Interview

Logopädische Dienste: «Der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet»

Die Logopädischen Dienste im Toggenburg sind grundsätzlich gut aufgestellt. Dennoch stehen Susanne Heuberger, Institutionsleiterin des Sprachförderzentrums Toggenburg (SFZ), und Bernhard Graf, Vorstandspräsident SFZ, vor Herausforderungen.

Interview: Urs M. Hemm
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Susanne Heuberger, Institutionsleiterin Sprachförderzentrum Toggenburg, und Vorstandspräsident Bernhard Graf suchen nach Lösungen, um die Situation der Logopädinnen im Toggenburg zu verbessern. (Bild: Urs M. Hemm)

Susanne Heuberger, Institutionsleiterin Sprachförderzentrum Toggenburg, und Vorstandspräsident Bernhard Graf suchen nach Lösungen, um die Situation der Logopädinnen im Toggenburg zu verbessern. (Bild: Urs M. Hemm)

Susanne Heuberger, wie gross ist die Nachfrage nach logopädischer Hilfe?

Susanne Heuberger: Der Bedarf ist hoch. Es ist jedoch an den Schulgemeinden festzulegen, wie viele Lektionen sie für die Logopädie sprechen. Bei einigen Schulgemeinden funktioniert das gut, bei denjenigen, die etwas sparsamer sind, sind die Wartelisten für die Kinder entsprechend länger.

Bernhard Graf, Wattwil-Krinau ist bereits aus dem Verbund ausgetreten und Mosnang wird demnächst folgen. Welches sind die Gründe dafür?

Bernhard Graf: Wattwil begründet den Ausstieg mit der unbefriedigenden Situation an der Sprachheilschule. Die Aufnahmen sind dort vom Bildungsdepartement limitiert, sodass wir nicht alle Schüler aufnehmen können. Diese bleiben dann in der Regelschule und müssen dort möglichst gut gefördert werden. Wattwil hat sich deshalb entscheiden, die Logopädie in ihr eigenes Förderkonzept einzubauen, eigene Logopädinnen anzustellen und damit unseren Dienst nicht mehr in Anspruch zu nehmen.

Entsteht nun eine Lücke in der logopädischen Versorgung?

Heuberger: Meines Wissens versieht Mosnang wie auch Wattwil den Logopädischen Dienst künftig selber, so dass in der Versorgung der Kinder keine Lücken entstehen.

Was können Sie gegen weitere Austritte unternehmen?

Heuberger: Bei den anderen Gemeinden ist ein Austritt zurzeit kein Thema. Viel gegen einen Austritt könnten wir ohnehin nicht unternehmen. Wir können einzig gut ausgebildete Logopädinnen stellen, so dass die Gemeinden unsere Dienste schätzen.

Graf: Insbesondere für die kleineren Schulen bringt der Logopädische Dienst Vorteile, da es sich um ein Spezialgebiet handelt. Die Logopädinnen, die für uns draussen in den Schulen arbeiten, kommen regelmässig am Sprachförderzentrum in Wattwil zusammen und können sich fachlich austauschen. Wir haben auch den Vorteil, dass wir eine Logopädin bis zu einem 100 Prozent-Pensum einstellen können, die dann niedrigprozentige Pensen an mehreren Schulen wahrnimmt.

Im Toggenburg besteht ein Mangel an Logopädinnen. Worauf führen Sie das zurück?

Heuberger: Der Arbeitsmarkt für ­Logopädinnen ist tatsächlich ausge­trocknet. Ein Grund dafür ist, dass im vergangenen Sommer nur wenige die Ausbildung an der Schweizer Hoch­schule für Logopädie Rorschach ab­geschlossen haben. Der Mangel ist aber schweizweit ein Thema und es ist überall schwierig, offenen Stellen zu ­besetzen. Im Toggenburg kommt hin­- zu, dass es nicht unbedingt der attraktivste Arbeitsort ist, weil man hier als Logopädin keinen zentralen Arbeitsplatz hat, sondern an vielen verschiedenen Plätzen mit immer wieder anderen ­Lehrerteams arbeiten muss. Warum es aber allgemein zu wenig ausgebildete Logopädinnen hat, kann ich so nicht beurteilen.

Welche Auswirkungen hat dieser Mangel auf die Logopädinnen, die aktuell im Toggenburg arbeiten?

Heuberger: Unsere Logopädinnen bieten sicher Hand, wenn es darum geht, ­Lücken zu schliessen und bei Eng- pässen auszuhelfen. Aber es gibt Grenzen. Wenn wir offene Stellen nicht besetzen können, sind vorübergehende Lücken bei einzelnen Schulen leider nicht zu vermeiden.

Graf: Wenn wir aus Personalmangel nicht alle notwendigen Lektionen anbieten können, fehlt diese Therapie den betroffenen Kindern. Diese Situation ist unbefriedigend und belastet auch die Logopädinnen.

Spüren Sie in ihrer täglichen Arbeit den Mangel an Kinderärzten im Toggenburg, da nur sie Kinder im Vorschulalter ihren Diensten zuweisen können?

Heuberger: Die Ärzte im Toggenburg − ob nun Kinder- oder Hausärzte − sind insbesondere im Vorschulbereich sehr sensibel gegenüber dieser Thematik. Daher denke ich nicht, dass der Mangel an Kinderärzten Auswirkungen hat.

Graf: Die Vorschulkinder, die uns von den Ärzten gemeldet wurden, konnten wir bisher alle aufnehmen. Die Kosten dafür übernimmt der Kanton.

Wäre ein Zusammenschluss des Sprachförderzentrums Toggenburg und des Logopädischen Dienstes Untertoggenburg an einem zentralen Standort denkbar?

Graf: Rein administrativ wäre das Zusammenlegen der beiden Dienste einfach, wenn es denn notwendig würde. Schwieriger wird es, den Dienst an einem zentralen Ort anzubieten.

Heuberger: Heute arbeiten die Logopädinnen in den einzelnen Schulhäusern. Bei einer Zentralisierung − an einem oder an mehreren Orten − müssten die Kinder während dem Schulunterricht für einzelne Lektionen zu dieser zentralen Stelle gehen oder transportiert werden − eine sehr anspruchsvolle logistische Aufgabe für Schulen oder Eltern.

Hinweis

Die Hauptversammlung des Berufsverbandes St. Galler Logopädinnen und Logopäden findet am 19. Januar im BWZT in Wattwil statt. Beginn: 9.30 Uhr. Infos zum Thema unter www.sprachheilschule.com oder www.loduto.educanet2.ch.