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Eine Integrationsklasse als Lebenswerk

Als Veli Alpsoy 1977 in die Schweiz kam, konnte er kein Wort Deutsch. Heute unterrichtet der 67-Jährige Kinder und Erwachsene aus allen Ecken der Welt. Aber nicht mehr lange: Diesen Sommer geht er in den Ruhestand.
Emilie Jörgensen
Veli Alpsoy unterrichtet bald zum letzten Mal in seinem Klassenzimmer in der Grüenau. (Bild: Emilie Jörgensen)

Veli Alpsoy unterrichtet bald zum letzten Mal in seinem Klassenzimmer in der Grüenau. (Bild: Emilie Jörgensen)

Jeder darf einfach reinkommen, denn die Tür zum Klassenzimmer von Veli Alpsoy ist für alle, egal ob jung oder alt, gläubig oder nicht, immer offen. Nach 28 Jahren Integrationsunterricht im Schulhaus Grüenau schliesst Veli Alpsoy diese Tür jedoch bald, denn diesen Sommer beendet er seine Karriere als Lehrer.

Seit Juni 1990 arbeitete Alpsoy als Lehrperson im Schulhaus Grüenau. Damals wurde er vom Schulratspräsidenten Hans Isenring aufgefordert, in Wattwil eine Integrationsklasse aufzubauen und zu führen. Für Veli Alpsoy war dies die Aufgabe seines Lebens. Allerdings ist aller Anfang schwer, so auch für ihn. Eines Lebens, das 1950 in der Südtürkei begann, wurde Alpsoy nach dem Lehrerseminar vom Bildungsministerium im ganzen Land herumgeschickt. Unter anderem unterrichtete er Analphabeten im Militär und ging als erste Lehrperson im Dorf Özalp in die Geschichte ein.

Hier, an der Iranischen Grenze heizte er das Schulhaus und sein eigenes Haus mit Kuhmist. Von September bis Mai lag draussen Schnee. Eine grosse Rolle spielte dies nicht, denn in Özalp gab es weder Strassen noch Verkehrsmittel. Tagsüber wurden die Kinder unterrichtet, am Abend die Erwachsenen, die noch nie eine Schule besucht hatten. Nach zwei Jahren verabschiedete sich Alpsoy von diesem Dorf mit Tränen.

Die ersten Zugfahrten in der Schweiz waren verwirrend

1977 bestand Veli Alpsoy die Prüfungen, um als Türkischlehrer im Ausland zu arbeiten. Ohne ein Wort Deutsch zu können, begann er, fünf Jahre lang türkische Migrantenkinder in sieben verschiedenen Orten in der Deutschschweiz zu unterrichten. Unvergesslich bleibt, wie er mit dem Zug nach Murg fahren musste, jedoch in Bad Ragaz landete. Nach fünf Jahren kehrte er mit seinen neuen Deutschkenntnissen in die Türkei zurück. Sein Antrag, in der Türkei als Deutschlehrer zu arbeiten, wurde vom Ministerium abgelehnt.

Wütend kehrte er in die Schweiz zurück und begann 1983 einen neuen Job bei der Migros. Rasch stieg er zum Abteilungsleiter auf und betreute bis zu 15 Lehrlinge, allesamt mit Migrationshintergrund. In der Klubschule Migros gab er Türkischkurse. 1990 kam der Anruf von Hans Isenring. Damals, als einziger ausländischer Lehrer in Wattwil, war es schwierig, von den Arbeitskollegen Akzeptanz zu erhalten. «Ich habe alle Kollegen zu mir nach Hause zum Essen eingeladen. Von 15 kamen aber nur zwei», erzählt Veli Alpsoy. Mittlerweile ist Wattwil ein Stück Heimat für ihn geworden und mit manchen Kollegen ist er sogar durch die Türkei gereist, um Schulen zu besuchen.

