Lichtensteig
Minimotoren, Kernkraft, pflanzliches Fleisch: So arbeiten die Nachfolger von Jost Bürgi an der Zukunft

Fünf Experten warfen am Samstag am Lichtensteiger Jost-Bürgi-Zukunftsforum einen Blick in die kommende Zeit. Wegen unseres Lebens in Luxus kommen einige Probleme auf uns zu.

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Wind- und Sonnenenergie weisen die Richtung, in die wir gehen können, sie reichen aber nicht aus, um unseren Energiebedarf zu decken.

Wind- und Sonnenenergie weisen die Richtung, in die wir gehen können, sie reichen aber nicht aus, um unseren Energiebedarf zu decken.

Bild: Valentin Flauraud / KEYSTONE

(pd/sas) Wie lernen wir verzichten? Mit dieser Frage beendete am Samstag David Bosshart vom Gottlieb Duttweiler Institut seinen anregenden Vortrag über Hoffnungen und Ängste unserer Zeit. Er war der letzte von fünf Experten, die in Lichtensteig das Jost-Bürgi-Zukunftsforum vor einer digital zugeschalteten Zuhörerschaft bestritten.

Tags zuvor hatten Fachleute an einem Workshop die Erinnerung an das 1552 in Lichtensteig geborene mathematisch-technische Universaltalent Jost Bürgi und an seine Zeit aufgefrischt. Ist dessen Erfolg als Mathematiker, Astronom und Uhrenkonstrukteur auch darauf zurückzuführen, dass er nicht in den Genuss der damals üblichen klassischen Bildung gekommen war? Das fragte sich am Samstag beim vom Lichtensteiger Stadtpräsidenten Mathias Müller geleiteten Zukunftsforum der Physiker Fritz Heiniger.

«Jost Bürgi musste sich vieles selbst beibringen. Er musste eigene Wege finden.»
Sprachen am Zukunftsforum in Lichtensteig: (von links) Wolfgang Kröger, Ulrich Claessen, David Bosshart, Gesprächsleiter Mathias Müller, Fritz Heiniger und Erich Windhab.

Sprachen am Zukunftsforum in Lichtensteig: (von links) Wolfgang Kröger, Ulrich Claessen, David Bosshart, Gesprächsleiter Mathias Müller, Fritz Heiniger und Erich Windhab.

Bild: PD

«Verdrängen hilft uns nicht weiter»

Das müssen wir auch heute. Dabei gilt es, wie David Bosshart ausführte, zwischen konventionellen und radikalen, nötigen und unnötigen Ideen zu unterscheiden. Vielleicht die allerwichtigste dieser Ideen ist eine konventionell-nötige: der Verzicht. «Schauen Sie die Ernährungssituation an. Oder den Energieverschleiss. Oder das Abfallproblem», zählte Bosshart auf. «Vergessen, verdrängen, verschieben – das ist urmenschlich, hilft aber nicht weiter.»

Eines dieser verdrängten Probleme sprach der Kernkraft-Forscher Wolfgang Kröger von der ETH Zürich an: Entgegen früherer Prognosen steigt unser Strombedarf ständig. Zwar wird ein Ausbau von Wind- und Sonnenenergie die Richtung weisen, in vielen Ländern wird dies aber keineswegs ausreichen. Hier kommt die Kernenergie ins Spiel, geforscht wird deshalb an kleineren, sichereren Reaktoren. Abschreiben sollte man diese Technologie also nicht, sondern sie mit ihren Stärken nutzen.

Eine existierende Technik neu denken: Das tut mit grossem Erfolg auch die Firma Maxon in Sachseln, über deren Arbeit Ulrich Claessen berichtete. Dort arbeiten 1400 Mitarbeiter – weltweit sind es 3000 – an miniaturisierten Motoren. Sie finden Einsatz etwa in der Medizintechnik – in Insulinpumpen oder Herzunterstützungssystemen –, aber auch besonders spektakulär im Weltraum. Seit 1997 rüstet die Firma Marsmissionen mit ihren Minimotoren aus, auch die jüngste Mission Perseverance kommt ohne sie nicht aus. «Diese Marsmissionen machen zwar nur einige Prozent unseres Umsatzes aus», sagt Classen. «Aber sie helfen uns, Maxon weiterzubringen.»

Am Institut für Lebensmittel, Ernährung und Gesundheit der ETH Zürich arbeiten derweil Erich Windhab und seine Mitarbeiter an einer Zukunft, die mit weniger Fleisch auskommt und unsere Umwelt stärker schont. Fleisch, das ist noch immer ein Symbol für Luxus. Aber vielleicht wird es aus Erbsenprotein und Erbsenfasern hergestellt werden, nach jenen ausgeklügelten Verfahren, die Windhab präsentierte.

Ist die Kuh also ein Auslaufmodell? «Oh nein», sagt Erich Windhab. «Die Proteine in den Pflanzen auf unseren Weiden müssen genutzt werden, das geschieht über den Wiederkäuer-Magen.»