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Streit zwischen zwei Männern: Messer verfehlt Schlagader knapp - Angreifer wird zu einer Massnahme verurteilt

Das Kreisgericht Toggenburg befasst sich mit einem Messerangriff vom August 2018. Es verurteilt den Angeklagten zu einer Gefängnisstrafe, schiebt den Vollzug aber zugunsten einer Massnahme auf.
Martin Knoepfel
Bei einer Messerstecherei im August 2018 in Wattwil gab es einen Verletzten. (Bild: Getty)

Bei einer Messerstecherei im August 2018 in Wattwil gab es einen Verletzten. (Bild: Getty)

Im Gerangel fallen beide Männer zu Boden. Der Angeklagte, ein Schweizer, sticht dem Opfer, einem Afghanen, gegen die linke Halsseite, verfehlt jedoch die Schlagader. Der Vorfall spielt sich im August 2018 in Wattwil ab. Der Angeklagte, wohnt dort in einem Zimmer in einem Haus, das die Gemeinde für Menschen in schwierigen Situationen gemietet hat.

Und er macht es seinen Mitbewohnern nicht einfacher, weil er immer wieder Lärm verursacht, tags-, aber auch nachtsüber. Nun befasst sich das Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig mit dem Fall. Dabei geht es nicht um Ruhestörung.

Vielmehr lautet die Anklage auf versuchte schwere vorsätzliche Körperverletzung. Dazu kommen noch Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes. Die konsumierten Mengen an Haschisch und Kokain belaufen sich laut Anklage bei beiden Drogen anfänglich 50 und später bis 100 Gramm pro Monat.

Schnitt- und Stichverletzungen zugefügt

Da der Angeklagte am Sonntagmorgen um fünf Uhr laut Musik gehört hat, stellt das spätere Opfer ihn kurz nach acht Uhr zur Rede. Er klopft laut Anklageschrift an die Zimmertür und betritt dann das Zimmer. Dabei ruft er, der andere solle ruhig sein.

Der Angeklagte rennt darauf auf das Opfer zu, wobei er in jeder Hand ein Messer hält. Der Afghane versucht, sich zu verteidigen und den Angreifen an den Handgelenken festzuhalten. Dabei wird es an Händen und Armen sowie am Oberkörper und am Hals verwundet.

Die Verletzungen an der linken Halsseite und an der rechten Schulter sind Stich- und die übrigen Schnittverletzungen. Die Stiche verfehlen links die Schlagader und rechts den Lungenflügel. Der Afghane kommt ins Spital. Unmittelbare Lebensgefahr habe nie bestanden, räumt der Staatsanwalt ein.

Der Angeklagte antwortet mit leiser Stimme auf Fragen des Richters. Er schildert den Ablauf der Konfrontation im Wesentlichen gleich wie die Anklageschrift. Er bestreitet nur, dass er derjenige war, der früh am Sonntag Musik gehört hat. Auch der Verteidiger räumt ein, dass es keine Zweifel am Tathergang gibt und dass der Vorfall nur durch Zufall keine schlimmeren Folgen gehabt hat.

Gefühl der Bedrohung und Drogenkonsum

Die Tatwaffen sind ein Klappmesser mit einer acht Zentimeter langen Klinge und ein 20 Zentimeter langes Küchenmesser. Sein Handeln erklärt der Schweizer damit, dass er wegen einiger Vorgänge im Haus Angst gehabt habe. So hätten immer wieder Mitbewohner vor der Tür seines Zimmers seltsame Geräusche verursacht.

Als sein Kontrahent ins Zimmer gekommen sei, habe er sich stark bedroht gefühlt, sagt der Angeklagte. Er habe nicht auf den Hals des Kontrahenten gezielt. Er habe wegen des Drogenkonsums nicht klar denken können, sagt der Angeklagte. Der Staatsanwalt spricht von einem «ziemlich deftigen Konsum».

Der Angeklagte hat Jahrgang 1976 und lebt von einer IV-Rente von knapp 1600 Franken im Monat. Er ist in Israel und in der Schweiz aufgewachsen. Er weist eine Vorstrafe auf, die aber so lange zurückliegt, dass er als Ersttäter gilt. Seine Eltern haben, als der Angeklagte noch ein Kind ist, zeitweise getrennt, zeitweise zusammen gelebt.

Zeitweise hat der Angeklagte in seiner Kindheit zusammen mit seiner Mutter ein quasi nomadisches Leben geführt. Der Verteidiger spricht von einer «extremen erzieherischen Instabilität». Die Schulen hat der Angeklagte im Raum Luzern besucht und dort eine Lehre als Automechaniker absolviert. Die IV-Rente ist wegen einer psychischen Krankheit ausgesprochen worden.

Der Staatsanwalt beantragt eine unbedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten, wobei 99 Tage fürsorgerischer Freiheitsentzug abgezogen werden. Unbedingt muss die Strafe laut Staatsanwalt wegen der Massnahme, die angeordnet werden soll, sein. Dazu soll eine Busse von 500 Franken für den Besitz und Konsum von Drogen kommen.

