Interview

OK-Präsident des Bergrennens Hemberg zu ewigem finanziellem Kampf: «Wir sind zu klein für einen Grossanlass»

Die Durchführung des Bergrennens Hemberg birgt ein nicht zu unterschätzendes finanzielles Risiko. Die Organisatoren rund um OK-Präsident Christian Schmid sind abhängig vom Wetterglück und vom Wohlwollen der Sponsoren.

Urs M. Hemm
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Das Bergrennen Hemberg hat sich nicht nur als Veranstaltung für Motosportfans, sondern als Anlass für die ganze Familie etabliert. Bild: Michel Canonica (10. Juni 2018)

Das Bergrennen Hemberg hat sich nicht nur als Veranstaltung für Motosportfans, sondern als Anlass für die ganze Familie etabliert. Bild: Michel Canonica (10. Juni 2018)


Das Bergrennen Hemberg kommt vom 14. bis 16. Juni zu seiner achten Austragung seit seiner Wiederauferstehung im Jahr 2012. Dabei bewegen sich die Organisatoren rund um OK-Präsident Christian Schmid bei jeder Neuauflage des Rennklassikers auf Messers Schneide, wo sie sich entscheiden müssen, ob das finanzielle Risiko einer Durchführung vertretbar ist. Denn ohne die Unterstützung von Sponsoren und dem freiwilligen Einsatz Hunderter von Helfern ist ein Start undenkbar − beides zu finden werde jedoch immer schwieriger, weshalb die Zukunft des Bergrennens Hemberg von Jahr zu Jahr im Ungewissen liegt.

Der definitive Entscheid, das Bergrennen 2019 durchzuführen, fiel sehr spät. Gab es Schwierigkeiten bei den Vorbereitungen?

Christian Schmid, Präsident des Organisationskomitees, und das Bergrennen Hemberg blicken in eine ungewisse Zukunft. (Bild: Ruben Schönenberger)

Christian Schmid, Präsident des Organisationskomitees, und das Bergrennen Hemberg blicken in eine ungewisse Zukunft. (Bild: Ruben Schönenberger)

Christian Schmid: Das grosse Thema bei uns ist eigentlich immer die Finanzierung. In der Regel fällen wir den Entscheid, ob ein Bergrennen stattfindet im März. Denn spätestens dann wissen wir, ob die Finanzierung sichergestellt ist. Für die diesjährige Austragung war es jedoch extrem schwierig, die Finanzierung zu sichern. Denn bei einem Umsatz von rund einer halben Million Franken sind wir für einen Kleinanlass zu gross und für einen Grossanlass zu klein, um für die grossen Sponsoren interessant zu sein. Das ist unser Dilemma.

Das Bergrennen steht vor seiner achten Ausgabe und hat sich bei Rennteilnehmern und Fans etabliert. Warum ist es dennoch schwierig, für so einen Anlass Sponsoren zu finden?

Unsere Routine macht es insofern einfacher, dass wir immer weniger Sponsoren brauchen. Denn wir konnten das Budget über die Jahre so weit straffen, dass wir das Risiko eingehen können.

In diesem Jahr jedoch sind gleich mehrere langjährige Sponsoren abgesprungen, die sich neu auf andere Anlässe ausrichten wollen.

Das ist völlig normal und auch legitim. Dennoch hat es uns getroffen, weil wir diesen beträchtlichen Ausfall nicht in so kurzer Zeit haben kompensieren können.

Was für Firmen treten beim Bergrennen Hemberg als Sponsoren auf?

Bei einem Anlass wie dem unsrigen geht es beim Sponsoring weniger um Marketing, als um Sympathie für den Anlass. Viele Firmen unterstützen uns, weil der Entscheidungsträger Freude am Bergrennen hat. Diese führen dann auch Kunden- oder Mitarbeiteranlässe bei uns durch. Wir haben nur sehr wenige Sponsoren, die ihr Produkt gezielt bei uns positionieren wollen. Und internationale Marken wie Auto- oder Reifenhersteller, die direkt mit dem Motorsport zu tun haben, verweisen uns an die regionalen Niederlassungen, für die ein finanzielles Engagement auch nicht immer leicht zu tragen ist.

