Lichtensteig während der Restaurationszeit: Von alten Zöpfen und jungen Katzen

Aus den Jugenderinnerungen des Lichtensteiger Arztes Adolf Steger 1823 bis 1836.

Fabian Brändle
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Hauptgasse in Lichtensteig, unbekannter Künstler, Gouache, um das Jahr 1810.

Hauptgasse in Lichtensteig, unbekannter Künstler, Gouache, um das Jahr 1810.

Bild: Toggenburger Museum

Die Jahrzehnte der sogenannten Restauration (1815 bis 1830) sind wenig erforscht. Auf dem Wiener Kongress von 1815 hatten die siegreichen konservativen Mächte beschlossen, die Errungenschaften der Französischen Revolution rückgängig zu machen. Demokratie wurde zu einem Schreckensbegriff. Auch in der Schweiz wurde die alte Ordnung grösstenteils restauriert, wenn auch weniger radikal als im Ausland. So blieb der Kanton St.Gallen bestehen, und das Toggenburg war nicht mehr Untertanengebiet des Fürstabts von St.Gallen.

Fest in Lichtensteig verankert

Der Lichtensteiger Arztsohn Adolf Steger (1823 bis 1883), der selbst Arzt werden sollte, erinnerte sich im Alter an die Umbruchszeit der Jahre von 1823 bis 1836. In den späten 1820er-Jahren nämlich regte sich im ganzen Kanton St.Gallen Widerstand gegen die elitäre Restaurationsverfassung, Widerstand, der in die neue, «regenerierte», demokratischere Verfassung mündete.

Steger beobachtete im Städtli jedoch ältere Männer, die noch immer in alter Tracht und mit Perücke herumspazierten. Diese vermissten die alte Ordnung. Damals hatte Lichtensteig einige Privilegien besessen, beispielsweise das Marktrecht oder das Stapelrecht. Auch das zünftische Handwerk hatte Vorteile genossen gegenüber dem alten Handwerk. Die alten Zöpfe waren also noch nicht gänzlich abgeschnitten.

Die Stadt Lichtensteig von Norden, unbekannter Künstler, Aquarell, um das Jahr 1820.

Die Stadt Lichtensteig von Norden, unbekannter Künstler, Aquarell, um das Jahr 1820.

Bild: Toggenburger Museum

Auch die Vorfahren Adolf Stegers waren fest in Lichtensteig verankert, hatten sie sich doch einen Namen als Doktoren und als Politiker im Rat gemacht. Die Familie war durchaus wohlhabend, gleichwohl musste Adolf Steger schon früh mithelfen in der Praxis seines Vaters, indem er sogar bei Operationen assistierte. Steger war ein guter Schüler und lernte auch bald Latein und Griechisch. Die Weichen für eine spätere akademische Ausbildung wurden früh gestellt.

Mit der Jagd auf Katzen Geld verdient

Abwechslung ins manchmal etwas fade Stadtleben brachten auswärtige Handwerksgesellen. Manche von ihnen waren berüchtigt für ihren politischen Oppositionsgeist, andere machten sich lustig über die Stadtoberen, wieder andere tranken zuviel. Dann musste der Stadtpolizist, genannt «Haaggenäsli», ausrücken, eine Figur, die mehr verspottet als gefürchtet wurde. Getrunken wurde sowieso viel damals. Lichtensteig verfügte denn auch über eine stattliche Anzahl an Wirtshäusern, die nicht nur an Markttagen gut gefüllt waren.

Gute Gäste in diesen Wirtshäusern waren nicht zuletzt abgedankte Söldner, die viel von der Welt gesehen hatten, aber Mühe hatten, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Die ehemaligen Söldner waren Gewalt gewöhnt. Das Zivilleben verlangte jedoch andere Fähigkeiten. Manche Soldaten vertranken ihren ganzen Lohn und wurden zu Armenhäuslern. Das Armenhaus war kein schöner Ort, wer dort lebte, musste mit Demütigungen und Diskriminierung rechnen.

Adolf Steger und seine Kindheitsfreunde waren Gassenbuben. Sie neckten ältere Handwerker, trieben allerhand Allotria, verstiessen manchmal auch gegen das Gesetz. Angestiftet von einem skrupellosen Erwachsenen, machten sie Jagd auf junge Katzen, die sie mit einem Katzenstrick erdrosselten. Fell und Fleisch brachten den brutalen Tätern etwas Geld ein. Natürlich waren nicht alle Toggenburger jener Jahrzehnte solche Tierquäler. Dass ein kommender Arzt, ein Helfer der Menschheit sozusagen, aber an solchen Aktionen teilnahm, sollte einem gleichwohl zu denken geben.

Hinweis

Quelle: Steger, Adolf. Lebenserinnerungen. Transkription im Archiv des Toggenburger Museums Lichtensteig.