Nach über 100 Jahren Trennung: Zwei Neckertaler Fischereivereine wollen wieder fusionieren

Die Fischereivereine Neckertal und Trutta planen eine Fusion. Denn nur gemeinsam lassen sich Probleme lösen.

Timon Kobelt
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Beim Ofenloch befindet sich der Ursprung des Neckers, an welchem gegenwärtig noch zwei Fischereivereine aktiv sind.

Beim Ofenloch befindet sich der Ursprung des Neckers, an welchem gegenwärtig noch zwei Fischereivereine aktiv sind.

Bild: PD

«Ein Fluss, ein Verein.» Dieser Zustand hatte entlang des Neckers zuletzt vor über 100 Jahren Bestand, als 1916 der Fischereiverein Neckertal (FVN) ins Leben gerufen wurde. Zwei Jahre später kam es jedoch schon zu einer Abtrennung im untersten Streckenteil, von Lütisburg bis zur alten Holzbrücke bei Anzenwil, und zur Gründung des Fischereivereins FV Trutta.

Fortan entwickelten sich die beiden Vereine unterschiedlich: Aufgrund der längeren Pachtstrecke des FVN war dieser vom Kanton angehalten, stetig zu wachsen und neue Mitglieder anzuwerben. Damit vermischte sich mit den Jahren die ursprünglich elitäre Struktur hin zu einem Volksverein.

So ähnlich wie bei Zürcher Fussballclubs

Eine Mitgliedschaft beim FV Trutta (FVT) hingegen war noch länger den Leuten aus der oberen finanzstarken Gesellschaftsschicht vorbehalten. Mitglied zu werden, war nicht einfach; der Verein galt deshalb als elitär. Das erinnert an das Verhältnis zwischen den beiden Fussballclubs in Zürich, mit dem FCZ als Stadtclub und Arbeiterverein und GC als «Bonzenclub». Die FCZ-Fans haben in ihrem Repertoire ein Lied mit dem Titel «Eine Stadt, ein Verein», mit dem sie zum Ausdruck bringen, wer ihrer Ansicht nach in Zürich das Sagen hat.

Anders als in der Zürcher Fussballszene, wo eine Fusion der beiden Clubs unvorstellbar ist, wollen die zwei Fischervereine entlang des Neckers dieses Jahr ihre Kräfte bündeln und eine Einheit werden. Die elf Mitglieder des FV Trutta haben im Januar an ihrer Hauptversammlung den Antrag einstimmig gutgeheissen: «Der FV Trutta löst sich bei einer positiven Abstimmung des FVN per 7. März auf, alle Mitglieder, die Pacht, die Kasse sowie alle materiellen Güter, die dem FV Trutta gehören, werden an den FVN übergehen.» Wenn die Hauptversammlung des FVN am 7. März ebenfalls grünes Licht gibt, steht die Zusammenlegung fest.

Konsultativabstimmungen gaben grünes Licht

Reto Brüllmann, Präsident des Fischerei-Vereins Neckertal.

Reto Brüllmann, Präsident des Fischerei-Vereins Neckertal.

Bild: Urs M. Hemm

Letztes Jahr haben die beiden Vereine an den Hauptversammlungen Konsultativabstimmungen durchgeführt. Beim FVN schloss diese mit dem einstimmigen Ergebnis, eine Fusion zu prüfen. «Die Einstimmigkeit habe ich als Auftrag aufgefasst, dieses Geschäft zügig voranzutreiben», erklärt Reto Brüllmann, Präsident des FVN. Er habe während des Jahres keine negativen Rückmeldungen zur Idee erhalten, weshalb er zuversichtlich ist, dass eine Mehrheit der 73 Mitglieder des FVN ihre Zustimmung erteilen wird. Aus der Sicht von Reto Brüllmann macht eine Zusammenlegung absolut Sinn: Die Zusammenarbeit der beiden Vorstände im vergangenen Jahr sei hervorragend und eine gegenseitige Bereicherung gewesen.

«Der Moment für ein Miteinander statt Nebeneinander ist gekommen.»

Probleme wie der abnehmende Fischbestand im Necker könne man nur gemeinsam angehen.

Bei elf Mitgliedern sehr eingeschränkt

Christoph Manser, Präsident FV Trutta.

Christoph Manser, Präsident FV Trutta.

Bild: PD

Ähnlich klingt es auf Seiten des FVT. «Neue Leute bringen neue Ideen und auch den Spielraum, diese umzusetzen», sagt Präsident Christoph Manser. Bei aktuell elf Mitgliedern sei man sehr eingeschränkt. «Die Grösse eines gemeinsamen Vereins mit dann 84 Mitgliedern ermöglicht Projekte wie gezielte Nachwuchsförderung oder interne Weiterbildungen in Bereichen wie Fliegenfischen, was der FVN bereits anbietet», sagt Manser.

