Mittleres Toggenburg: «In den Gemeinden herrscht noch immer Konkurrenzdenken»

Im Jahr 2013 verlangten zehn Unternehmer aus der Region in einem Brief mehr Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden Wattwil, Ebnat-Kappel und Lichtensteig. Wie ist der Stand fünf Jahre danach?

Urs M. Hemm
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Von Wattwil aus fällt der Blick talauswärts gegen Norden. (Bild: PD)

Von Wattwil aus fällt der Blick talauswärts gegen Norden. (Bild: PD)

Die Schliessung des Hotels Kapplerhof in Ebnat-Kappel und kurz darauf die Ablehnung der Sportstätte Rickenhof in Wattwil sowie der Zentrumsüberbauung Ebnat-Kappel − dies waren alles Ereignisse, welche im Jahr 2012 im Toggenburg Schlagzeilen machten und gleichzeitig bei zahlreichen regionalen Unternehmern Sorgen aufkommen liessen.

In einem Brief an die Gemeindepräsidenten von Wattwil, Ebnat-Kappel und Lichtensteig forderten sie, «die Zusammenarbeit bei Projekten mit regionalem Charakter in Zukunft proaktiv und über die Gemeindegrenze hinaus anzugehen, zu verstärken und zu verbessern». In letzter Konsequenz müsse kurz- bis mittelfristig eine Fusion der drei Gemeinden das Ziel sein. Heute − fünf Jahre danach − sieht Ruedi Bannwart, CEO der Turbo-Separator AG und damals Sprecher der Unternehmergruppe, keine wesentlichen Fortschritte, welche ihren damaligen Forderungen entsprechen. «Leider herrscht immer noch ein Konkurrenzdenken vor, was unserer Situation nicht dienlich ist», sagt er.

Fehlender Wille der Gemeindepräsidenten

Ruedi Abnnwart, CEO Turbo-Separator AG. (Bild:PD)

Ruedi Abnnwart, CEO Turbo-Separator AG. (Bild:PD)

Zwar sei es als Aussenstehender schwierig zu beurteilen, ob und wie sich die Zusammenarbeit zwischen den drei Gemeinden verbessert habe, sagt Ruedi Bannwart. «Ich denke aber, dass man zumindest bei überregionalen Projekten auf die Einheit zählen kann. Betrifft es aber den eigenen Garten, hört die Freundschaft auf, wie es sich damals bei der Sportstätte gezeigt hat.» Um die Region stärken zu können, dürfe es kein Konkurrenzdenken unter den einzelnen Gemeinden geben. Vielmehr sollten alle gemeinsam auftreten, um gegen Regionen wie Rapperswil-Jona oder St. Gallen bestehen zu können, sagt Ruedi Bannwart.

«Wird nichts unternommen, werden wir immer eine Randregion bleiben und vom Kanton abhängig sein.»

Unter den Toggenburger Unternehmern werde diese Geschlossenheit bereits seit längerem vorgelebt. «Heute − und auch während meiner Amtszeit als Präsident der Arbeitgebervereinigung Toggenburg − funktioniert die Zusammenarbeit gut und es wird immer wieder versucht, Gemeinsamkeiten gegen aussen zu demonstrieren», erläutert Bannwart. «Warum sollte das unter den Gemeinden nicht funktionieren?», fragt er und beantwortet die Frage gleich selbst. Es liege an den amtierenden Gemeindepräsidenten, «die nicht willens sind, gemeinsam einen Vorstoss zu machen, um die Zusammenarbeit nachhaltig zu verbessern und offen über eine Fusion zu sprechen».

Das Städli Lichtensteig von der Thur her gesehen. (Bild: Martin Knoepfel)

Das Städli Lichtensteig von der Thur her gesehen. (Bild: Martin Knoepfel)

Die Bevölkerung muss überzeugt sein

Alois Gunzenreiner, Gemeindepräsident von Wattwil. (Bild: Urs M. Hemm)

Alois Gunzenreiner, Gemeindepräsident von Wattwil. (Bild: Urs M. Hemm)

Grundsätzlich positiv einer Fusion gegenüber äussert sich einzig der Wattwiler Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner. «Angesichts der steigenden Anforderungen in einzelnen Aufgabenbereichen und der verwaltungstechnischen Möglichkeiten, wäre sogar ein grösserer Zusammenschluss durchaus denkbar», sagt Gunzenreiner. Zwar würden Zusammenschlüsse oft erst dann thematisiert, wenn die Behörden- und Verwaltungstätigkeit nicht mehr gewährleistet werden könne. «Doch auch bei noch bestehenden Strukturen können die Vereinigungsbeiträge des Kantons ein Anreiz sein, über eine Fusion nachzudenken.»

