«Männliche Kälber sind ein Problem»: Ein schweizweites Projekt möchte Schwierigkeiten der Bio-Milchwirtschaft beheben – mit dabei: ein Hof in Mosnang

Auch in der Bio-Milchwirtschaft sind männliche Kälber ein unerwünschtes Nebenprodukt. Ein schweizweites Projekt von dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau und Aldi Suisse verspricht Verbesserungen.

David Grob
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Vier Köpfe des Projekts: Initiator Eric Meili, das Landwirtepaar Daniel und Barbara Rutz, Aldi-Fleischeinkäufer Thomas Eberle. Bild: David Grob

Vier Köpfe des Projekts: Initiator Eric Meili, das Landwirtepaar Daniel und Barbara Rutz, Aldi-Fleischeinkäufer Thomas Eberle. Bild: David Grob

David Grob

Ohne Fleisch, keine Milch. Oder wie es Eric Meili ausdrückt: «Milch zu trinken, ohne gleichzeitig Fleisch zu produzieren, ist nicht möglich. Das vergessen auch viele Vegetarier.» Der Berater am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), steht vor einem Aussengehege, in dem sich Mastrinder sonnen.

Hier auf dem Hof von Barbara und Daniel Rutz in Mosnang stellen Eric Meili und Thomas Eberle, Fleischeinkäufer von Aldi Suisse, ein neues Weidemastprojekt vor. Dieses trägt den Namen «Aldi Bio Weide Rind» und ist eine Zusammenarbeit zwischen dem FiBL und Aldi Suisse. Doch worin besteht das Projekt genau, das seit Anfang Jahr läuft?

Kalb, männlich, unerwünscht

Ohne Fleisch keine Milch. Doch warum eigentlich? In der gängigen Milchwirtschaft, Bio oder nicht, entstehen Kälber sozusagen als Nebenprodukt. Um Milch zu erhalten, müssen Milchkühe trächtig sein, regelmässig Kälber werfen. Und diese finden nicht alle in der Zucht Verwendung. Meili sagt:

«Insbesondere männliche Kälber sind ein Problem.»

Denn Spermasexing, eine Biotechnologie, die sicherstellt, dass nur weibliche Tiere geboren werden, ist in der Biolandwirtschaft verboten.
Und so sind die mageren männlichen Jungtiere ein überflüssiges Nebenprodukt in der durchrationalisierten Milchwirtschaft. Sie werden verkauft und gelangen aus einem Bio-Milchbetrieb oft in die konventionelle Kälber- und Grossviehmast ohne Bio-Richtlinien.

2015 wurden etwas über 15'000 Kälber Biotiere geboren. Davon wurden gerade mal 16 Prozent als Biotiere geschlachtet, wie einer Studie des FiBL zu entnehmen ist. Meili nennt Beispiele: Teils werden Kälber 21 Tage nach ihrer Geburt geschlachtet, mit gerade mal 65 Kilogramm Körpergewicht.

Dies führt zu einem weiteren Problem: Die Kälber kommen oftmals dann in einen Mastbetrieb, wenn ihr Immunsystem noch schwach ist. Der Immunitätsschutz der Muttermilch nimmt ab, die Jungtiere sind nicht resistent gegen Keime in den neuen Betrieben, sie erkranken. Aldi-Fleischeinkäufer Thomas Eberle vergleicht die Situation mit Kleinkindern, die in eine Spielgruppe kommen. «Ist ein Kind krank, sind es die anderen auch bald.» Die Folge: Die Bauern müssen oft routinemässig Antibiotika einsetzen.

Zwar ist der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft seit 2007 um die Hälfte zurückgegangen. 2017 lag er aber immer noch bei rund 32 Tonnen, wie Fachzeitschriften berichteten. Rund ein Viertel davon entfällt gemäss einer Schätzung des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärhygiene auf die Kälbermast.

Das Immunitätsloch umgehen

Diese Probleme möchte Meili zusammen mit Aldi mit ihrem Projekt angehen. Die Kälber im Projekt «Aldi Bio Weide Rind» wachsen mindestens 150 Tage auf dem Geburtsbetrieb auf, ehe sie in einen Mastbetrieb kommen. «So kann das Immunitätsloch umgangen werden», sagt Meili. Der Antibiotikaeinsatz sinke so auf ein absolutes Minimum. Auf dem Mastbetrieb schliesslich sollen die Kälber rund zwei Jahre lang zu Rindern wachsen. Die Fütterung mit Soja ist verboten, auf Mais oder Kraftfutter wird oft ganz verzichtet, die Tiere ernähren sich von Gras und Heu. Das Tierwohl liegt Meili am Herzen. Er referiert mit grossen Gesten und eindringlicher Stimme.

«Die Tiere sollen in Würde leben können.»

Eine Alternative zum herkömmlichen Verwertungskanal soll entstehen.

Aldi Suisse will das Projekt langsam ausbauen

Thomas Eberle von Aldi Suisse ist sich der Herausforderung bewusst, die dieser neue Absatzkanal nach sich trägt. Denn die Vorurteile gegenüber Fleisch von reinen Milchrassen sei gross. Testschlachtungen und Verkostungen hätten aber gezeigt, dass die Fleischqualität hochwertig sei. «Es gilt nun, weitere Landwirte zu überzeugen.» Man wolle langsam wachsen, schliesslich soll kein Foodwaste produziert werden. Aktuell nehmen rund 70 Betriebe am Projekt teil.

Einer dieser Betriebe ist jener von Barbara und Daniel Rutz in Mosnang. Was ist ihre Motivation, sich am Projekt zu beteiligen? «Für uns ist wichtig, dass die männlichen Kälber weiterhin nach Bio-Richtlinien aufwachsen können», sagt Daniel Rutz. Er und seine Frau führten ihren Hof als Milchbetrieb und stellten schliesslich 2018 auf einen Mastbetrieb um, mit Eric Meili als Berater.