Lütisburg feiert 50 Jahre Schulhaus Neudorf – die dringend nötige Erweiterung ist aber ins Stocken geraten

Als 1970 zum ersten Mal Lütisburger Kinder im Schulhaus Neudorf unterrichtet werden, findet auch die Zeit der konfessionell getrennten Schulen ein Ende. 50 Jahre später ist der Platz im Schulhaus knapp, die Erweiterung liegt aber auf Eis.

Timon Kobelt
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Die Kinder der ersten bis dritten Klasse haben eine Fahne zum 50-Jahr-Jubiläum des Schulhauses Neudorf in Lütisburg gestaltet.

Die Kinder der ersten bis dritten Klasse haben eine Fahne zum 50-Jahr-Jubiläum des Schulhauses Neudorf in Lütisburg gestaltet.

Bild: PD

Lütisburg war eine der letzten Gemeinden in der Region, in der die katholischen und evangelischen Schulen zu einer gemeinsamen verschmolzen. 1970 wurde dieser Schritt mit der Einweihung des Schulhauses Neudorf besiegelt. In diesem Jahr wird deshalb das 50-jährige Bestehen des Schulhauses gefeiert.

Verschmelzung hautnah miterlebt

Die heutige Schulratspräsidentin Marianne Burger Studer hat die Verschmelzung hautnah miterlebt: «In der ersten Klasse ging ich noch im Rimensberg zur Schule, in der zweiten dann im Neudorf», berichtet sie. Auf dem Gebiet der Gemeinde wurden bis zur Schulverschmelzung drei Volksschulen unterhalten: eine katholische sowie je eine evangelische im Dorf (bis 1950 in Oberwies) und in Rimensberg.

Remo Walder, Schulleiter.

Remo Walder, Schulleiter.

Bild: Timon Kobelt

«Eine Schule ist etwas Verbindendes für ein Dorf. Gerade in Lütisburg mit seinen vielen Weilern hat der Standort eine spezielle Bedeutung. Das wollen wir der Bevölkerung auch zeigen, dass sie stolz auf ihr eigenes Schulhaus sein kann», sagt Schulleiter Remo Walder. Speziell sei weiter, dass es in Lütisburg während all der Jahre eine autonome Schul- und Gemeindebehörde gegeben habe. «Wie bei der Schulverschmelzung werden wir wohl auch bei der Einführung einer Einheitsgemeinde zu den Letzten gehören», sagt Burger Studer lachend.

Schulhaus wird zu aktivem Museum

Das 50-Jahr-Jubiläum ist zum Motto des Schuljahres erkoren worden. Hauptthema dabei ist, wie die Schule früher war. «Alle Klassen arbeiten an unterschiedlichen Projekten wie Darbietungen und Ausstellungen. Das Schulhaus soll sich in ein aktives Museum verwandeln», erklärt Walder. Die Sechstklässler würden etwa Menschen interviewen, die früher im Neudorf zur Schule gegangen seien.

Die Ergebnisse können als Audio abgespielt oder auf Plakaten angeschaut werden. Andere Klassen hätten bereits Schiefertafeln gebastelt, auf denen man früher geschrieben habe. Auch die Eltern seien in das Projekt involviert: «Sie können uns alte Schulgegenstände zur Verfügung stellen, die wir in einer Vitrine ausstellen», sagt Walder.

Der Höhepunkt des Jubiläumsjahres bildet ein Fest am 2. Juli. Auf dem Pausenareal soll eine Art Jahrmarktbetrieb mit Verpflegungsmöglichkeiten und Spielgelegenheiten entstehen. Die Eltern können an diesem Tag die Werke ihrer Schützlinge anschauen. Laut dem Schulleiter werden für diesen Anlass auch die Dorfvereine sowie ehemalige Lehrpersonen und Schulfunktionäre eingeladen.

Sich selbst nicht zu wichtig nehmen

Remo Walder betont, dass für sämtliche Ideen und Projekte die Lehrpersonen federführend seien. Er und Marianne Burger Studer würden vor allem den Rahmen setzten, sich um die Einladungen kümmern und dafür sorgen, dass das Thema «Schule früher» konstant präsent sei. Zu diesem Zweck publiziert die Schulratspräsidentin regelmässig Ausschnitte aus den Protokollen alter Schulratssitzungen. «Und von einem Ratsmitglied wird gewünscht, dass der Deutschunterricht nicht als ‹Stiefkind› behandelt werden soll», heisst es etwa in einem Protokoll der 1970er Jahre.

Auch Verzögerungen bei der Schulraumerweiterung, die momentan in Lütisburg die Freude über das Jubiläum trüben, waren schon früher nicht unbekannt. «Es ist faszinierend, dass damals über sehr ähnliche Themen wie heute diskutiert wurde, wie etwa, dass die Schülerinnen und Schüler nicht genügend gut im Deutschunterricht sind», sagt Burger Studer. Man nehme sich selbst nicht zu wichtig, wenn nach 50 Jahren über ähnliche Probleme diskutiert werde, ergänzt Walder.

Erweiterung kam nie richtig ins Rollen

Schulratspräsidentin Marianne Burger Studer.

Schulratspräsidentin Marianne Burger Studer.

Bild: Timon Kobelt

Der Erweiterungsbau des Schulhauses Neudorf in Lütisburg kann nicht wie geplant mit der Feier des 50-Jahr-Jubiläums eingeweiht werden. Dies steht schon seit einiger Zeit fest. «Klar war diese Tatsache im ersten Moment eine grosse Enttäuschung. Doch letztlich führte kein Weg dorthin», sagt Schulratspräsidentin Marianne Burger Studer. Sie schaue nun vorwärts und hoffe, dass das Projekt mit einem Jahr Verzögerung realisiert werden könne.

