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Pädophilie-Prozess im Toggenburg: Wirtschaftsprüfer urinierte auf Brust und Unterkörper eines Mädchens +++ Angeklagter: «Es schmerzt mich zutiefst +++ Streit ums Strafmass

Das Kreisgericht Toggenburg behandelte einen Fall von Kinderpornografie. Die Opfer waren fünf- bis zwölfjährig. Ein Urteil im Fall ist noch nicht ergangen.
Martin Knöpfel
Der Mann verging sich über Jahre an mehreren Mädchen. (Symbolbild: Fotolia)

Der Mann verging sich über Jahre an mehreren Mädchen. (Symbolbild: Fotolia)

Zwei Polizisten bringen den Angeklagten ins Kreisgericht Toggenburg. Die Hände hat er gefesselt, die Füsse nicht. Der fast 66-jährige Schweizer ist wegen mehrfacher Schändung, sexueller Nötigung, Verleitung zu sexuellen Handlungen und Besitz von Kinderpornographie angeklagt.

Es geht um rund 2700 Fotos und Filme, die der Angeklagte zwischen 2008 und 2014 selber angefertigt oder in Auftrag gegeben haben soll. Die Mädchen aus der Slowakei, aus Polen und aus der Ukraine waren zur Zeit der Aufnahmen fünf bis zwölf Jahre alt. Wegen des Missbrauchs des polnischen Mädchens ist ein Strafverfahren in Polen hängig.

Durch Therapie Rückfall verhindern

Der Verhandlung folgt der Mann meist regungslos, gelegentlich flüstert er etwas mit seinem Verteidiger. Im Schlusswort sagt er, er bereue, was er vor mehr als zehn Jahren den Kindern angetan habe. Es schmerze ihn zutiefst. Er wolle im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten Wiedergutmachung leisten und durch eine Therapie einen Rückfall verhindern.

Der Angeklagte ist fast 66 Jahre alt. Er sagt, er sei nie in einer intakten Familie aufgewachsen. Er habe die Kindheit in einem Heim und bei einer Pflegefamilie verbracht. Er habe aber gelernt, sich in schwierigen Situationen zu behaupten. Als Beispiel nannte er, dass er in Polen zwei Jahre in Untersuchungshaft – «Zitat: Isolationshaft» – gesessen habe, wobei er einräumt, dass er das verdient habe. In der Strafanstalt Pöschwies habe er Fuss gefasst. Er besuche freiwillig eine Gruppentherapie, weil er wissen wolle, weshalb er so scheussliche Taten begangen habe.

Während der Untersuchungshaft in Polen konnte der Angeklagte auf das internet-fähige Nokia-Handy eines Wärters zugreifen. Die Mutter der Ukrainerin schickte ihm ein Foto ihrer Tochter. In der Folge bestellte der Angeklagte bei der Mutter Sex-Fotos und Videos des Mädchens, wobei er per Mail genaue Vorgaben machte, wie die Fotos komponiert werden sollten.

Staatsanwältin forderte stationäre Massnahme

Der Angeklagte habe über länger Zeit kleine Kinder missbraucht. Diese würden bis heute darunter leiden, sagte die Staatsanwältin. Man dürfe keinen Rückfall in Kauf nehmen. Rechnerisch ergäben die Taten, die dem Angeklagten vorgeworfen werden, eine Strafe von 22,5 Jahren. Diese werde auf das rechtliche Maximum von 15 Jahren gekürzt, was den Strafantrag ergibt.

Allerdings beantragt die Staatsanwältin eine stationäre Massnahme gegen den Angeklagten. Sie begründet das damit, dass die Therapieberichte und die beiden Gutachten dem Angeklagten hohe Manipulationsfähigkeit attestierten. Der Angeklagte sei bei den pornographischen Aufnahmen der Regisseur gewesen. Der Angeklagte habe der damals elf- bis zwölfjährigen Polin gedroht, sie dürfe nicht mehr nach Hause fahren oder er schicke ihr die Mafia auf den Hals, wenn sie nicht wie befohlen nackt posiere oder ihn manuell oder oral befriedige.

Die Polin sagte, der Angeklagte sei immer aggressiv geworden, wenn sie Nein gesagt habe. Sie habe Angst gehabt um sich, um ihre Mutter und um ihre Grossmutter.

«Ich bin eine junge Nutte»

Eine besondere Erniedrigung bestand laut der Staatsanwältin darin, dass der Angeklagte auf die Brust und den Unterkörper der jungen Polin urinierte. Einmal habe der Angeklagte das Mädchen mit Geldscheinen in der Hand und mit einem Schild «Ich bin eine junge Nutte» in deutscher und polnischer Sprache fotografiert. Andere Bilder erinnerten an S-M-Praktiken. Die Polin hätte väterliche Fürsorge und Hilfe benötigt, da sie gezeugt wurde, als ihre Mutter vom Vater vergewaltigt worden sei.

Die Mutter des slowakischen Mädchens reiste mehrmals mit der Tochter in die Schweiz und half hier dem Angeklagten bei den Nacktaufnahmen und –videos der Tochter. Der Angeklagte habe so die Mutter der damals Fünf- oder Sechsjährigen in den Missbrauch einbezogen und das Vertrauen der Tochter in die Mutter erschüttert. Dadurch sei das Kind zum Widerstand unfähig gewesen. In diesen beiden Fällen müsse man deshalb von Schändung sprechen.

