Kreisgericht Toggenburg
Wortgefecht zwischen Brüdern wird handgreiflich und landet vor Gericht: Das eigentliche Problem bleibt aber bestehen

Der eine behauptet, sein Bruder hätte ihn geschlagen und verletzt. Der andere sagt, das sei alles gar nicht wahr, sein Bruder habe sich bei einem Sturz verletzt. Das Gericht glaubt dem Opfer und spricht den Täter schuldig.

Sabine Camedda
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Das Wortgefecht zwischen zwei Brüdern wurde handgreiflich.

Das Wortgefecht zwischen zwei
Brüdern wurde handgreiflich.

Symbolbild: Fotolia

Der Konflikt unter den Brüdern schwelt schon seit längerem: A. verfügt über ein Wasserrecht und bezichtigt B., dass er sein Wasser ableite. Das führe B. in einen illegal gebauten Weiher und ihm, A., fehle dieses Wasser für die Versorgung seiner Tiere. A. habe schon lange mit B. deswegen sprechen wollen, sein Bruder sei ihm aber aus dem Weg gegangen.

An einem Sommerabend im Jahr 2019 stand B. vor A.s Haustür in einer Toggenburger Gemeinde. Als er klingelte, kam A. ums Haus herum und habe ihn unvermittelt mit der Faust ins Gesicht geschlagen. B. sei in der Folge gestürzt. Wenig später ging B. in Richtung seines Autos. A. habe ihm gegen die Beine getreten, sodass B. ein zweites Mal zu Fall gekommen sei. Schliesslich stand B. wieder auf, ging zum Auto und fuhr nach Hause. Noch am selben Abend sprach B. mit der Polizei über die Vorfälle.

Ein Arztbesuch zwei Tage später brachte zu Tage, dass B. eine leichte Gehirnerschütterung habe, dazu mehrere Prellungen und Schürfungen. Für die Staatsanwaltschaft stellt dies den Tatbestand der leichten Körperverletzung dar. Sie sieht A. als schuldig und möchte ihn mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 120 Franken, bedingt erlassen bei einer zweijährigen Probezeit, sowie einer Busse von 1400 Franken bestrafen.

A. erzählt eine ganz andere Geschichte

Laut dem beschuldigten A. hat sich der Vorfall ganz anders zugetragen. B. sei zu ihm gekommen und sie hätten über den unrechtmässigen Wasserbezug von B. gestritten. Als B. ihm mit der Polizei gedroht hat, habe er seinen Bruder von seinem Grundstück gewiesen, erzählte er dem Kreisrichter.

Vor der Haustür habe er B. weder geschlagen noch sei sein Bruder gestürzt. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, argumentiert der Verteidiger, der für seinen Mandanten einen Freispruch verlangt. Der Treppenabsatz vor der Türe sei zu klein, als dass sich zwei Erwachsene dort gleichzeitig aufhalten könnten. Und wäre A. weiter unten gestanden, wäre B. bei einem Sturz auf ihn gefallen.

Auch der zweite Vorfall hat sich gemäss A. anders abgespielt. Er gab zu, dass er seinem Bruder einen Schubs gegeben habe, als dieser zum Auto gelaufen ist. B. habe aber noch einige Schritte gemacht, bevor er über einen Randstein gestolpert und hingefallen sei. Von diesem Sturz, so mutmasst A., müssten die Verletzungen herrühren.

Wenn überhaupt, denn B. sei durch eine Krankheit körperlich beeinträchtigt und habe manchmal Aussetzer, vor allem wenn er aufgebracht sei. Der Verteidiger argumentierte, dass es ja nicht bewiesen sei, dass er sich die Verletzungen an diesem Tag zugezogen habe. B. sei ja erst am übernächsten Tag zum Arzt gegangen.

Gericht erkennt Widersprüche bei den Aussagen des Beschuldigten

Der Einzelrichter des Kreisgerichts Toggenburg folgt der Staatsanwaltschaft und spricht A. der einfachen Körperverletzung und der Tätlichkeit schuldig. Er hält fest, dass A. und B. einen anderen Vorfall schildern und es keine Zeugen gibt. Das Verhalten von B. sei nachvollziehbar. Bei den Aussagen von A. gebe es hingegen Widersprüche, welche die Glaubwürdigkeit nicht erhöhen.

Der Richter verhängt eine Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu je 120 Franken, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren. Dazu muss A. eine Busse von 250 Franken bezahlen. Das Thema des Streits, der Wasserbezug durch B., ist mit diesem Richterspruch aber noch keinesfalls vom Tisch.