Beide Präsidenten unterstreichen die Wichtigkeit, dass das vorhandene Know-how bei einer Fusion gebündelt werden könne. Reto Brüllmann beschreibt die aktuelle Situation mit einem Bild: «Fische kennen keine Grenzen im Gewässer. Wenn der FVT Aufzucht betreibt, landen die Fische später doch meistens in unserem Abschnitt, weil dort das Gewässer kälter ist. Also macht der FVT faktisch Aufzucht für uns, was keinen Sinn macht.»

Der Gedanke einer Fusion konnte nur deshalb salonfähig werden, weil beim FVT ein Umdenken und eine Verjüngung stattgefunden haben. Präsident Manser steht selber für diese Verjüngung: Er ist 30-jährig, seit zehn Jahren im Verein und steht diesem seit 2017 als Präsident vor.

Futterneidisches Verhalten in der Vergangenheit

Bei der Vorbereitung auf die Fusion ist er in alten Berichten auf interessante Geschichten gestossen. «1998 machte man einen starken Besatz an Äschen. Der Kanton verkaufte daraufhin 4000 Äschen-Strecklinge an den FVT und 10'000 an den FVN, was dem FVT sauer aufstiess, obwohl es von der Grösse der Vereine her legitim war.» Ein Jahr später habe sich der FVT dafür eingesetzt, dass der andere Verein am Necker bei der Verteilung der Äschen-Strecklinge leer ausging.

Doch dieses fast schon futterneidische Verhalten gehöre der Vergangenheit an. Reto Brüllmann bestätigt dies: «Es hat sich vieles verändert und die Verjüngung beim FVT ist auch für uns eine Chance. So sind sie zum Beispiel versiert im Umgang mit Hightech-Geräten wie Drohnen und können tolle Aufnahmen vom Fluss machen, was bei uns noch kein Thema ist. Dazu stossen ein Geräteführer, ein Vorstandsmitglied und zwei Aufseher zu uns und verstärken damit unsere bestehenden Gruppen.»

Dieses Jahr eine schwarze Null, nächstes Jahr Defizit

Die Pachtstrecke des FVN ist 30 Kilometer lang, diejenige des FVT fünf. Gemäss Brüllmann entspricht dies recht genau dem Verhältnis der Mitgliederzahlen. Die Pachtzinsen des FVN betragen aktuell 23'435 Franken pro Jahr, der FVT muss 4'600 Franken an den Kanton abtreten. «Im Falle einer Fusion übernehmen wir die Pacht des FVT, weshalb wir neu auf rund 28'000 Franken im Jahr kommen. Diesen Betrag können wir mit den Mitgliederbeiträgen decken», erklärt Brüllmann. Für diese werden neu 38'000 Franken budgetiert, 50 Franken bezahlt man dem Verein, 400 Franken für die Pacht und Neueintretende müssen einmalig 600 Franken bezahlen.

Das Plus zwischen Beitragseinnahmen und Pachtausgaben sei wegen Aufwänden für kantonale Verbände oder für die Verwaltung des eigenen Vereins schnell wieder weg. «Wir rechnen für dieses Jahr mit einer schwarzen Null, in Zukunft mit einem leichten Defizit», sagt Brüllmann.

Der Kanton findet's gut

Der Kanton sehe den Schritt der Zusammenlegung gerne. Er habe ihn auch schon angeregt, weil er ein Vertreter des Grundsatzes «Ein Fluss, ein Verein» sei. Von Behördenseite lauern also keine Probleme. Solche verortet Reto Brüllmann am ehesten in der Organisation des Vereins:

«Wir wären mit 84 Mitgliedern an der Obergrenze und müssen sicher unsere Strukturen überarbeiten.»

Bei einer Fusion soll der Vorstand des FVN um eine Person erweitert werden. Christoph Manser würde diesen Part übernehmen, sofern er gewählt würde.

Das Wahl- und Abstimmungsprozedere an der Hauptversammlung (HV) wird spannend ablaufen: Die Mitglieder des FVT sind eingeladen, dürfen bei der Diskussion und der Abstimmung des Antrags aber nicht im Saal sein. Wird der Antrag angenommen, sind sie ab diesem Moment stimmberechtigt und stossen für die restlichen Traktanden zur HV. «Zum Abendessen sind sie unabhängig vom Ausgang der Abstimmung eingeladen», sagt Reto Brüllmann mit einem Schmunzeln. Von Futterneid kann also keine Rede mehr sein.

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