Kreisgericht Toggenburg
Wurde die Frau gewürgt oder nicht? Warum die Richter einem Opfer Glauben schenken

Der Streit eines Ehepaars im Toggenburg eskaliert. Sie sei gewürgt worden, gibt die Frau später zu Protokoll, der Mann streitet dies vor dem Kreisgericht vehement ab. Die Richter kommen dennoch zu einem Schuldspruch.

Sabine Camedda
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Hat der Beschuldigte seine Ehefrau nur an den Händen gepackt oder hat er sie auch gewürgt?

Hat der Beschuldigte seine Ehefrau nur an den Händen gepackt oder hat er sie auch gewürgt?

Bild: Maurizio Gambarini / DPA

Der Mann, ein Handwerker, kehrt an einem Freitagabend spät in die Wohnung zurück. Er hat einige Bier intus, es gibt Streit mit der Ehefrau. Sie will mit den zwei kleinen Kindern die Wohnung verlassen. Das will er verhindern. Der Streit eskaliert. Über das, was dann passiert, gibt es zwei unterschiedliche Versionen.

Die Frau sagt, ihr Mann habe sie erst an den Händen gepackt, da habe sie sich gewehrt. Dann habe er ihr mit einer Hand an den Hals gefasst und die andere drohend zur Faust geballt. Zugeschlagen habe er zwar nicht, sie später aber mit beiden Händen gewürgt und vom Boden hochgehoben. Nach etwa fünf Sekunden habe er sie losgelassen. Sie habe kurz das Bewusstsein verloren, konnte danach aber wieder aufstehen. Als der Mann dann die Wohnung verlassen hat, habe sie ihren kleinen Sohn gebeten, die Polizei zu rufen.

Seine Version klingt harmloser. Es habe Streit und dann ein Handgemenge zwischen ihm und seiner Frau gegeben. Er habe nicht gewollt, dass sie und die Kinder so spät noch nach draussen gingen. Er dachte, dass es besser wäre, wenn er geht. Er habe sie aber weder geschlagen noch gewürgt. Nichts stimme von dem, was sie erzählt. Warum sie lüge, konnte er aber nicht erklären.

Opfer schildert den Vorgang mit vielen Details

Die Staatsanwaltschaft glaubt der Version der Frau und stuft das Würgen als Gefährdung des Lebens ein. Weiter stellt sie Strafantrag wegen einfacher Körperverletzung und Drohung. Dass der Mann überdies Kokain konsumiert hat, soll eine Busse nach sich ziehen. Ausserdem zieht die Verurteilung wegen Gefährdung des Lebens eine Landesverweisung nach sich, denn der Beschuldigte besitzt den Pass eines Nachbarlandes.

Vor dem Kreisgericht Toggenburg führt der Staatsanwalt aus, dass die Kernaussagen der Ehefrau detailliert und stimmig seien. Sie habe in den Befragungen auch innere Vorgänge geäussert, was sie kaum gemacht hätte, wenn die Geschichte erfunden wäre.

Es stimme, dass die Frau die Anzeige gegen den Ehemann sowie ihre Aussagen zurückziehen wollte. Sie sei ihm gut gesinnt und wollte nicht, dass er ins Gefängnis kommt. Nachdem der Mann aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, leitete sie Schritte ein, um das Kontaktverbot aufzuheben. Seither leben die beiden mit ihren Kindern wieder zusammen.

Jeder hat seine Lehren aus dem Streit gezogen

Das Familienleben beschreibt der Ehemann als gut. Er arbeitet und sorgt für das Wohl seiner Ehefrau und der beiden Kinder. In der Freizeit schaue er zu ihnen. Zugute kommt ihm, dass er jetzt alkoholabstinent lebe. Mehrmals beteuert er, dass er diese Familiensituation nicht gefährden wolle. Zwar gebe es noch immer manchmal Meinungsverschiedenheiten. Er und seine Frau würden diese nun anders lösen. Jeder habe seine Lehren aus dem Streit gezogen.

Dass er an besagtem Freitagabend seine Frau bis zu einer kurzen Bewusstlosigkeit gewürgt haben soll, bestreitet der Mann vehement. Er habe seine Frau an den Händen und später von hinten an der Schulter und am Hals festgehalten, damit sie nicht aus der Wohnung gehen könne. Doch habe er sie weder von vorne gewürgt noch habe er sie am Hals gepackt und vom Boden hochgehoben. So viel Kraft habe er nicht.

Der Verteidiger des Mannes argumentiert deshalb, dass es nicht zweifelsfrei erwiesen sei, dass die Frau bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt wurde. Somit könne sein Mandant gemäss dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» nicht dafür schuldig befunden werden. Auch stimme es nicht, dass er eine Todesdrohung gegen sie ausgesprochen habe. Somit sei er von diesen beiden Vorwürfen freizusprechen und deshalb sei auch die Frage der Landesverweisung hinfällig.

Unmittelbare Lebensgefahr hat bestanden

Das Kreisgericht Toggenburg folgt den Ausführungen des Staatsanwalts. In seinem Urteilsspruch bejaht es den Vorwurf der Gefährdung des Lebens. Die Aussagen des Gutachtens der Rechtsmedizin stützen die Aussagen des Opfers, die auch die Richter als stimmig und plausibel einschätzen. Die von der Frau geschilderten Bewusstseinsstörungen würden zeigen, dass eine unmittelbare Lebensgefahr bestanden hat.

Ebenfalls sprechen die Richter den Mann wegen der Drohung schuldig. In dieser Situation sei diese unnötig gewesen und hätten die Frau in Angst und Schrecken versetzt. Insgesamt verurteilt das Gericht den Mann zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren.

In dieser Zeit muss der Mann seine Alkoholabstinenz kontrollieren lassen. Von einer Landesverweisung sieht das Gericht ab. Hier liegt ein Härtefall vor, denn das Familienleben steht im Vordergrund. Sie hoffen, dass dieses stabil weitergeführt werden könne, sagen die Richter.