Nach 37 Jahren ist Schluss: Ein veritabler Hausarzt des Neckertals hört auf – «es war ein Glück, dass ich meine Praxis verkaufen konnte»

Mit etwas Wehmut verabschiedet er sich von seinen Patienten. Mathias Schmidt geht mit bald 73 Jahren in Pension.

Cecilia Hess-Lombriser
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Mathias Schmidt mit seiner Frau Stephania, die ihm eine wichtige Stütze war und ist.

Mathias Schmidt mit seiner Frau Stephania, die ihm eine wichtige Stütze war und ist.

Bild: Cecilia Hess-Lombriser

Im Ärztezentrum Neckertal, im ehemaligen Gemeindehaus von St.Peterzell, steht in einem der Untersuchungszimmer ein Ganzkörperskelett, auf dem Schreibtisch liegen das Blutdruckmessgerät und ein Hinweis auf die Grippeimpfung. Der PC ist in Betrieb, bereit, die nächsten Patienteninfos im Dossier aufzunehmen. Mathias Schmidt, seit 1983 Hausarzt in St.Peterzell, lässt das alles Ende dieser Woche hinter sich. Am kommenden Samstag wird er sich im Rahmen eines Apéros zwischen 10 und 14 Uhr im reformierten Kirchgemeindesaal St.Peterzell von seinen Patientinnen und Patienten und seinen Mitarbeitenden verabschieden. «Ich habe meinen Beruf gerne ausgeübt und jetzt ist es Zeit aufzuhören. Ich weiss, dass es hier weiter geht und die Neckertaler weiterhin medizinisch versorgt werden», sagt er.

Aufwendiger Neuanfang für das Neckertal

Im aktuellen Mitteilungsblatt der Gemeinde Neckertal kündet Mathias Schmidt seinen Rücktritt an. Er schreibt darin, dass er nach fast 37 Jahren alters- und gesundheitshalber beschlossen habe, seine ärztliche Tätigkeit einzustellen. Und:

«Die ärztliche Tätigkeit im Tal hat mich immer erfüllt und ich denke mit Wehmut an all die Jahre zurück.»

Mathias Schmidt hat seit Januar noch an drei halben Tagen praktiziert, so dass er sich nach und nach daran gewöhnen konnte, ganz aufzuhören. Seit 2018 praktiziert auch Stefan Pölz im Ärztezentrum Neckertal und ab Januar wird Timea Steindl, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, an zweieinhalb Tagen Patientinnen und Patienten empfangen.

Die Ärzte sind angestellt, so wie es Mathias Schmidt seit 2017 auch war. Damals hatte er die «Praxis im Neckertal AG», die er 2015 nach seinem Umzug ins ehemalige Gemeindehaus gegründet hatte, verkauft. Den Aufwand mit dem Neuanfang und der Modernisierung der Praxis hatte er aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Neckertaler Bevölkerung auf sich genommen. «Mir war es wichtig, dass die medizinische Versorgung im Tal gewährleistet bleibt.» Und er gibt auch zu bedenken, dass der Hausarzt, wie er sich selber immer verstanden hat, wohl ein Auslaufmodell sei.

«Die heutigen Ärzte lassen sich lieber anstellen und wollen nach Feierabend den Schlüssel drehen können.»

Noch etwas von der Welt sehen

Das Ärztezentrum Neckertal gehört dem deutschen Facharzt für Allgemeinmedizin, Thomas Haehner, der mehrere Ärztezentren führt und in der Schweiz praktiziert. «Es war ein Glück, dass ich meine Praxis verkaufen konnte», sagt Schmidt und akzeptiert damit, dass die hausärztliche Versorgung andere Wege geht. «Es gab Tage während meiner Praxistätigkeit, da behandelte ich bis zu 80 Patienten im Tag und ich ging auch nachts raus», sagt er. Als Mediziner müsse man 100 Prozent geben. Das haben auch seine Frau Stephanie und seine beiden Söhne gewusst und akzeptiert.

Seine Frau, Griechin, gelernte Physiotherapeutin und in der Praxis «Troubleshooterin», hatte er 1986 in Griechenland kennen gelernt. Zu Griechenland hat er eine besondere Beziehung. Er war schon als Student jedes Jahr dort und spricht die Sprache. Das Ehepaar reist regelmässig in das Land. Die nächste grosse Reise führt allerdings nach Australien und Neuseeland. Der Flug ist bereits gebucht. «Ich möchte noch einige Orte kennen lernen, aber grundsätzlich bin ich häuslich», verrät der scheidende Hausarzt.

Die berufliche Karriere hatte einst anders begonnen. Der gebürtige Wartauer begann in Genf Recht, Mathematik und Philosophie zu studieren. Irgendwann kamen Zweifel und die Mittel schwanden im teuren Genf. Mathias Schmidt musste sich sein Studium selber finanzieren.

Vom Konkurrenten zum Begehrten

Ein Freund riet ihm, in Basel Medizin zu studieren. Während eines Aufenthaltes in der Stadt am Rhein marschierte er in die Universität, erkundigte sich nach dem Studium und erhielt den Bescheid, dass er im Herbst beginnen könne. «Das wäre heute undenkbar», lacht er. Es folgten Erfahrungen in verschiedenen Spitälern und 1983 richtete er sich seine erste Praxis in St.Peterzell ein und kaufte sich später ein Bauernhaus im Bächli, wo er und seine Frau Stephania heute noch wohnen.

«In der ersten Zeit war es nicht einfach. Für zwei Hausärzte im Tal war ich ein Konkurrent.» Mit anderen ging er eine Zusammenarbeit ein und baute mit ihnen den Notfalldienst auf, der vom Kanton gewünscht wurde. Und inzwischen sagt er: «Ich bin zwar ein Wartauer, aber ich fühle mich im Neckertal heimisch und wir werden hier bleiben.» Seine Sicht auf das Leben hat sich geändert, seit er selber eine einschneidende Krankheitsdiagnose erhalten hat. Er hat Bestrahlungen hinter sich. «Jetzt geht es mir gut und ich bin zuversichtlich», sagt er.

Einen Herzenswunsch hat Mathias Schmidt noch: «Es wäre schön, wenn das Ärztezentrum eine Gynäkologin und noch einen Allgemeinmediziner anstellen könnte.»