Viele sportliche und kulturelle Anlässe im Toggenburg werden entweder vom Kanton St.Gallen oder von Stiftungen unterstützt. Warum erhält das Bergrennen Hemberg von diesen Seiten keinen finanziellen Zustupf?

Es ist richtig, dass wir offiziell als Sportanlass gelten. Der Schweizerische Automobilverband ist denn auch Mitglied von Swiss Olympic. Die lizenzierten Rennfahrer unterliegen also dem Dopingreglement und werden dahingehend auch getestet. Will man jedoch an Fördergelder herankommen, gilt Motorsport oft eben nicht als Sportart. Im Bereich Kultur gehen die Meinungen auch auseinander.

Ist ein Anlass wie das Bergrennen, das im vergangenen Jahr sein 50-Jahr-Jubiläum feierte, als kultureller Teil einer Region zu werten?

Ebenso wenig weiss man uns im Bereich Tourismus einzuordnen, sodass wir ausser vom Verkehrsverein Hemberg auch von dort keine Unterstützung erwarten können. So fallen wir immer wieder durch jegliche Raster und befinden uns zwischen Stuhl und Bank. Es ist eine spezielle Situation.

Als Verein tragen sie ein hohes finanzielles Risiko falls, beispielsweise wegen schlechten Wetters, die Zuschauer ausbleiben. Hat der Verein ein genügend grosses finanzielles Polster, um solche Ausfälle abdecken zu können?

Nein, das haben wir eigentlich nicht. Wir gehen jedes Mal ein hohes finanzielles Risiko ein. Erst im vergangenen Jahr haben wir alle Schulden tilgen können, die wir in den Jahren 2013 und 2014 eingefahren haben. Mit dem grossen Erfolg im vergangenen Jahr ist dann tatsächlich ein wenig übrig geblieben, das aber bei weitem nicht ausreichen würde, um ein schlechtes Jahr einfach so wegstecken zu können.

Andere grosse Anlässe sind gegen Ausfälle − beispielsweise aufgrund von schlechtem Wetter − versichert. Warum hat der Verein Bergrennen Hemberg nicht eine solche Versicherung abgeschlossen?

Man kann sich gegen Unwetter, aber auch gegen schlechtes Wetter versichern. Die greift, wenn es beispielsweise 20 Millimeter geregnet hat. Sind es aber nur 19 Millimeter Niederschlag, hat man als Versicherter keinen Anspruch auf eine Entschädigung. Das heisst, wir bezahlen 10000 Franken, haben wegen 19 Millimeter Regen einen beträchtlichen Ausfall, aber doch einen Millimeter zu wenig Regen, damit die Versicherung bezahlt. Das ist schliesslich das unternehmerische Risiko, das jeder Veranstalter für sich abschätzen muss. Angesichts der doch beträchtlichen Prämien haben wir bewusst auf eine solche wie auch auf eine Versicherung gegen Unwetter verzichtet. Wir sind lediglich für Schäden im Rahmen der Veranstalterhaftung gegenüber Dritten versichert.

Mit den ganzen Vorarbeiten eingerechnet beschäftigen Sie sich seit rund 15 Jahren mit dem Bergrennen Hemberg. Haben Sie noch die Energie und nötige innere Bindung ein solches Risiko einzugehen?

Gewisse Abnützungserscheinungen will ich nicht in Abrede stellen. Denn je nach Ressort − sicherlich in meinem Fall als OK-Präsident − ist man ganzjährig mit der Organisation beschäftigt. Hinzu kommen die Belastung des finanziellen Risikos sowie einige Erlebnisse die das Bergrennen mit sich gebracht hat, die nicht spurlos an einem vorbei gehen.

