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Interview

Alex Hollenstein von den Wattwiler Thurwerken: «Es findet sich immer ein billiger Stromlieferant»

Der Geschäftsleiter der Thurwerke erklärt, welche Auswirkungen die Strommarkt-Strategie des Bundesrates haben könnte.
Beat Lanzendorfer
Geht es nach den Plänen des Bundesrates, sollen private Haushalte in Zukunft selber entscheiden können, weil welchem Lieferanten sie ihren Strom einkaufen. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Geht es nach den Plänen des Bundesrates, sollen private Haushalte in Zukunft selber entscheiden können, weil welchem Lieferanten sie ihren Strom einkaufen. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Das «Toggenburger Tagblatt» hat am letzten Donnerstag die Strompreise, die ab Januar 2020 gelten, veröffentlicht. Bis auf wenige Ausnahmen muss der Konsument im neuen Jahr tiefer in die Tasche greifen. Wieso gibt es eigentlich unterschiedliche Strompreise im Toggenburg?

Alex Hollenstein, Geschäftsleiter Thurwerke. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Alex Hollenstein, Geschäftsleiter Thurwerke. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Alex Hollenstein: Beim jährlichen Vergleich des «Toggenburger Tagblattes» werden nach meiner Einschätzung die einzelnen Komponenten zu wenig berücksichtigt. Grundsätzlich wird der Strompreis aus der Netznutzung, dem Stromverbrauch und den gesetzlichen Abgaben definiert. Wenn ein Elektrizitätswerk der Erneuerung der Infrastruktur aber zu wenig Gewicht beimisst, kann es seinen Kunden tatsächlich einen tieferen Preis offerieren. Aus meiner Sicht aber ein zu kurzfristiges Denken.

Dann sind die Preise, welche auf der Grafik aufgeführt sind, nicht miteinander vergleichbar?

So ist es. Über die Netznutzungstarife werden die Kosten für den Bau, den Betrieb und den Unterhalt der Stromnetze auf die Endverbraucher überwälzt. Die Kraftwerke bezahlen keine Netznutzungstarife und die Kunden mit Eigenverbrauchsmöglichkeiten werden ebenfalls bevorzugt. Diese Kosten sind natürlich sehr unterschiedlich und aufgrund der geografischen Lage, der getätigten Investitionen und der Grösse des Netzes nicht miteinander vergleichbar.

Kommen weitere Komponenten hinzu, welche den Strompreis beeinflussen?

Ja. Unter dem Energietarif versteht man den Preis für die gelieferte elektrische Energie. Dieser hängt auch von der Qualität der gelieferten Energie ab. Einige Versorger setzen nach wie vor auf günstige Kernenergie. Die Thurwerke hingegen setzen zu hundert Prozent auf Schweizer Wasserkraft. Im Weiteren kaufen die Elektrizitätswerke die Energie bei verschiedenen Lieferanten an der Strombörse. Je nach Beschaffungsstrategie sowie Zeitpunkt und Bezugsprofil können auch hier die Preise variieren.

Nun will der Bundesrat den Strommarkt vollständig öffnen. Private und KMU sollen künftig selber entscheiden können, von wem sie ihren Strom beziehen. Wie sieht die heutige Situation aus? Kann ein Privater nicht selber entscheiden, woher sein Strom kommt?

Grossverbraucher mit einem jährlichen Verbrauch von mindestens 100000 kWh/Jahr können seit 2009 die Energie auf dem freien Markt beschaffen. Die sogenannte zweite oder vollständige Marktöffnung wird seit Jahren diskutiert und wurde zeitlich noch nicht festgelegt. Somit können die Privaten nur vom lokalen Werk den Strom beziehen. Sie werden als feste Kunden in der Grundversorgung eingeteilt und erhalten somit von der ElCom, der Eidgenössischen Elektrizitätskommission, überprüfte Tarife. Sie haben aber die Möglichkeit, freiwillig zusätzlich zum Beispiel Strom aus erneuerbaren Energieträgern – Sonne, Wind, Wasser – zu beziehen. Dies wird über sogenannte Herkunftsnachweise oder Zertifikate bestätigt.

Der Bundesrat erhofft sich durch die Strommarkt-Strategie mehr Wettbewerb? Ist dem tatsächlich so?

Der Kunde könnte tatsächlich auswählen, bei welchem Lieferanten er die Energie beziehen möchte. Die anderen Komponenten, Netz und Abgaben, bleiben aber beim lokalen Energieversorger. Somit begrenzt sich die Auswahl auf einen sehr kleinen Teil der Stromkosten.

Natürlich werden einige Lieferanten mit grossem Marketing-Budget versuchen, zusätzliche Energiekunden zu gewinnen.

Können Sie als Geschäftsführer der Thurwerke die Pläne des Bundesrates nachvollziehen?

Einerseits verstehe ich die Gedanken, anderseits widersprechen die Ideen aber der Energiestrategie 2050. Es wird so sehr schwierig, die erneuerbare Energie in der Schweiz zu fördern und unabhängig vom Ausland zu werden. Die sichere Grundversorgung zu einem fairen und kontrollierten Preis wird nicht mehr gewährleistet sein. Es ist ein sehr komplexes Thema und die Abhängigkeiten sind für Laien sehr schwierig zu verstehen.