«Schuldfähigkeit stark eingeschränkt»

Der Staatsanwalt erläutert, dass man objektiv nicht von schwerer Körperverletzung sprechen könne, da das Opfer nicht in Lebensgefahr geschwebt habe. Subjektiv sei es anders: Der Angeklagte habe in Kauf genommen, seinem Kontrahenten schwere Verletzungen zuzufügen.

Der Strafrahmen für schwere Körperverletzung reicht von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Der psychiatrische Gutachter hat beim Angeklagten eine paranoid-psychotische Störung diagnostiziert, die mit Medikamenten behandelt werden kann – wenn der Mann keine Drogen mehr nimmt.

Die Freiheitsstrafe soll für eine stationäre Massnahme aufgeschoben werden. Der Angeklagte ist mit der Massnahme einverstanden und befindet sich im vorzeitigen Massnahmenvollzug. Die Institution stellt ihm in einem Bericht ein sehr gutes Zeugnis aus. Der Angeklagte hat offenbar rascher als andere vom geschlossenen in den teilweise offenen Vollzug wechseln können.

Staatsanwalt wie Verteidiger sind sich einig, dass der Angeklagte stark vermindert schuldfähig ist. Der Verteidiger weist auf das psychiatrische Gutachten hin, das von einer erheblich verzerrten Wahrnehmung der Realität spreche. Er erinnert auch daran, dass der Angeklagte nach der Tat aus psychischen Gründen nicht hafterstehungsfähig gewesen und im fürsorgerischen Freiheitsentzug gelandet ist.

Für den Verteidiger wäre eine völlige Schuldunfähigkeit vertretbar. Zugleich weist er darauf hin, dass die Massnahme («kleine Verwahrung») eine schwere Sanktion sei, denn sie dauere fünf Jahre und könne verlängert werden. Eine Massnahme könne dagegen bewirken, dass sein Mandant keine weiteren Delikte mehr begehe, sagt der Anwalt.

Heute werde eine IV-Rente nicht mehr leichtfertig erteilt, betont der Verteidiger. Zudem weist er – es handelt sich bei ihm um einen bekannten SP-Politiker – darauf hin, dass die Suva die Unfallentschädigung per Ende Februar eingestellt habe. Der Verteidiger fragt sich deshalb, wieso das Opfer bis zum 15. Mai arbeitsunfähig sein soll.

Freiheitsstrafe reduziert

Das Gericht spricht den Angeklagten der versuchten schweren Körperverletzung und der Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes schuldig. Die Schuldfrage sei klar, sagt der Richter in der mündlichen Urteilsbegründung. Der Hauptpunkt in der Beratung ist die Schuldfähigkeit. Das Gericht geht von einer sehr stark reduzierten Schuldfähigkeit aus und senkt deshalb die Freiheitsstrafe gegenüber dem Antrag des Staatsanwalts.

Es verhängt nun eine Freiheitsstrafe von neun Monaten, einen Monat mehr als vom Verteidiger beantragt. Zudem ordnet es an, den Vollzug der Freiheitsstrafe zu Gunsten einer stationären Massnahme aufzuschieben. Die Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen verweist es auf den Zivilweg. «S’isch guet eso», kommentiert der Angeklagte das Urteil. Zudem muss der Angeklagte die Verfahrenskosten bezahlen. Allerdings ist er mittellos.

Auf den Zivilweg verwiesen

Der Anwalt des Opfers fordert für seinen Mandanten gut 17'000 Franken Schadenersatz und Genugtuung. Sein Mandant sei immer noch vollständig arbeitsunfähig, leide unter Angstzuständen und unter Schlafstörungen, begründete der Anwalt seine Forderung.

Sein Mandant sei dem Angreifer vorher wohlgesonnen gewesen und habe Todesangst ausgestanden, als der Angreifer auf ihn losstürmte und Todesdrohungen ausgestossen habe. Der Angriff habe das Leben seines Mandanten aus den Fugen geworfen, sagte der Anwalt des Opfers.

Wenige Tage vor dem Zwischenfall hat das Opfer einen Arbeitsvertrag für Einsätze im Stundenlohn bei einem Temporärbüro unterzeichnet. Da das Unfalltaggeld der Suva 29 Franken pro Tag tiefer ist als der maximale Tagesverdienst bei der Temporärfirma, errechnet der Anwalt einen Schadenersatzanspruch von rund 9000 Franken für das Opfer.

Das Gericht verweist diese Ansprüche aber wie vom Verteidiger beantragt auf den Zivilweg. Zum einen sei noch nicht sicher, wie die Genesung des Opfers vorankomme. Zum anderen meldet der Vorsitzende Richter Zweifel an, ob das Opfer ohne den Angriff so viel verdient hätte, wie der Anwalt annimmt. Klar ist, dass der Angeklagte mittellos ist. Zuerst einmal zahlt deshalb der Kanton. (mkn)

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