Aber die emotionale Bindung zu unserem «Baby» ist bei allen nach wie vor sehr gross.

Wir befassen uns aber bereits damit, wie die Zukunft des Bergrennens ausschauen wird. Wichtig ist, weit vorauszuschauen. Wir vom Kernteam sagen uns immer, dass wir erst dann alles richtig gemacht haben, wenn es auch ohne uns weitergeht. In einigen Ressorts hat es bereits Wechsel in der Leitung gegeben, in anderen versuchen wir, mögliche Nachfolger an die Aufgaben heranzuführen. Sicher ist, dass es einen gleitenden Übergang und keinen Schnitt geben wird. Alle, die jetzt dabei sind, werden sicherlich auch später irgendwie am Bergrennen aktiv mithelfen und für Fragen der Nachfolgecrew jederzeit zur Verfügung stehen. Mein Ziel war eigentlich immer, das elfte Bergrennen als Gast geniessen zu können − wir werden sehen, ob wir bis dann so weit sind.

Engagement wird nicht nur von Ihnen, sondern auch von den zahlreichen freiwilligen Helfern gefordert, welche die Durchführung des Anlasses erst möglich machen? Kann das Bergrennen Hemberg hier auf genügend Unterstützung zählen?

Ja, wir können glücklicherweise auf einen langjährigen, treuen Helferstamm zählen. Alle Positionen zu besetzen wird aber immer schwieriger. Irgendwie haben wir es aber bisher immer geschafft. Ich höre aber auch von anderen Vereinen, dass es in den letzten zehn Jahren schwieriger geworden ist, Freiwillige zu rekrutieren. So ist das eher ein allgemeines, denn ein spezifisches Problem des Bergrennens.

Ist vor einen solchen Hintergrund die Durchführung des Bergrennens überhaupt jemals gesichert oder wird es jedes Jahr ein Abwägen der Risiken sein?

Nein, ich glaube nicht, dass es jemals ein «Selbstläufer» wird der «einfach so von selber» stattfindet. Auch die Bewilligung des Kantons wird nur immer jeweils für das nächste Rennen erteilt. Hier weiss man auch nie, in welche Richtung sich die Politik entwickelt. Generell im Motorsport, hinauf bis hin zur Formel 1, ist es allgemein so. Sie wissen auch nie mit Sicherheit, wo im kommenden Jahr die Rennen stattfinden werden oder, wie es auch der Sauber-Rennstall gezeigt hat, ob die Finanzierung gesichert ist. Es ist eine Eigenheit im gesamten Motorsport-Business, dass hauptsächlich von Jahr zu Jahr gearbeitet wird, egal ob Fahrer, Rennteam oder Veranstalter.

Kann es sein, dass in Zeiten der grossen Klimadebatten Bergrennen einfach nicht mehr dem Zeitgeist entsprechen?

Das glaube ich nicht. Wir sind die erste Motorsportveranstaltung in der Schweiz überhaupt, die bereits 2016 von Swiss Olympic mit dem Label Ecosport ausgezeichnet wurde. Dies ist ein Label für nachhaltige Veranstaltungen. Da gibt es noch viele andere Sportveranstaltungen, die sich zuerst einmal damit befassen sollten.

Unsere Hauptakteure verbrauchen zwar Benzin − das ist wahr. Ich denke aber nicht, dass etwa ein Fussballmatch mit 10000 Zuschauern von der Gesamtenergiebilanz ökologischer ist.

Ebenso verhält es sich beispielsweise mit Eishockey-Hallen, wo über das ganze Jahr hindurch während 24 Stunden Energie für die Eisfläche aufgewendet werden muss. Aber da stellt niemand die Ökofrage. Wir wissen, dass unsere Ökobilanz nicht besser oder schlechter ist als diejenige eines jeden anderen Grossanlasses.