Baubeginn wäre dann in diesem Sommer, die Einweihung im Sommer 2021. Schulleiter Remo Walder gibt einen Einblick in die Gefühlslage des Lehrkörpers: «Auch dort war eine Enttäuschung vorhanden, denn wir brauchen den Schulraum dringend. Förderunterricht und Therapien finden zum Teil im Gang statt», berichtet er.

Die Bürgerinnen und Bürger hiessen die Schulraumerweiterung für rund 4,5 Millionen Franken im November 2018 gut – gleichzeitig mit der Ablehnung der neuen Turnhalle. Das Projekt kam in der Folge aber nie richtig ins Rollen. Nach der Baueingabe im Januar 2019 gab es sechs Einsprachen. «Das Projekt stand faktisch still, als ich am 1. April 2019 mein Amt antrat», erklärt Burger Studer. Sie habe dann zunächst mit allen Einsprechern Gespräche geführt, worauf die Hälfte ihr Veto zurückgezogen hätte.

Keine Dreckwäsche an die Öffentlichkeit

Gewisse Punkte des Projekts wurden aufgrund der Rückmeldungen des externen Gutachters der Gemeinde angepasst oder aus Optimierungsgründen geändert: Die Höhe und Breite des Gebäudes wurden leicht gekürzt, die Einteilung der Fenster an der Fassade wurde angepasst, damit ein reiner Holzbau möglich ist. Der Eingang beim Kindergarten fällt weg, sodass alle Kinder das Gebäude durch den gleichen Eingang betreten. Da nun aber der Lift nicht mehr das ganze Gebäude erschliessen würde, wird eine Verschiebung des Lifts geprüft.
Marianne Burger Studer zeigt sich überzeugt, dass die Anpassungen das Projekt verbessern.

Eine Ansicht, welche die beauftragte Architekturfirma Marty Architektur AG nicht geteilt hat. «Während des Kalenderjahres 2019 sind die Differenzen mit dem Architekten leider immer grösser geworden. Im Dezember haben diese Differenzen in der Auflösung des Arbeitsverhältnisses gegipfelt», sagt Burger Studer. Im Dezember wurde schliesslich auch die Baueingabe zurückgezogen. «Ideelle und finanzielle Differenzen» haben eine weitere Zusammenarbeit gemäss Burger Studer verunmöglicht. Ins Detail gehen will sie nicht. «Es ist wie nach einer Scheidung: Man wäscht seine Dreckwäsche nicht in der Öffentlichkeit.»
Ohnehin wolle sie einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen.

Bei weiteren Einsprachen droht ein Container-Provisorium

Es gehe nun darum, möglichst schnell eine neue Bauleitung zu finden und die Baueingabe für das bereinigte Projekt zu machen. Zuerst werde aber eine Bauvorabklärung eingereicht, um sicherzustellen, dass alles den Normen des Baureglements entspreche. Bei der Baueingabe im Januar 2019 sei dieser Schritt aus Zeitdruck weggefallen. «Ich bin optimistisch, dass wir das Ziel Einweihung im Sommer 2021 erreichen können und bin dankbar, dass ich auf einen sehr engagierten Schulrat zählen kann», sagt Burger Studer.

Sollte es wiederum Einsprachen geben und das Projekt verzögert werden, müsste ab Sommer 2021 ein zusätzlicher Container installiert oder Schulraum in einer Nachbargemeinde gemietet werden.

Seit 50 Jahren im Neudorf, schon länger in Lütisburg

  • 1680 Seit 50 Jahren im Neudorf, schon länger in Lütisburg
  • 1770 Am 18. November wird der Baumwollweber und Kleinbauer Johann Jakob Rimensberger einstimmig zum Schulmeister von Oberwies gewählt. Wann die Reformierten ihre beiden Schulen in Oberwies und auf dem Winzenberg, später Rimensberg, errichteten, ist unbekannt.
  • 1815 Die katholische Schule wird in das neben der zerfallenen Burg gelegene Diensthaus verlegt. Von 1815 bis 1970 dient das Schloss als Schulhaus.
  • 1837 In Oberwies wird ein Schulhaus als Anbau an das Haus des Lehrers erstellt. Vier Jahre später fällt es einem Brand zum Opfer. 1842 beschliesst die Gemeinde den Wiederaufbau des Schulhauses, das heute noch neben der Sägerei Rutz steht.
  • 1950 Das Schulhaus Oberdorf wird eingeweiht. Bis 1970 erteilt ein Lehrer in der achtklassigen Gesamtschule Unterricht.
  • 1970 Die Schüler beziehen das neuerstellte Schulhaus Neudorf. Gleichzeitig werden die konfessionell getrennten Schulgemeinden zusammengelegt. Die katholischen Bürger der oberen Berggegend (Winzenberg, Schauenberg, Herrensberg) werden von der Schulgemeinde Oberrindal abgetrennt und Lütisburg zugeteilt.
  • 1977 Das Schulhaus Neudorf wird um zwei Klassenzimmer und einen Gruppenraum erweitert.
  • 2006 In drei Etappen findet bis 2008 eine komplette Innensanierung des Schultrakts statt.
  • 2018 Die Schulbürgerinnen und Schulbürger stimmen dem Kredit für die Erweiterung des Schulhauses Neudorf zu. Den
    Neubau einer Turnhalle für 8,5 Millionen Franken lehnen sie jedoch ab.