«Medizinische Unterversorgung, ein massiver Arbeitsplatzabbau und ein herber Attraktivitätsverlust» – Wattwiler Gemeinderat kritisiert Spitalpläne der Regierung

Die Strategie der Regierung verdiene diesen Namen nicht, schreibt der Wattwiler Gemeinderat in einer Medienmitteilung zu seiner Vernehmlassungsantwort.

Ruben Schönenberger
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Der Wattwiler Gemeinderat kritisiert die Pläne der Regierung in der St.Galler Spitalpolitik deutlich.

Der Wattwiler Gemeinderat kritisiert die Pläne der Regierung in der St.Galler Spitalpolitik deutlich.

Bild: Mareycke Frehner

Als die St.Galler Regierung Mitte Oktober die Pläne für die Zukunft der Spitäler darlegte, folgte die Kritik aus dem Toggenburg auf dem Fuss. «Es ist eine Farce», sagte der Wattwiler Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner damals.

Es ist daher wenig überraschend, dass auch die Antworten zur Vernehmlassung der Regierung im Toggenburg viel Kritik beinhalten. Nach den Stellungnahmen des Bürgerforums pro Regionalspital Wattwil und der FDP Toggenburg hat nun auch der Wattwiler Gemeinderat seine Vernehmlassungsantwort veröffentlicht.

Keine Ergebnisoffenheit im Prozess

Die Vernehmlassungsvorlage erfülle in keinster Weise die qualitativen Ansprüche, die an eine Strategie zu stellen wären. «Eine Strategie, die langfristig funktionieren soll, müsste alle denkbaren Zukunftsszenarien berücksichtigen», schreibt der Gemeinderat. Das hätte eine Ergebnisoffenheit bedingt, was aber ein unerfülltes Versprechen geblieben sei. Das Grobkonzept mit nur noch vier Spitälern sei ohne Begründung und ohne ausreichende Grundlage als Prämisse gesetzt gewesen. Das Teilprojekt Vier, in dem Alternativvorschläge erarbeitet werden sollten, sei bloss eine «Beruhigungspille» gewesen. Ähnlich hatte sich bereits der Präsident des Toggenburger Ärztevereins in dieser Zeitung geäussert.

Die Regierung habe die Sichtweise des Verwaltungsrats der Spitalverbünde übernommen und bestehende Strukturen, regionalspezifische Versorgungssituationen, volkswirtschaftliche Aspekte und Volksentscheide einfach ausgeblendet, wirft der Wattwiler Gemeinderat der Regierung vor.

Aus wesentlichen Teilen des Toggenburgs nicht in 30 Minuten im Spital

In der Argumentation des Wattwiler Gemeinderats verpasst es die Regierung, mit ihrer Strategie die unterschiedlichen Anforderungen in den Regionen zu berücksichtigen. Das Toggenburg sei topografisch, geografisch und verkehrstechnisch speziell gelegen. Als einzige Region im Kanton fehle hier eine Hauptverkehrsverbindung zu einem Spitalstandort. Aus wesentlichen Teilen des Toggenburgs sei es kaum möglich, in 30 Minuten einen der vier Spitäler zu erreichen. Zudem drohe wegen des ohnehin schon unterdurchschnittlichen Angebotes an Haus- und Fachärzten eine Unterversorgung. Auch Privatkliniken gebe es keine.

Deutlich kritisiert wird auch das Ansinnen der Regierung, die in Wattwil bereits getätigten Investitionen von 60 Millionen Franken abzuschreiben. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass in Wil und damit in der gleichen Spitalregion Fürstenland-Toggenburg (SRFT) rund 170 Millionen Franken investiert werden sollen. Zu erwarten sei ohnehin, dass dieser Betrag noch einmal steige.

Am Standort Wil sollen die andernorts wegfallenden Betten kompensiert werden.

«Dabei ausgeblendet wird, dass sich die Patientenströme erfahrungsgemäss nicht an die Planungen halten.»

Das zeige beispielsweise, dass viele Toggenburger Geburten seit der Schliessung der entsprechenden Abteilung in Uznach stattfinden würden, nicht in Wil. Der Wattwiler Gemeinderat fordert deshalb, dass von weiteren Investitionen ins Spital Wil abzusehen sei. Dass der Standort Wil nicht hinterfragt wurde, sorgt beim Wattwiler Gemeinderat ohnehin für Kopfschütteln. «Insbesondere angesichts der standortspezifischen Gegebenheiten von Wil ist das kaum nachvollziehbar», schreibt der Rat. Gleich drei Kantonsspitäler (St.Gallen, Frauenfeld und Winterthur) seien innert 15 bis 25 Minuten von Wil erreichbar. Auf der Achse Rorschach-Wil bestehe eine offensichtliche Überversorgung. Rückendeckung erhält das Spital Wattwil von der SVP-Kantonalpartei. Sie fordert, dass statt Wil der Standort Wattwil im Fokus stehen müsse.

