte.

Als Alternative schlägt der Gemeinderat darum vor, den Postautowendeplatz samt Wartehaus und Velounterstand vor das Gemeindehaus zu verlegen. Wie aber an einer Informationsveranstaltung von Donnerstagabend im «Löwen» klar ersichtlich wurde, stösst dieser Vorschlag bei etlichen der rund 100 Anwesenden auf wenig Gegenliebe.

Eingeladen für diesen Abend hatten Christian Gertsch, Gemeindepräsident von Hemberg, Hanspeter Schweizer, Gemeinderat, Marco Steiner, Nagel+Steiner Ingenieurbüro für Verkehrsplanung, Roland Rüegg, kantonale Verkehrspolizei, Ruedi Herzig, Postauto AG sowie Markus Schait vom Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons St.Gallen.

Kirchgängern und Vereinen ein Dorn im Auge

Vor allem die direkten Anwohner des Gemeindeplatzes stören sich an der Verlegung des Postautowendeplatzes vor ihre Haustür.

«Wenn da die Leute aussteigen, dann komme ich gar nicht mehr aus meinem Haus raus – der Platz reicht nie und nimmer aus.»

Ein weiteres Argument gegen die Verlegung gerade an diesen Ort war die Bedeutung des Platzes für die Dorfvereine, welche ihn für Empfänge oder für Feiern wie etwa jener am 1. August nutzen würden. Zu reden gab zudem, dass sich Postautos und Kirchgänger von Gottesdiensten, Beerdigungen oder Hochzeiten in die Quere kommen würden. «Beerdigungen dauern meist bis 15 Uhr. Und gerade dann, wenn alle die Kirche verlassen, fährt das Postauto», sagte eine Besucherin.

Nicht zuletzt wurde die Verkehrssicherheit angesprochen. Einerseits, weil der Schulweg für viele Schülerinnen und Schüler des Schulhauses Dreieggli dort durchführe, für die der Wendeplatz vor dem Gemeindehaus eine Gefahr darstelle. Andererseits wegen des individuellen Personenverkehrs, der von Wattwil herkommend behindert werde, wenn das Postauto vom Gemeindehaus her in die Wattwilerstrasse einbiege.

Der Platz vor dem Hemberger Gemeindehaus soll zum Postautowendeplatz umgewandelt werden. Dagegen wehren sich nicht nur die direkten Anwohner, auch Vereine und die Kirche melden Vorbehalte an.

Der Platz vor dem Hemberger Gemeindehaus soll zum Postautowendeplatz umgewandelt werden. Dagegen wehren sich nicht nur die direkten Anwohner, auch Vereine und die Kirche melden Vorbehalte an.

Bild. Urs M. Hemm

Vermessungen zeigen: Es hat genug Platz

Der für das Projekt zuständige Gemeinderat, Hanspeter Schweizer, versicherte, dass alle Vermessungen korrekt ausgeführt worden seien und es demnach genügend Platz für die Postautos gebe. «Zudem wurden mit zwölf Meter langen Postautos Versuche durchgeführt. Diese ergaben, dass das Wendemanöver problemlos durchzuführen ist, ohne dass die Trottoirs, welche die Schulkinder nutzen, tangiert werden.»

Ebenso reibungslos klappe das Einbiegen in die Wattwilerstrasse, ergänzte Ruedi Herzig von der Postauto AG. Er sagte ausserdem, dass das Wenden in einem Zug unerlässlich sei, weil das Rückwärtsfahren für Postautos mit Passagieren an Bord verboten sei. Gemeindepräsident Christian Gertsch sagte, dass er zwar das Problem mit den Kirchgängern verstehe. Dennoch:

«Es finden in Hemberg nicht viele Beerdigungen oder Hochzeiten statt, sodass für diese wenigen Fälle bestimmt eine Lösung gefunden werden kann.»