Eine übermässige Gewaltanwendung durch den Täter sei laut Bundesgericht für die Schändung nicht erforderlich. Eine sexuelle Handlung sei gegeben, wenn jemand Kinder in objektiv aufreizender Pose oder nackt fotografiere, sagte die Staatsanwältin. Die Fotos und Videos der jungen Slowakin und der jungen Polin seien im Lauf der Zeit immer perverser geworden. Das Verhalten der slowakischen Mutter sei schändlich, sagte die Staatsanwältin, allerdings hätten die Frau und deren Partner etwa 170 Euro im Monat verdient, dies bei einem Existenzminimum von 400 Euro und ohne Aussicht, am Wohnort in der Slowakei eine Arbeitsstelle zu finden.

Im Fall des ukrainischen Mädchens ist Schändung nicht eingeklagt. Laut Aussage des Verteidigers lernte der Angeklagte alle drei Mütter über Partnervermittlungsangenturen kennen, wobei der Angeklagte anfangs nicht gewusst habe, dass die Frauen Kinder hätten.

Maximal vier Jahre beantragt

Der Verteidiger beantragte Freisprüche bei den schwerwiegendsten Anklagepunkten der Schändung und der sexuellen Nötigung. Die Mädchen hätten sich dem Willen des Angeklagten widersetzen können, argumentierte der Verteidiger. Die Slowakin habe eines Abends einfach das Zimmer verlassen, als sie nicht mehr posieren wollte. Das zeigt für den Verteidiger, dass man dem Kind den Willen gelassen habe. Das wollte die Staatsanwältin aber nicht gelten lassen. Am nächsten Tag habe der Angeklagte weitere Nacktfotos des Mädchens erstellt, entgegnete sie.

Die Polin sei immer wieder allein und mit Einwilligung der Familie mit dem Angeklagten verreist, da sie Geschenke wie eine Spielkonsole oder Kleider als Gegenleistung fürs Posieren erhalten habe. Die junge Polin habe rasch begriffen, dass sexuelle Posen die Gegenleistung für die Geschenke gewesen seien und habe Geld und die Geschenke für sich, nicht für die Familie, gewollt. Das sei ein Geschäft gewesen, sagte der Verteidiger. Wie die Blutergüsse auf dem Körper des Mädchens entstanden seien, sei ungeklärt. Die junge Polin habe mehrmals dem Angeklagten zärtliche SMS geschickt.

Das Mädchen habe via Smartphone und Computer auch täglich mit Familienangehörigen oder Freundinnen in der Heimat chatten können, sagte der Verteidiger. Die polnische Mutter habe ausgesagt, dass die Tochter immer gern zu Treffen mit dem Angeklagten gereist sei. Für den Verteidiger ist das der Beweis, dass sein Mandant keinen permanenten Zwang ausgeübt habe. Zwang würde bei Mädchen dieses Alters auch nicht funktionieren, sagte der Verteidiger.

Für ihn ist eine Strafe von maximal vier Jahren der Schuld angemessen. Zudem seien eine ambulante Therapie und eine Bewährungshilfe anzuordnen. Ferner sei sein Mandant nach der Urteilsverkündung freizulassen. Eine Rückfallgefahr bezüglich Kinderpornographie mit «Hands-On-Delikten» bestehe laut Therapiebericht nicht. Da sein Mandant sieben Jahre im Gefängnis gewesen sei, sei eine Entschädigung für die Überhaft fällig, sagte der Verteidiger, der zugleich betonte, er wolle sich bei seinem Antrag ans Gesetz und an die Entscheide des Bundesgerichts halten.

«Glücklicherweise nicht schwer traumatisiert»

Den Strafantrag der Staatsanwältin nannte der Anwalt «grotesk und absurd», auch im Vergleich zu anderen Fällen von Kinderpornografie und Misshandlung. Sein Mandant habe nie Gewalt angewendet, sondern die Mädchen zu sexuellen Handlungen überredet. Die drei Mädchen seien glücklicherweise nicht schwer traumatisiert, sagte der Verteidiger. Er vermutet, dass die Staatsanwältin aus irgendwelchen Gründen befangen ist.

Der Strafantrag ist seiner Ansicht nach jetzt so viel höher als früher, weil das psychiatrische Obergutachten den Plan durchkreuzt habe, eine stationäre Massnahme zu verfügen. Der Strafantrag sei unvereinbar mit den Grundsätzen des Strafverfahrensrechts, etwa mit dem Gleichbehandlungsgebot. Die «auf 120 Seiten aufgeblasene Anklageschrift» verletze zudem das Gebot der Waffengleichheit, kritisierte der Verteidiger.

Sein Mandant habe schon freiwillig dem slowakischen Opfer eine Genugtuung bezahlt und sei auch bereit, die Polin zu entschädigen. Der Anwalt der jungen Polin hatte eine Genugtuung von 30'000 Franken gefordert. Der Verteidiger sieht 5000 Franken als gerechtfertigt an.

Das Gericht verkündete am Mittwochabend noch kein Urteil.

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