Nesslau

«Die Entwicklung tut Nesslau gut, die Gemeinde muss aber lebenswert bleiben»

Bernhard Güttinger und Hans Kuhn sind gemeinsam in den Nesslauer Gemeinderat gewählt worden und ziehen sich zwölf Jahre später zusammen wieder aus der aktiven Politik zurück.

Sabine Camedda
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Bernhard Güttinger (links) und Hans Kuhn haben viele Gemeinsamkeiten. Unter anderem engagierten sie sich zwölf Jahre lang im Nesslauer Gemeinderat.

Bernhard Güttinger (links) und Hans Kuhn haben viele Gemeinsamkeiten. Unter anderem engagierten sie sich zwölf Jahre lang im Nesslauer Gemeinderat.

Bild: Sabine Camedda

Auf den ersten Blick haben Bernhard Güttinger und Hans Kuhn wenig gemeinsam. Doch es tun sich einige Gemeinsamkeiten auf. Beide sind nach Nesslau gezogen, gehören der FDP an, haben im Januar 2009 ihre Arbeit im Gemeinderat ihres Wohnorts aufgenommen, waren zu diesem Zeitpunkt selbstständig und haben später ihre eigene Geschäftstätigkeit aufgegeben. Nun, zwölf Jahre später, beenden beide ihre Tätigkeit in der kommunalen Politik.

«Es war eine spannende Zeit», bilanziert Hans Kuhn und erntet von Bernhard Güttinger Zustimmung. Als politisch Interessierte, aber Unerfahrene, wurden sie von der Partei angefragt, für den Gemeinderat nominiert und gewählt.

Ratsmitglieder bekommen tiefen Einblick in unterschiedliche Themen

Zum Zeitpunkt des Amtsantritts hätten sie gegenüber den Bürgern keinen Wissensvorsprung gehabt, erinnern sie sich. «Wir erfuhren an einem halben Tag ein bisschen, worauf wir zu achten haben und was es für die Amtsausführung braucht, aber das war auch schon alles», sagt Hans Kuhn. «So brauchten wir natürlich eine gewisse Zeit, bis wir wussten, wie der Karren läuft und wo wir uns als Gemeinderäte überhaupt einbringen können», ergänzt Bernhard Güttinger.

Durch die Mitarbeit und späteren Präsidien in diversen Kommissionen bekamen sie einen tieferen Einblick. Weil der Nesslauer Gemeinderat kein Ressortsystem kennt, müssen sich alle Ratsmitglieder mit sämtlichen Themen befassen. Das sehen Hans Kuhn und Bernhard Güttinger als Vorteil.

Als bereichernd fanden die beiden zurückgetretenen Gemeinderäte die mehrmonatige Vakanz des Gemeindepräsidenten, die im Jahr 2011 durch den Wechsel von Rolf Huber zu Kilian Looser entstanden ist. Bernhard Güttinger erinnert sich:

«In dieser Zeit war von den Ratsmitgliedern und auch von den Mitarbeitern auf der Verwaltung viel Eigenverantwortung gefordert.»

Diese Herausforderung habe alle beflügelt. Dies habe Kilian Looser von Anfang an nutzen können. «Das hat einiges zum guten Klima beigetragen, das im Gemeindehaus und im Rat herrscht», findet Hans Kuhn.

Zentrum von Nesslau hat ein neues Gesicht bekommen

Apropos Gemeindehaus: Als Bernhard Güttinger und Hans Kuhn ihr Amt angetreten haben, tagte der Rat noch im alten Amtshaus. «Der Bau des neuen Gemeindehauses ist ein Meilenstein», sagen die beiden. Bernhard Güttinger, der als Architekt gearbeitet hat, war für die Ausschreibung und Organisation des Architekturwettbewerbs verantwortlich. «Unser Anspruch war, einen qualitativ hochstehenden und ökologischen Bau mit einheimischem Holz zu realisieren. Das ist uns gelungen. Hier sahen wir die Gemeinde in einer Vorbildfunktion», sagt Bernhard Güttinger.

Das Thema Bauen zieht sich wie ein roter Faden durch die Amtstätigkeit von Bernhard Güttinger. Er war nicht nur Mitglied der Baukommission, sondern befasste sich auch mit der Raum- und Zonenplanung sowie mit der Überarbeitung des Baureglements und der Schutzverordnung, was den Teil Gebäude betrifft. «Im Rahmen der Inventarisierung habe ich die einzigartige Baukultur der Toggenburger Streusiedlungslandschaft kennen gelernt», sagt Bernhard Güttinger. Aus seinem Wissen heraus hat er zusammen mit der Baukommission den Leitfaden «Bauentwurf im ländlichen Raum» verfasst. An diesem orientieren sich nun alle drei Gemeinden im oberen Toggenburg.

Bernhard Güttinger hat festgestellt, dass die Bautätigkeit in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Innere Verdichtung ist vermehrt zum Thema geworden. In Nesslau wurden mehrere grössere Bauprojekte realisiert oder sind derzeit in Planung. Bei diesen ist stets der gesamte Rat involviert. Hier gab es einen Berührungspunkt mit der Arbeit von Hans Kuhn, der nebst der Jugendkommission auch der Feuerschutzkommission vorgestanden hat. «Bei einem Gebäude wurde eine zweistöckige Tiefgarage erstellt. Das wirkt sich auf andere Bereiche aus, wie beispielsweise die Feuerwehr, die unter Umständen andere Gerätschaften für ihre Einsätze braucht», nennt er ein Beispiel.

Bäuerlich geprägte Landschaft soll gesichert werden

Die Entwicklung von Nesslau freut die beiden ehemaligen Gemeinderäte. Aber: Die Gemeinde müsse lebenswert bleiben, betonen Bernhard Güttinger und Hans Kuhn. Sie sind daher froh, dass die Landwirtschaft in der Gemeinde eine grosse Bedeutung hat. Wenn die Bautätigkeit auf die Ortskerne konzentriert wird, könne dadurch die bäuerlich geprägte Landschaft gesichert werden.

«Es ist sinnvoll, dass in Nesslau viele Geschäfte in einem grösseren Kontext betrachtet werden.»

Und weiter sagt Hans Kuhn. «Diese Weitsicht bringt die Gemeinde vorwärts.»

Ins Thema Lebensqualität gehört für Bernhard Güttinger auch, dass der Natur- und Kulturlandschaft Sorge getragen wird. «Ich finde, in diesem Bereich darf man keine Abstriche machen, weil diese für die Region identitätsstiftend sind», sagt er. Sein ehemaliger Amtskollege unterstützt ihn bei dieser Aussage, der als Gemeindevertreter des Projekts «Ijental-Blässlaui» zum Erhalt eines wertvollen Gebietes beigetragen hat.

Nur der Rat als Kollegium bringt eine Gemeinde weiter

Zwölf Jahre seien genug, findet Hans Kuhn und Bernhard Güttinger ergänzt, dass es nun Zeit für neue Kräfte und Ideen sei. Sie haben die Gemeinde von einer anderen Seite kennen gelernt und einiges mitbekommen, was sie als Bürger sonst nie erfahren hätten. «Es war eine Bereicherung, auch für die berufliche Tätigkeit», sagt Bernhard Güttinger.

«Und wir haben im Rat immer eine gute Stimmung gehabt», ergänzt Hans Kuhn. Sie hätten der Kollegialität stets Sorge getragen, sachlich diskutiert und immer einen gemeinsamen Nenner gefunden. So müsse es auch sein, sind sich Bernhard Güttinger und Hans Kuhn einig. Nur gemeinsam bringe der Rat eine Gemeinde weiter.