Die Schüler üben mit selbergemachten Lehrmitteln

Der Grund, warum Veli Alpsoy Lehrer werden wollte, ist simpel. «Ich liebe Menschen. Und ich liebe es, mit ihnen zu arbeiten und ihnen zu helfen», sagt er. Seine Klassen bestehen zu 100 Prozent aus ausländischen Schülern, die bei ihm den Integrationsunterricht ohne jegliche Deutschkenntnisse beginnen. Woher die Schüler stammen, ist unterschiedlich. Für jeden Lernenden das passende Lehrmittel zu finden, schier unmöglich. Da sich seine Schüler in verschiedenen Leistungsstufen befinden, ist es für ihn nicht machbar, das gleiche Thema mit allen Kindern gleichzeitig zu bearbeiten. Deswegen üben seine Schüler teilweise miteinander, teilweise unabhängig voneinander mit Büchern, am Computer oder lösen Grammatikaufgaben an der grossen Wandtafel.

Dieses System ist für den Integrationslehrer sehr streng, eine andere Möglichkeit gibt es aber fast nicht. «Wenn man eine Sprache lernen will, muss man alle fünf Sinnesorgane beschäftigen», erklärt Veli Alpsoy. Mittlerweile hat er schon Kinder aus allen Ecken der Welt unterrichtet. Um mit den Schülern kommunizieren zu können, brauchen sie erste Deutschkenntnisse. Wer also bei ihm neu im Unterricht beginnt, erhält als erstes ein Glossar in seiner Muttersprache. Dafür hat Alpsoy in all den Jahren seiner Karriere mit ehemaligen Schülern Dossiers zusammengestellt. Diese Dossiers existieren unter anderem in Thailändisch, Albanisch, Englisch und noch vielen weiteren Sprachen. Seine Schüler besuchen den Integrationsunterricht jeden Morgen. Je nach Leistungsstadium gehen ein paar der Kinder am Nachmittag in die Regelklasse.

Besuche bei den Eltern

Was Veli Alpsoy nach seiner Pensionierung macht, weiss er noch nicht: «Ich habe keine Hobbys. Bis jetzt habe ich nur gearbeitet», sagt er. Allerdings kann er entspannt an die Sache gehen, denn für seine Nachfolge ist schon gesorgt. Vaia Bozatzis begleitet seinen Unterricht schon seit Februar. Die junge Frau wird nach den Sommerferien den Integrationsunterricht von ihm im Schulhaus Grüenau weiterführen. Ein paar Tipps vom Profi hat sie sich in dieser Zeit schon abgeschaut. «Ich bewundere sein grosses Herz und seine Nächstenliebe jeden Tag aufs Neue», sagt Vaia Bozatzis.

Für Veli Alpsoy ist es wichtig, dass zwischen ihm und seinen Schülern eine gute Beziehung entsteht. Dafür besucht er die Kinder sogar bei ihnen zu Hause, um zu sehen, in welchem Umfeld sie aufwachsen. «Das ist für mich sehr wichtig. Ich erfahre, wie und mit wem sie leben, womit sie sich beschäftigen. Ich lerne ihre Eltern kennen und erfahre, ob sie in der Lage sind, ihren Kindern zu helfen», sagt Veli Alpsoy. Das gegenseitige Vertrauen bringt ihm und den Eltern sehr viel für die Zusammenarbeit und Erziehung. «Die Lehrer sollen mit den Eltern zusammenarbeiten. Sie sollen die Eltern und ihre Mentalität gut kennen lernen», ergänzt Alpsoy.

Vielleicht ist es genau diese Offenheit, die Veli Alpsoy durch all diese Jahre so beliebt gemacht hat. Vielleicht ist es auch sein Ehrgeiz und starker Wille, seinen Schülerinnen und Schülern etwas beibringen zu wollen und jeden mit gleich viel Respekt zu behandeln. Vielleicht ist es auch, weil er trotz eines sehr harten Anfangs bis heute nicht bereut, Lehrer geworden zu sein.

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