Kultur durch Bühne Thurtal virtuell wiederbelebt

Der Toggenburger Simon Keller und sein Team liefern Kultur per Livestream direkt in die heimische Stube. Dies wegen des Corona-Lockdowns. Einer der Künstler, die zu sehen und zu hören sind, ist der Hemberger Remo Forrer.

Mirjam Bächtold
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«The Voice of Switzerland»-Gewinner Remo Forrer tritt im Livestream der Bühne Thurtal auf.

«The Voice of Switzerland»-Gewinner Remo Forrer tritt im Livestream der Bühne Thurtal auf.

(Bild: Mirjam Bächtold)

Wie alle Kulturschaffenden leiden auch die Mitglieder der Bühne Thurtal unter der Coronakrise. Simon Keller hat mit seinem Team deshalb «Life4Live» ins Leben gerufen: Einen Livestream, der Kunstschaffende per Internet in die Wohnzimmer der Zuschauer bringt.

Probe am Auffahrtsdonnerstag

Eine halbe Stunde bevor der Livestream starten soll, bespricht Simon Keller mit Remo Forrer den Ablauf. Drei Kameras sind positioniert, ein freiwilliger Helfer richtet sie ein und springt beim Probedurchlauf zwischen den einzelnen Kameras hin und her.

Der Autor, Schauspieler und Theatermann Simon Keller.

Der Autor, Schauspieler und Theatermann Simon Keller. 

(Bild: Mirjam Bächtold))

Am Auffahrtsdonnerstag hat der Leiter der Bühne Thurtal einen besonderen Gast eingeladen. Remo Forrer kennt man seit seinem Sieg bei «The Voice of Switzerland» nicht nur in seinem Wohnort Hemberg.

Bekannte Popballaden

«Noch zehn Sekunden!», ruft ein anderer Helfer aus dem Schnittbüro. Alle gehen auf Position, der Countdown beginnt, der Livestream startet. Doch Remo ist nirgends zu sehen. Simon Keller wischt die Bühne – wegen Corona in Maske und Handschuhen – dann folgt ein Schnitt ins Technikbüro. Erst danach hört man Forrers Stimme aus dem Off und sieht ihn, wie er singend zum E-Piano geht.

«Here I am, I’m giving all I can», singt er. (Hier bin ich und gebe alles, was ich kann.) Und das macht der 18-Jährige auch. Mit seiner souligen Belt-Stimme singt er bekannte Popballaden, darunter auch seine eigene Single «Home».

Nach der Generalprobe kam das Aus

Die Idee für den Livestream «Life4Live» entstand aus einer Notsituation. Wie alle Künstler ist auch die Bühne Thurtal von der Coronakrise betroffen – und zwar besonders gemein. Das war von Simon Keller zu erfahren. 

«Am 12.März hatten wir die Generalprobe von ‹Verdammte Baustellen›. Als wir den Durchlauf beendet hatten, erfuhren wir, dass wir die Premiere am nächsten Tag nicht durchführen könnten und auch keine andere Vorstellung». 

Auch das Freilichtspiel «Zwinglis Frau» musste schliesslich um ein Jahr verschoben werden. «Als wir besprachen, wie es weitergehen könnte, kam die Idee auf, das ganze Stück zu streamen», erzählt Keller.

Plattform für Künstler verschiedener Sparten

Darauf verzichtete die Bühne Thurtal, doch aus dieser Idee entstand das Projekt «Life4Live». Es bietet Künstlern aus allen Sparten eine Plattform, um live aufzutreten, wenn auch nur virtuell. Um wenigstens so die Kultur am Leben zu erhalten.

Die Zuschauer können zu Hause am Computer zuschauen und wenn sie möchten, etwas spenden. «Wir regen an, dass sie einfach so viel zahlen, wie ihnen der Auftritt wert war», sagt Simon Keller.

Zuschauer können Favoriten auswählen

Zudem gibt es ein Voting: Die Zuschauer können unter allen Künstlern ihren Favoriten auswählen. Das Spendengeld wird dann nach Anzahl Stimmen an die Auftretenden verteilt und für die Bühne Thurtal bleiben 20 Prozent des Geldes. Dass die Notlösung Zukunftsmelodie ist, glaubt Simon Keller nicht.

«Das richtige Live-Erlebnis ist unersetzbar. Künstler brauchen ein Publikum, dass das mit ihnen interagiert.»

Nervöser ohne Publikum

Dieser Meinung ist auch Remo Forrer, Sieger von «The Voice of Switzerland».

«Bei einem Konzert mit Publikum merke ich, ob den Zuhörern meine Songs gefallen, und kann spontan reagieren und allenfalls etwas im Programm umstellen».

Bei einem Auftritt vor Kamera ohne Publikum ist die Ungewissheit, wie seine Show ankommt, gross. «Deshalb bin ich bei einem solchen Auftritt viel nervöser als bei einem normalen Konzert», sagt Remo Forrer.

Nervosität geschickt überspielt

Die Nervosität merkt man ihm nicht an. Er interagiert gekonnt mit der Kamera. Für seine eigene Single «Home», die Pegasus-Frontmann Noah Veraguth für ihn geschrieben hat, kommt er vor das Klavier und singt direkt in die Kamera. «Home is where the heart has arrived», singt er.

Zuhause sei dort, wo das Herz angekommen ist. «Für mich stimmt das. Die grossen Bühnen sind für mich eine neue Situation. Aber ich fühle mich zu Hause dort», sagt Forrer. Er hofft, dass er bald wieder auf Bühnen vor Publikum singen kann. Dort, wo sein Herz schlägt.

www.life4live.ch