Neu auch im Toggenburg: Eine Vermittlungsplattform will müde Eltern entlasten

Hilfe für müde Eltern: «Wellcome – Praktische Hilfe nach der Geburt» ist ein im Toggenburg neues Angebot für Familien mit einem Kind im ersten Lebensjahr.

Vera Minder
Drucken
Teilen
Sie sind zufrieden mit ihrem Beitrag: Freiwillige Janine Rodrigues (links) und Wellcome-Koordinatorin Beatrice Truniger.

Sie sind zufrieden mit ihrem Beitrag: Freiwillige Janine Rodrigues (links) und Wellcome-Koordinatorin Beatrice Truniger.

Vera Minder

Es ist eine Art modernisierte Nachbarschaftshilfe, welche ursprünglich in Deutschland ihren Anfang hatte, und seit 2015 auch in der Schweiz angeboten wird. kam. Das Projekt «wellcome – Praktische Hilfe nach der Geburt» setzt bei oft übermüdeten Eltern an und versucht, sie zu entlasten und ihnen Zeit zur Erholung zu schaffen. Dafür besucht eine freiwillige Mitarbeitende in den ersten Monaten nach der Geburt des Kindes die Familie für ein paar Stunden die Woche.

Eine solche Freiwillige ist Janine Rodrigues aus Bazenheid. Sie hilft seit einem Jahr bei Wellcome mit und hat bereits zwei Familien betreut. Da ihre Kinder älter sind und sie nicht erwerbstätig ist, habe sie viel freie Zeit gehabt, erzählt sie. So habe sie nach einer Freizeitbeschäftigung gesucht, als sie über ein Inserat auf Wellcome gestossen ist. Sie erklärt:

«Ich spiele vor allem mit den älteren Kindern der Familie oder gehe mit ihnen spazieren, damit die Mutter Zeit für das Baby oder ihre eigenen Bedürfnisse hat.»

Einmal habe ihr die Mutter auch gesagt, dass sie gerne wieder einmal Zeit mit ihrem älteren Kind verbringen würde. Also habe sie sich um das Neugeborene gekümmert.

Alltäglichen Situationen begleiten, wie beispielsweise Arztbesuche, oder einfach da sein, das ist ihre Aufgabe, sagt Rodrigues. Als erfahrene Mutter könne sie den Eltern manchmal auch Fragen beantworten, wenn diese nicht mehr weiterwüssten, erklärt sie weiter.

Freiwillige unterstehen der Schweigepflicht

«Die Freiwilligen betreuen die Kinder nicht, wenn die Eltern am Arbeiten sind», betont Beatrice Truniger, Wellcome-Koordinatorin im Team St.Gallen. Auch ersetzt Wellcome nicht andere Betreuungsangebote oder Beratungen.

«Wir bieten nur die Unterstützung an, die man sonst von Freunden und Familie bekäme.»

Durch den intensiven Kontakt zu den Familien, bekommt man viel mit. «Die Freiwilligen unterstehen der Schweigepflicht», erklärt Truniger. Sollte sie jedoch etwas belasten, dürfen sie sich der Koordinatorin anvertrauen. Um mögliche Probleme kümmert man sich dann auf der fachliche Ebene. «Die Mitarbeitenden müssen ‹Nein› sagen können, wenn sie sich unwohl fühlen», sagt Truniger.

Etwas Negatives hat Rodrigues noch nie erlebt. Die Abgabe des eigenen Kindes ist für die Mutter oft schwer und braucht gegenüber der Annehmenden Person viel Vertrauen. Genau deshalb betreut auch immer die gleiche Freiwillige eine Familie. Und das funktioniert. Rodrigues geniesst ihre Arbeit. Sie verpflichte sich zu den Einsätzen, erklärt sie, aber ansonsten sei sie unabhängig und könne ihre Zeit selber einteilen. Die Termine mache sie direkt mit den Eltern ab. Ihre eigenen Erfahrungen mit Kindern seien ihr hilfreich. «Ich nutze meine Freizeit sinnvoll», meint sie zufrieden.

Ein gutes Gefühl bei Erstgesprächen

Auch die Rückmeldungen seien sehr positiv. «Die Kinder freuen sich immer wenn ich komme», sagt Rodrigues. Die Mutter reagiere ebenfalls sehr froh auf sie. Die Familien seien erleichtert um ihre Unterstützung und sie fühle sich wertgeschätzt. Die meisten Freiwilligen bei Wellcome sind Frauen mit eigenen Kindern. Viele sind nicht berufstätig, aber es gibt auch Ausnahmen. Männliche Mitarbeiter hätten sie kaum, sagt Truniger, obwohl sie auch willkommen wären.

Truniger ist für die Vermittlung zwischen Freiwilligen und Familien zuständig. Die Familie lernt sie nur am Telefon kennen, klärt die familiäre Situation und den Bedarf an Unterstützung ab. Freiwillige müssen ihr einen Strafregisterauszug vorzeigen und es folgt ein Kennenlern-Gespräch, bei dem sie ein gutes Gefühl haben muss. Bei der Vermittlung achte sie immer darauf, dass die Freiwilligen möglichst aus derselben Region kommen wie die Familien.

«Der Reiseweg soll in einem sinnvollen Verhältnis zu der Zeit stehen, in der die Freiwilligen bei der Familie sind.»

«Ich musste am Anfang einige Zeit warten, bis mir eine Familie zugeteilt wurde», erinnert sich Rodrigues. Manchmal würden sich gerade keine Familien melden, erklärt Truniger. Manchmal müsse sie anrufenden Eltern allerdings auch gestehen, dass sie gerade keine freie Mitarbeitenden hätten.

Auf Spendengelder angewiesen

Die Freiwilligen geniessen neben der ehrenamtlichen Arbeit eine durch Wellcome organisierte Weiterbildung. Drei bis vier Mal im Jahr treffen sich die Mitarbeitende zum Austausch. «Wir haben auch schon eine Hebamme eingeladen», sagt Truniger. Zudem werden den Freiwilligen vom Roten Kreuz angebotene Kurse bezahlt. Um das und alle administrativen Angelegenheiten zu finanzieren, ist das Projekt stark an Spendengelder gebunden.

Das Startkapital, das sie vom Kanton St. Gallen bekommen haben, reichte für die Aufbauphase. «Wir haben auch die Gemeinden um regelmässige Beiträge angefragt», sagt Truniger. Doch diese scheinen sich damit eher schwer zu tun. Die 15 Franken Vermittlungsgebühr und die 7 Franken pro Einsatzstunde, welche die Familien bezahlen, begleichen gerade mal die Reisespesen, welche die Freiwilligen als einzige Bezahlung erhalten. Das Wellcome-Angebot deckt neu den Wahlkreis Toggenburg ab. Offen ist, ob künftig eine Ausweitung nach Rapperswil möglich ist. Die Verantwortlichen hoffen auf neue Trägerschaften, welche das Projekt in weiteren Kantonen aufnehmen. Doch Truniger weiss, dass die Finanzierung schwierig ist.

Hinweis
www.wellcome-online.ch

Mehr zum Thema

Praktische Hilfe nach der Geburt

Vor gut einem Jahr startete das Angebot «wellcome – praktische Hilfe nach der Geburt» – als erste Fachstelle in der Schweiz im Kanton St. Gallen mit zwei Standorten – in St. Gallen und in Sargans. Das erste Jahr zeigt: Es kommt gut an.
Heidy Beyeler