Nesslau
Lothar Schullerus, evangelischer Pfarrer, erklärt, weshalb Jesus ein Landprediger und kein Städter war

Der Nesslauer Pfarrer ist weltweit vernetzt. Er engagiert sich stark im internationalen Netzwerk «Kirchen im ländlichen Raum» – im Toggenburg ist er seit 17 Jahren tätig.

Daniel Klingenberg
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Lothar Schullerus, seit 2004 Pfarrer in Nesslau, ist aus dem Vorstand des Schweizer Ablegers des Netzwerks der ländlichen Kirchen zurückgetreten.

Lothar Schullerus, seit 2004 Pfarrer in Nesslau, ist aus dem Vorstand des Schweizer Ablegers des Netzwerks der ländlichen Kirchen zurückgetreten.

Bild: Anina Rütsche

Anfang der 1990er-Jahre schliessen sich Vertreter ländlicher Kirchen aus Europa und den USA zusammen. Sie reagieren damit auf die beginnende Globalisierung. «Zunehmend haben Konzerne über Belange der Landwirtschaft entschieden. Und die wollen einfach maximalen Gewinn machen», sagt Lothar Schullerus, evangelischer Pfarrer in Nesslau.

Es entsteht die «International Rural Churches Association» (IRCA), ein Netzwerk ländlicher Kirchen. Mit der IRCA wollen die Kirchen politischen Einfluss nehmen. Denn man befürchtet: Erst gehen die kleinen Landwirtschaftsbetriebe kaputt, später die mittelgrossen.

«Als Landpfarrer haben wir mit der Bevölkerung und ihren Schwierigkeiten zu tun. Zur Kirchenarbeit gehört, dass wir für die wirtschaftlich Schwachen einstehen.»

So umschreibt Schullerus die globalisierungskritische Haltung.

Von Siebenbürgen zum Europa-Vorsitzenden

In der IRCA-Gründungszeit ist Schullerus Pfarrer in Siebenbürgen, mitten in Rumänien. Er ist aber Deutscher, sein Stammbaum reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück.

Die Familie Schullerus gehört damit zu den «Siebenbürger Sachsen», und Sprössling Lothar wächst in Sibiu auf. Wie der heutige Präsident Rumäniens, Klaus Johannis, geht er auf das dortige deutschsprachige Gymnasium.

Hilfe beim Betrieb einer Grossgenossenschaft

Nach der Ceausescu-Zeit geht es für die Bauern in den 1990er-Jahren um den Umbau von der Planwirtschaft zu einer Landwirtschaft im westlichen Stil. Pfarrer Schullerus hilft, eine Genossenschaft mit Pachtbetrieben, Traktorenpark und 1000 Hektar Land zu betreiben.

«Das war mein Einstieg ins Thema», sagt er dreissig Jahre später. Heute ist Schullerus Vorsitzender von IRCA Europa (www.irca-europe.com), einem von vier Kontinentalverbänden. Aus dem Vorstand der schweizerischen «Filiale» ist er eben zurückgetreten.

«Jesus war kein Städter»

In einem Buch hat Schullerus die Geschichte der IRCA dokumentiert. Darin steht ein weiterer kritischer Satz. In der heutigen Zeit dominiere ein betriebswirtschaftlich orientiertes «urbanes Denken», das die Probleme der kleinen Gemeinschaften in Randgebieten unberücksichtigt lasse.

Diesen Trend zu einer höheren Gewichtung der Urbanität gebe es auch in der Kirche, sagt Schullerus. Aber: «Jesus war ein Landprediger, kein Städter.» Auf dem Land erlebe man die Unberechenbarkeit der Natur. «Darum ist hier das Bewusstsein, dass wir Teil und nicht Beherrscher der Natur sind, präsenter als bei den Städtern.»

Flugpfarrer in Australien, Lautsprecher nach Rumänien

Wo steht die IRCA heute? Einfluss auf die internationale Politik habe man kaum mehr, sagt Schullerus. Aber: «Wir konnten uns wehren.» Nun leistet die IRCA vor allem Vernetzungsarbeit.

«Es ist wichtig, dass wir in der Kirche keine westeuropäische Nabelschau betreiben.»

Es gelte, von andern zu lernen, wie die Zukunft aussehen könnte. Er erzählt das Beispiel eines australischen Kollegen. Der «fliegende Pfarrer» aus dem heissen Ort Cloncurry in der Diözese Brisbane betreut mit seinem Flugzeug Christinnen und Christen auf einer Fläche von 650'000 Quadratkilometern – rund 15-mal so gross wie die Schweiz.

Konfessionsgrenzen gibt es keine, Lutheraner und Katholiken und Pfingstgemeinden vermischen sich. Solche Verhältnisse wird es in der Schweiz kaum geben. Der Trend zu regionalen Kirchenstrukturen ist aber Realität.

Über das IRCA-Netzwerk helfen sich Kirchgemeinden auch gegenseitig. Eben hat die Kirche Nesslau eine neue Beschallungsanlage bekommen. Die Bisherige ist seit vorletzter Woche in einer Kirche in Rumänien.

Bekommt «Landflucht» eine neue Bedeutung

Lothar Schullerus sieht noch eine weitere Entwicklung. Mit Corona geschehe, dass die Politik endlich feststelle: «Die Landwirtschaft ist systemrelevant.» Er ist gespannt, was weiter passiert.

Vielleicht verändere sich die Bedeutung von «Landflucht». Bis jetzt meinte man damit, dass Leute in die Städte oder Agglo ziehen. Bald aber könnten die Städter aufs Land wollen.

Auf Schullerus folgt Wehrli

Der Schweizer Ableger der IRCA ist die «Schweizerische Reformierte Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft» (Srakla). Der 64-jährige Lothar Schullerus ist 2020 nach 15 Jahren aus dem Srakla-Vorstand zurückgetreten.

Sein Nachfolger ist Marco Wehrli, Pfarrer von Krummenau und Stein. Eine der Srakla-Aktivitäten ist das «Bäuerliche Sorgentelefon».