«Den Fischen wird der Lebensraum geraubt»: Herisauer trocknen Neckertaler Aachbach aus

Der Wasserexport nach Herisau aus dem Aachbach durch die Wasserversorgung Herisau schade den Tieren und Pflanzen. Dem Präsidenten des Fischerei-Vereins Neckertal, Reto Brüllmann, ist diese Praxis ein Dorn im Auge.

Urs M. Hemm
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Der Aachbach bei Mogelsberg, aufgenommen im Juni 2017. Reto Brüllmann ist davon überzeugt, dass die Wasserentnahme Mitschuld an der Austrocknung des Baches trägt. (Bild: PD)

Der Aachbach bei Mogelsberg, aufgenommen im Juni 2017. Reto Brüllmann ist davon überzeugt, dass die Wasserentnahme Mitschuld an der Austrocknung des Baches trägt. (Bild: PD)

Im September dieses Jahres liess die Wasserversorgung Herisau im Gebiet Böschenbach unterhalb von Mogelsberg hydrologische Abklärungen durchführen. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden unter anderem Pumpversuche unternommen, welche Rückschlüsse auf die mögliche Fördermenge von Grundwasser in diesem Gebiet zulassen.

Bekannt ist, dass ein grosser Teil der Grundwasserreserve, die entnommen wird, durch Sickerwasser des Aachbaches gespeist wird. Weil dieses von der Wasserversorgung Herisau abgeführte Wasser − bis zu 700'000 Kubikmeter jährlich − nicht mehr in den Aachbach und den Necker, sondern in die Glatt zurückgeführt wird, fehlt dieses in den beiden Gewässern im Neckertal. «Wir vermuten, dass die Wasserentnahme zur inzwischen alljährlichen, kompletten Austrocknung im Fassungsbereich des Aachbachs führt. Den Fischen und Kleinorganismen im und den Insekten ums Wasser wird so der Lebensraum geraubt», sagt Reto Brüllmann, Präsident des Fischerei-Vereins Neckertal.

Herisau hätte genügend eigenes Wasser

Reto Brüllmann, Präsident Fischerei-Verein Neckertal. (Bild: Urs M. Hemm)

Reto Brüllmann, Präsident Fischerei-Verein Neckertal. (Bild: Urs M. Hemm)

Den Mitgliedern des Fischerei-Vereins sei das Dilemma zwischen den Bedürfnissen der Menschen und denjenigen der Wasserlebewesen durchaus bewusst. «Darum haben wir auch Verständnis dafür, wenn Wasser für die umliegenden St.Galler Gemeinden entnommen wird», sagt Reto Brüllmann. Dieses Wasser werde in der Regel dem Gewässersystem des Neckers in Form von geklärtem Abwasser auch wieder zugeführt.

Wenig Verständnis könnten sie jedoch dafür aufbringen, dass bis zu 70 Prozent des Wassers nach Herisau gepumpt werde, wo die Wasserreserven deutlich höher seien, als jene im System des Necker.

«Dabei ist die Gemeinde Herisau für die Sicherstellung der Versorgung keineswegs auf Wasser aus dem Neckertal angewiesen.»

Um allfällige Engpässe überbrücken zu können, könne Herisau wie in diesem Sommer den Bedarf mit Bodenseewasser abdecken, was aber mehr kosten würde. «So kommt es letztlich zum Konflikt Ökologie gegen Ökonomie», sagt Reto Brüllmann. Der ökologische Schaden in Aachbach und Necker, der durch die Wasserentnahme bisher entstanden sei, sei bereits beträchtlich. «Aufgrund der veränderten klimatischen Bedingungen sind die negativen Folgen für Tiere und Pflanzen während der vergangenen Jahre jedoch untragbar geworden», sagt Reto Brüllmann.

Bei Niedrigwasser im Necker müssten sich die Fische die wenigen, übrig gebliebenen tieferen Becken teilen, was zu Stress führe. Denn darin fehle es nicht nur an Platz zum Schwimmen, auch der Sauerstoffgehalt des Wassers sei in solchen Tümpeln gefährlich tief. Zudem: Unter der Sonneneinstrahlung und durch das Fehlen des kalten Grundwassers des Aachbachs erwärmt sich das wenige Wasser im Necker inzwischen immer schneller. «Wir wissen, dass die Äsche ab einer Wassertemperatur von über 22 Grad kaum mehr überleben kann, bei der Bachforelle liegt diese Grenze bei zirka 25 Grad Celsius», erläutert Brüllmann.

Feststellungen basieren auf Beobachtungen

Zwar basierten die Feststellungen zu den negativen Folgen der Wasserentnahme auf Flora und Fauna nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen, aber auf Reto Brüllmanns Beobachtungen und den Beobachtungen seiner Fischerkameraden. «Viele unserer Vereinsmitglieder gehen bereits seit Jahren dem Hobby Fischen nach und haben die rasanten Veränderungen − wie auch ich − selbst miterlebt», sagt Reto Brüllmann.

Aussagekräftige Hinweise auf die fatale Entwicklung gebe die Fangstatistik, welche jährlich durch den Fischerei-Verein Neckertal erhoben werde. Reto Brüllmann erläutert:

«Gemäss diesen Zahlen sind die Fangquoten bei Barben und Forellen bis auf wenige Ausnahmejahre stetig rückläufig. Äschen tauchen seit 2011 gar nicht mehr in der Statistik auf, was darauf hindeutet, dass es die Äsche im Necker aufgrund der Veränderungen im Necker schlicht nicht mehr gibt.»

Da die Spitzentemperaturen im Jahresverlauf inzwischen über längere Phasen die 25-Grad-Grenze erreichen, müsse man nun auch ganz konkret mit dem Verschwinden der Bachforelle rechnen.

Jederzeit zu Gesprächen bereit

«Auf das Wetter und die Temperaturen haben wir keinen Einfluss. Auf die Wassermenge jedoch schon, denn das Wasser ist im Necker und im Talboden vorhanden. Wir müssen einfach sorgsamer damit umgehen», sagt Reto Brüllmann. Er freut sich, dass aufgrund der hydrologischen Abklärungen Untersuchungen unternommen werden sollen, welche die ökologischen Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt wissenschaftlich festhielten.

«Wir sind jederzeit zu Gesprächen bereit, denn auch uns ist daran gelegen, die Versorgungssicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten», betont Brüllmann. Dennoch müsse ein Gleichgewicht zwischen ökonomischen Überlegungen und ökologischen Kosten gefunden werden. «Nicht nur für uns Fischer, sondern für alle, die sich gerne in der Natur bewegen und diese erhalten wollen.»