Die Kritik am Wegfall der Parkplätze vor dem Gemeindehaus konnte Christian Gertsch insofern entkräften, als neun der zehn Parkplätze in unmittelbarer Nähe an der Dreiegglistrasse ersetzt werden könnten. «Zudem ist auf dem Wendeplatz ein Behindertenparkplatz geplant», sagte Hanspeter Schweizer. Die Gesamtkosten für das Projekt veranschlagt Hanspeter Schweizer mit rund 160'000 Franken.

Alternativen scheitern an Gesetzen und Vorschriften

Auch eine Alternative präsentierte der Gemeinderat, nämlich den Kauf des Grundstücks mit der alten Post. «Der aktuelle Besitzer würde die Liegenschaft für 900'000 Franken verkaufen. Zuzüglich Verschreibungs- und Umbaukosten würde die Gemeinde insgesamt dafür knapp 1,1 Millionen Franken ausgeben müssen», rechnete Christian Gertsch vor. «Angesichts der laufenden Projekte, wie der Bau des neuen Mehrzweckgebäudes, rate ich davon ab, sich noch höher zu verschulden», warnte er. Denn unabhängig der tiefen Zinsen müssten diese Investitionen abgeschrieben werden, was zu einer noch höheren Pro-Kopf-Verschuldung führen würde.

Weitere Alternativen, wie beispielsweise die Verlängerung der Postautolinie bis ins Oberdorf oder den Wendeplatz auf den Volg-Platz zu verlegen, würden gemäss Auskunft von Ruedi Herzig und Markus Schait an kantonalen Vorschriften und Gesetzen oder an zu hohen Kosten für die Gemeinde scheitern.

Gesetzliche Obergrenze für Motorenlärm fehlt

Deutlich kürzer fiel die Präsentation von Lösungen bezüglich eines neuen Verkehrskonzepts aus. Die Mehrheit der Anwesenden nahm die von Marco Steiner vorgeschlagenen Massnahmen zur Kenntnis. Noch bleiben aber viele Detailfragen zu klären. Die Ziele des Konzepts sind die Erhöhung der Schulwegsicherheit sowie die Beruhigung des Verkehrs. «Zur Erreichung dieser Ziele gibt es unzählige Massnahmen», sagte Steiner.

Als mögliche konkrete Massnahmen nannte er beispielsweise die Verbreiterung des Trottoirs an der Scherbstrasse, was zu einer Verengung der Fahrbahn und somit zu einer Temporeduktion am Dorfeingang führen würde. Einen ähnlichen Effekt habe das Anbringen von gelben Randstreifen, welche die Fahrbahn optisch verengten. Zur Erhöhung der Schulwegsicherheit empfiehlt Marco Steiner ausserdem die grossflächige farbige Gestaltung von Strassenabschnitten. «Das erhöht sowohl die Aufmerksamkeit der Autofahrer als auch diejenige der Schülerinnen und Schüler.

Roland Rüegg von der kantonalen Verkehrspolizei gibt den über 100 Anwesenden im «Löwen»-Saal Auskunft.

Roland Rüegg von der kantonalen Verkehrspolizei gibt den über 100 Anwesenden im «Löwen»-Saal Auskunft.

Bild. Urs M. Hemm

In verschiedenen Bereichen sieht Steiner eine Möglichkeit, die Sicherheit durch die Reduktion der erlaubten Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Sinnvoll wäre dies namentlich an der Urnäscherstrasse, im Bereich Lemberg sowie an der Bomenstrasse vom Lemberg bis zur Unterbomenstrasse.

In der Diskussion wurde gemahnt, massvoll zu handeln. «Die Sicherheit ist uns wichtig, aber es müssen auch noch Lastzüge verkehren und der Winterdienst gemacht werden können.» Zur Reduktion des Lärms durch Motorräder konnte Roland Rüegg von der Verkehrspolizei den Lärmgeplagten keine Hoffnung geben. «Eine Kontrolle durch die Polizei ist unmöglich, da es keine gesetzliche Lärmobergrenze gibt. Sie müssen es aushalten.»