Mühlrüti

Der Dorfladen wird umgebaut, die Geschäftsführerin wechselt und Renata Hollenstein darf zum Abschied jeden Tag ein Türchen öffnen

Seit 38 Jahren führt Renata Hollenstein den Dorfladen Pluspunkt in Mühlrüti. Nun übergibt sie die Verantwortung des Ladens in die Hände ihrer Tochter Sandra Hollenstein. Sie wird per 1. Januar 2021 neue Geschäftsführerin.

Fränzi Göggel
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Sandra Hollenstein, neue Geschäftsführerin ab 1. Januar 2021, Renata Hollenstein und Verkäuferin Regula Walder (von links) schauen der Zukunft freudig entgegen.

Sandra Hollenstein, neue Geschäftsführerin ab 1. Januar 2021,
Renata Hollenstein und Verkäuferin Regula Walder (von links) schauen der Zukunft freudig entgegen.

Bild: Fränzi Göggel

Dass in Mühlrüti der Dorfladen am Kirchplatz steht, ist einem Unglück zuzuschreiben. Am 2. November 1980 brach im damaligen Konsum am Entenbach ein Feuer aus. Der Konsumgenossenschaft Mosnang fehlte damals das Geld, um den stark in Mitleidenschaft gezogenen Laden wiederherzustellen. Die Hausfrauen mussten auswärts einkaufen.

Hans Hollenstein, er ist nicht verwandt mit Renata Hollenstein, gründete 1982 eine neue Genossenschaft. Die dafür benötigten Anteilscheine wurden von den Bewohnerinnen und Bewohnern von Mühlrüti gezeichnet und der neue Laden gebaut. Noch heute besteht der gesamte Vorstand aus engagierten Mühlrütnern.

Renata Wyss, die gelernte Verkäuferin aus Weissbad AI und Ambros «Brösi» Hollenstein aus Mühlrüti waren zu dieser Zeit ein Paar. Sie arbeitete in St.Gallen. «An einem Heuerhahne-Fest im Dorf lernte ich Ambros kennen. Ich war 20-jährig und empfand den gelernten Käser als etwas eingebildet. Manchmal sage ich ihm das heute noch», sagt Renata Hollenstein und lacht.

Vielseitig begabter Ehemann

Die Übernahme des neuen Ladens wurde für die junge Appenzellerin konkret, die beiden heirateten. «Mir hend enaat wegem Lade khürate» erzählt Renate Hollenstein. Sie lacht aus vollem Hals, schwärmt aber von ihrem hilfsbereiten, vielseitig begabten Ehemann. Brösi Hollenstein ist im Strassenunterhalt beim Kanton angestellt. Davor arbeitete er 15 Jahre lang in der Zimmerei von seinem Bruder Georg Hollenstein in Libingen und machte den Innenausbau der Einliegerwohnung im ersten Stock des neuen Ladenlokals selbst. Im Mai 1983 zog das Paar ein und hatte bald fünf Kinder. «Nachher het s’Mami en Fernseh übercho», neckt Tochter Sandra ihre Mutter.

Saisonal und witzig waren die von der Dekorateurin Rita Hollenstein hergestellten Motive.

Saisonal und witzig waren die von der Dekorateurin Rita Hollenstein hergestellten Motive.

Bild: PD

«Nebst Frischwaren hatten wir unglaublich viele Sachen im Laden.» Die Hausfrau konnte Sockenwolle und Reissverschlüsse in mehreren Farben, Unterwäsche, Gummistiefel, Gartenwerkzeug, Tierfutter, Geschirr, Toilettenartikel, Putzmittel oder zahlreiche Sorten Zigaretten kaufen.

Sortiment auf ein vernünftiges Mass reduziert

«Manchmal wusste ich nicht, wo die Leute die Sachen her hatten, die sie bei mir an der Kasse zahlten.»

Nach und nach reduzierte die umsichtige Geschäftsführerin das Sortiment auf ein vernünftiges Mass. Trotzdem sind nach wie vor viele regionale Produkte im Angebot und Extrawünsche der Kunden werden gerne erfüllt. Auch die Dorfkinder liegen Renata Hollenstein am Herzen. Jedes Jahr organisierte sie einen Adventskalender und verschenkt den Kindern im Advent ein Müsterli. Seit 2009 befindet sich im Laden ein öffentlicher Kafi-Egge und eine Postagentur.

Gummistiefeln in fast allen Grössen bereicherten das Angebot.

Gummistiefeln in fast allen Grössen bereicherten das Angebot.

Bild: PD

Vom Vorstand gewählt und angestellt

Sandra Hollenstein hilft bereits seit einigen Jahren mit und bekam dadurch einen guten Einblick in die Geschäftspolitik des Dorfladens. Sie bewarb sich um die offen gewordene Stelle als Geschäftsführerin, wurde vom Vorstand gewählt und angestellt. Sie will den Pluspunkt so weiterführen wie bisher und übernimmt alle Mitarbeiter.

«Nur etwas will ich ändern. E uufgruumts Büro», sagt sie und zwinkert ihrer Mutter zu. Im Januar wird der Pluspunkt in Mühlrüti umgebaut und bleibt zwei Wochen geschlossen. «Die Genossenschaft hat das so beschlossen. Es wird alles neu und ich habe ein Mitspracherecht für das Sortiment», freut sich die angehende Geschäftsführerin.

Jeden Tag ein bisschen Abschied

Im Dezember wird jeden Tag ein bisschen Abschied gefeiert. Auf Anfrage von Sandra Hollenstein waren viele Kunden kreativ und sandten Beiträge für den altehrwürdigen Adventskalender ein. Renata Hollenstein darf bis Ende Monat jeden Tag ein Adventstürchen öffnen. So verschönern ihr die Mühlrütner den Abschied.