Stadtrat Wil unterstützt die Pläne

Ganz anders als Wattwil äussert sich der Stadtrat Wil. Das überrascht kaum, ist Wil doch einer der vier Spitalstandorte, an denen die stationäre Grundversorgung konzentriert und gar ausgebaut werden soll.

Für Wil stellt die vorgelegte Strategie ein «wohnortnahes stationäres Angebot für alle Regionen des Kantons St. Gallen auf einem hohen qualitativen Niveau» sicher. Gerade für einen Ringkanton sei es zwingend, dass die Spitäler regional verteilt bleiben und in starken regionalen Zentren vielfältige Dienstleistungen angeboten werden.

Der Stadtrat übt aber auch Kritik und weist auf Punkte hin, bei denen Handlungsbedarf bestehe. Dazu gehört etwa die Stärkung der regionalen Spitäler: «Das Detailkonzept der Regierung zeigt insgesamt nur wenige Massnahmen auf, wie die regionalen Spitäler gestärkt werden können», so der Stadtrat.

Er äussert zudem Bedenken bezüglich der Prognosen der Regierung: «Patienten aus dem Toggenburg und aus dem Einzugsgebiet des heutigen Spitals Flawil werden sich künftig nicht einfach automatisch in Wil behandeln lassen. Hierfür sind umfangreiche kommunikative Anstrengungen nötig, beziehungsweise eine Intensivierung der Massnahmen im Bereich des Zuweisungsmanagements.»

Gesichert ist der Standort Wil aber noch nicht, ist die Spitalregion Fürstenland-Toggenburg doch auf einen Sanierungsbeitrag von 70 Millionen Franken angewiesen. «Ohne diesen Beitrag steht der ganze Spitalverbund in Frage und damit die Versorgung einer ganzen Region.» (tos/rus)

Wattwil will weiterin sein eigenes Modell

Das von der Gemeinde Wattwil ins Feld geführte Modell «Integrierte Gesundheitsversorgung Toggenburg» mit einer eigenständigen Trägerschaft wird vom Gemeinderat weiterhin als wünschenswertestes Szenario beurteilt. Wenn die Regierung der SRFT den in Wattwil erstellen Neubau schenken wolle, könne er das auch gleich der im Wattwiler Modell angedachten Stiftung überlassen. «Nicht zuletzt auch mit Blick darauf, dass die Liegenschaft bei der Umwandlung vom Gemeindespital in ein Spital des Kantons bereits unentgeltlich von der Gemeinde an den Kanton ging», wird Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner in der Mitteilung zitiert. Die geplanten Gesundheits- und Notfallzentren – eines davon sieht die Regierung in Wattwil vor – seien ohnehin nicht überlebensfähig, ist sich der Gemeinderat sicher.

So oder so sei das Spital Wattwil aber zu verselbstständigen. Die Regierung betitle die SRFT selbst als nicht überlebensfähig, eine Zukunft Wattwils ausserhalb dieser Organisation sei daher zwingend. Gemeindepräsident Gunzenreiner bringt zwei Varianten ins Spiel: Die Weiterführung als Spitalregion Toggenburg (ohne Wil) oder die Integration in die Spitalregion 3, zu der das Spital Linth gehört.

Pro Jahr 20 Millionen weniger Wertschöpfung

Das Spital ist auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive relevant. 300 Arbeitsplätze drohen verloren zu gehen. Deshalb habe der Gemeinderat mehrfach eine Wertschöpfungsrechnung verlangt. Diesem Anliegen sei nie entsprochen worden. So gebe es keine verlässlichen Angaben zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Bei einer Schliessung drohten auch ein «arger Verlust an Attraktivität für Investoren und Zuzüger», wie der Gemeinderat weiter schreibt. Der Gemeinderat schätzt, dass der Region wohl um die 20 Millionen Franken Wertschöpfung jährlich verloren gingen.

Schliesslich kritisiert der Gemeinderat, dass «das Ergebnis der Volksabstimmung 2014 zum vornherein als obsolet dargestellt» wurde. Dass zusätzlich laufend Fakten geschaffen wurden, habe «einen nicht zu unterschätzenden demokratiepolitischen Kollateralschaden» zur Folge. Die Bevölkerung könne sich nicht darauf verlassen, dass Beschlossenes umgesetzt werde. Das führe zu Vertrauensverlust in die Politik und deren Akteure und zu Politikverdrossenheit.

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