Kulturgut
Auf über 70 Kilometern: Trockensteinmauern helfen Wieseln und Bauern – wie Wildhaus sie erhalten will

Trockensteinmauern wurden vor über hundert Jahren zur Aufwertung und Abgrenzung von Weiden gebaut. Auch heute noch sind sie in ökologischer Hinsicht wertvoll, den Bauern können sie gegen die Mäuse helfen.

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Ein Mensch schafft einen Meter pro Tag: Martin Kaiser beim Aufbau einer Trockensteinmauer.

Ein Mensch schafft einen Meter pro Tag: Martin Kaiser beim Aufbau einer Trockensteinmauer.

Bild: René Güttinger

Die Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann engagiert sich aktiv an ökologischen Aufwertungen auf dem Gemeindegebiet. Sie hat deshalb einen Budgetposten aufgebaut, mit dem sie jedes Jahr ökologische Aufwertungen unterstützt. 2021 konnte mit der Sanierung einer Trockensteinmauer in der Gästele-Weide gestartet werden. Die Mauer liegt direkt an der Trottinett-Abfahrt von Gamplüt und ist vor allem im unteren Bereich auch für viele Wanderer und Gäste gut sichtbar.

Martin Kaiser aus Alt St.Johann saniert die Trockensteinmauer im Auftrag der Gemeinde. Kaiser hat viel Erfahrung mit dem Wiederaufbau von Trockenmauern. Teilbereiche der Mauer musste er komplett neu aufbauen, andere Abschnitte der Mauer, die noch einigermassen in Ordnung waren, nur ausbessern. Unterstützt wurde er zu Beginn des Projekts von einer Schulklasse aus Oberuzwil, die im Rahmen einer Projektwoche mitgeholfen haben.

Über 70 Kilometer Trockensteinmauern

Trockensteinmauern prägen das Landschaftsbild im Obertoggenburg. Allein in der Gemeinde Wildhaus-Alt St.Johann gibt es insgesamt über 70 Kilometer davon. Die meisten Trockensteinmauern bestehen aus dem lokal verbreiteten Kalkstein. Viele von ihnen wurden um 1900 gebaut und sind heute teilweise verfallen. Trockenmauern sind ein wichtiges Kulturerbe dieser Region. Sie wurden häufig zur Abgrenzung von Weiden gebaut, insbesondere zu jener Zeit, als das Holz knapp war, weil es zum Bauen und als Brennholz gebraucht wurde. Zudem verbesserten die Mauern die angrenzenden Wiesen und Weiden, weil viele darauf liegende Lesesteine einen Platz in der Mauer fanden. In Handarbeit entstanden, haben sich die Mauern als bemerkenswert langlebig erwiesen. Manche von ihnen sind auch nach über hundert Jahren noch in sehr gutem Zustand, wie manche Grenzmauern auf der Sellamatt zeigen.

Martin Kaiser (rechts) zeigt Bewirtschafterinnen und Bewirtschaftern von Weiden, wie sie eine Trockensteinmauer pflegen können.

Martin Kaiser (rechts) zeigt Bewirtschafterinnen und Bewirtschaftern von Weiden, wie sie eine Trockensteinmauer pflegen können.

Bild: PD

Win-win-Situation für Wiesel und Bewirtschafter

Trockenmauern sind zudem wichtige Vernetzungselemente in der Landschaft und stellen einen wertvollen Lebensraum für Wiesel, Eidechsen, Insekten und Pflanzen dar. Die Bauweise ohne Mörtel liess typischerweise viele Ritzen und Spalten, die von Eidechsen und Wieseln als Versteck und für die Jungenaufzucht genutzt werden können. Dank der Mauern und der extensiven Bewirtschaftung der Wiesen und Weiden kann man sonnenhalb in Wildhaus-Alt St.Johann noch viele Wiesel beobachten. Dies freut auch die Bewirtschafter, da ein Wiesel pro Tag im Schnitt eine Wühlmaus frisst. Eine ganze Wieselfamilie verzehrt während der Jungenaufzucht bis zu 100 Mäuse pro Woche.

Wie man die Mauern erhaltet

Ende Oktober organisierte die Vernetzungskommission Wildhaus-Alt St.Johann einen Trockenmauerkurs für alle interessierten Bewirtschafter aus dem Tal. Insbesondere mit dem Ziel, den fachgerechten Unterhalt von Trockenmauern zu vermitteln. Anhand der neu aufgebauten Mauerbereiche und der sanierten Abschnitte in der Gästele-Weide konnte Martin Kaiser den Teilnehmern bei herrlichem Herbstwetter Aufbau und Grundsätze des Mauerbaus zeigen.

Der Neubau von Trockenmauern ist aufwendig. Eine Person schafft pro Tag ungefähr einen Meter. Dafür benötigt man bei einer Mauerhöhe von einem Meter eine Tonne Steine. Wichtig für den Erhalt einer Trockenmauer ist vor allem, dass das Fundament stabil ist und dass die Decksteine zuoberst gut liegen. Nur so ist die Mauer gut vor der Witterung geschützt. Für den Unterhalt gab Martin Kaiser den Tipp, lockere Steine mit einem Holzbalken vorsichtig wieder hineinzuschlagen. Zudem sollten aufkommende Bäume unbedingt regelmässig entfernt werden, da sie die Stabilität von Mauern gefährden können. (pd/red)