Würde sich aus Ihrer Sicht etwas Grundlegendes ändern, wenn die Strommarkt-Strategie des Bundesrates umgesetzt wird?

Ja, mit dem Entscheid einer vollständigen Öffnung des Strommarktes werden die erneuerbaren Energien einen schwierigen Stand haben. Wir müssten dann zum Beispiel für die sehr preissensitiven Kunden ein billiges Produkt aus hundert Prozent ausländischer Kernenergie anbieten, da wir ansonsten beim Preisvergleich als teurer Energielieferant abgestempelt werden. Dies entspricht aber nicht der Philosophie der Thurwerke.

Bei den Handy-Tarifen führte mehr Wettbewerb aber zu tieferen Preisen. Was sagen Sie zum Argument von Gewerkschaftsseite, dass mehr Wettbewerb den Strom für die Privathaushalte und die KMU hingegen verteuern werde?

Die Tarife bei den Handys sowie beim Strom sollte man nicht miteinander vergleichen. Ich sehe als besseres Beispiel die Krankenkassenprämien, die jährlich steigen, obwohl einst etwas anderes prognostiziert wurde. Ich bin überzeugt, dass die Energiepreise steigen werden. Die Aufwendungen für die elektronischen Messeinrichtungen, die ganzen Wechselprozesse und die Marketing-Aufwendungen werden viel intensiver und dadurch teurer.

Die Energiepreise werden aber unabhängig von der Marktöffnung die nächsten Jahre trotzdem steigen, weil sie im Moment eigentlich unter den Gestehungskosten liegen.

Weshalb liegen sie zurzeit unter den Gestehungskosten?

Ein grosser Teil der Energie stammt von «alten, abgeschriebenen» Kraftwerken. Beispiele sind Kohle- und Kernkraftwerke aus Deutschland. Sämtliche erneuerbare Energien haben höhere Gestehungskosten. Diese Energieerzeugungsanlagen liefern in Zukunft unsere Energie.

Wie sieht die Situation eigentlich im Toggenburg aus? Welche Unternehmen verkaufen hier ihren Strom?

Momentan liefern die lokalen Energieversorger den Strom für die sogenannte Grundversorgung. Das heisst für alle, welche nicht auf dem freien Markt den Strom einkaufen.

Vorausgesetzt, die Strategie des Bundesrates wird umgesetzt. Würde jemand, der im Toggenburg wohnt, einen günstigeren Strom-Anbieter als den bisherigen finden?

Ganz bestimmt findet sich immer ein billiger Lieferant – wie bei allen Produkten ist billig aber nicht gleich günstig. Natürlich kann man sagen Strom ist gleich Strom, egal mit welcher Qualität. In Deutschland zum Beispiel kauften aber vor Jahren viele Kunden bei unseriösen Anbietern im Voraus billige Energie für mehrere Jahre ein. Diese Lieferanten konnten die Lieferung aber nicht über den vollen Zeitraum wahrnehmen und gingen Konkurs. Dadurch mussten die geprellten Konsumenten den Strom erneut einkaufen.

Was für Auswirkungen hätte die vollständige Marktöffnung auf die Ertragslage der Thurwerke?

Da wir die Erfahrungswerte aus Deutschland kennen, gehen wir davon aus, dass nur ein kleiner Teil der Kunden einen Wechsel anstrebt – ähnlich wie bei den Krankenkassen und Handy-Abos ist ein Wechsel immer auch mit Aufwand verbunden. Weil die Energielieferung aber nicht unser Kerngeschäft ist, wäre ein Rückgang bei den Erträgen verkraftbar. Als lokaler Energieversorger im öffentlichen Eigentum, möchten wir unsere Kunden, die auch unsere Besitzer sind, aber weiterhin gerne mit Energie beliefern.

Die Strommarkt-Strategie des Bundesrates

Der Bundesrat beabsichtigt, dass in Zukunft jeder frei wählen kann, bei welchem Energieversorger er den Strom bezieht. Deshalb soll das Stromversorgungsgesetz revidiert werden.

Haushalte sollen ähnlich wie bei den Krankenkassen die Möglichkeit erhalten, ihren Lieferanten selbst auszuwählen. Dadurch soll gemäss Bundesrat mehr Wettbewerb entstehen. Gleichzeitig erhofft er sich mehr innovative Produkte und Dienstleistungen am Markt.

Das Vorhaben ist allerdings nicht neu. Die vollständige Marktöffnung ist seit vielen Jahren ein Thema. Die ursprünglich geplante Liberalisierung im Jahr 2014 stiess aber auf derart grosse Kritik, sodass sie vor fünf Jahren verschoben wurde. Deshalb ist der Umsetzungstermin der Strommarkt-Strategie weiterhin unklar. Klar ist lediglich, dass bis im März des kommenden Jahres ein sogenanntes Aussprachepapier ausgearbeitet wird, in dem die Eckwerte der Strategie dargestellt werden.

Klar ist auch, dass der Atomausstieg beschlossene Sache und dafür Ersatz notwendig ist. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, will die Landesregierung jährlich 215 Millionen Franken in erneuerbare Energien investieren. Darunter zählen die Förderung von Solar-, Wind- und Biogasanlagen sowie die Verdoppelung der Subventionen für grosse Wasserkraftwerke. (bl)

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