Noch könnten diese Beiträge bezahlt werden. Es werde sich aber zeigen, wie lange die Reserven noch ausreichten, fügt Alois Gunzenreiner an. Die Bevölkerung müsse davon überzeugt sein, mit einer Fusion nicht etwas Bekanntes zu verlieren, sondern etwas Neues zu gewinnen.

«Viel wichtiger bei dieser Frage ist der Rückhalt der Bevölkerung. Diese muss eine Vereinigung wollen und auch tragen.»
Müller Matthias, Stadtpräsident von Lichtensteig. (Bild: Regina Kühne)

Müller Matthias, Stadtpräsident von Lichtensteig. (Bild: Regina Kühne)

Mathias Müller, Stadtpräsident von Lichtensteig, sieht derzeit keine Notwendigkeit für eine Fusion. Als Beispiele nennt Müller für Wattwil unter anderem die Zentrumsentwicklung, das Spital sowie die Kantonsschule, für Ebnat-Kappel die Neubauprojekte Schule und Altersheim. Lichtensteig sei derweil mit der Mini.Stadt-Strategie beschäftigt und mit der Umsetzung verschiedener Projekte, die daraus entstanden sind. «Ausserdem hat der Gemeinderat in der Mini.Stadt-Strategie klar formuliert, dass Lichtensteig in den nächsten Jahren eigenständig bleibt, sich regional aber stark einbinden will», sagt Mathias Müller.

Gegenüber einer Fusion gänzlich verschliessen möchte sich der Lichtersteiger Stadtpräsident jedoch nicht. «Grundvoraussetzung dafür wäre jedoch die Offenheit aller Beteiligten. Zudem müsste eine gemeinsame Strategie für die künftige Ausrichtung und Rolle des Mittleren Toggenburgs erarbeitet werden, welche klare Vorteile gegenüber der heutigen Struktur aufweist.

«Derzeit sind alle drei Gemeinden mit diversen grösseren Projekten beschäftigt, sodass der Fokus nicht auf einer möglichen Fusion liegt»
Christian Spoerlé, Gemeindepräsident von Ebnat-Kappel. (Bild:PD)

Christian Spoerlé, Gemeindepräsident von Ebnat-Kappel. (Bild:PD)

«Ich bin grundsätzlich und jederzeit bereit, solche Gespräche zu führen. Meiner Meinung nach müssen diese aber nicht zwingend zu einer Fusion führen», sagt Christian Spoerlé, Gemeindepräsident von Ebnat-Kappel. Viel mehr sehe er eine Möglichkeit zu einer engeren Zusammenarbeit im System «Gemeindeverbund». Diesen Weg habe er auch seinen Amtskollegen bereits aufgezeigt und vorgeschlagen. Dennoch: Damit eine Fusion für die Ebnat-Kappler Bevölkerung in Frage kommen würde, bräuchte es vermutlich einen grossen finanziellen Druck.

"Viele Ebnat-Kappler würden lieber mit Nesslau als mit der Gemeinde Wattwil fusionieren."

Differenzierte Aussenwahrnehmung

Dennoch: Die Zusammenarbeit untereinander beurteilen die drei Gemeindepräsidenten grundsätzlich als gut. Als Beispiele nennt Mathias Müller insbesondere die Sozialen Fachstellen und die Kesb. «Zudem hat sich Lichtensteig in den regionalen Wasserverbund Ebnat-Kappel-Wattwil-Lichtensteig eingekauft und das Verbundwerk der Wasserversorgung in Lichtensteig gebaut.» Alois Gunzenreiner führt das Altersheim Risi und die Feuerwehr an, wo Wattwil mit Lichtensteig eine enge Zusammenarbeit pflegt. Ebenso muss die Spitex genannt werden. Auch da seien die drei Gemeinden ausgezeichnet miteinander unterwegs. Zudem funktioniere die Zusammenarbeit der Schulen über die Gemeindegrenzen hinaus sehr gut.

Der Dorfkern Ebnat, Ebnat-Kappel, mit der evangelischen Kirche Ebnat. (Bild: PD)

Der Dorfkern Ebnat, Ebnat-Kappel, mit der evangelischen Kirche Ebnat. (Bild: PD)

Dass das Toggenburg nicht mehr nur als Randregion wahrgenommen würde, darin sind sich alle einig. Es gebe einerseits Zuspruch für Themen wie die Verkehrserschliessung, den Campus Wattwil oder in der Spitalfrage. Andererseits gebe es auch Stimmen von ausserhalb, die sagen, dass zu viel Geld ins Toggenburg fliesse. Diverse Einzelprojekte hingegen, wie beispielsweise die Entwicklung rund um den Bahnhof Wattwil oder der Baumwipfelpfad, würden als Vorbild gesehen. Diese würden aber angesichts der Diskussion um das Klanghaus und den Bergbahnenstreit beinahe untergehen. Das zeige ein falsches Bild des Toggenburgs. «Denn eigentlich streiten sich die Bergbahnen und nicht die Toggenburger», sagt Christian Spoerlé.