Kreisgericht Toggenburg: Drogenschmuggler bezeichnet Gefängnis als eine heilsame Erfahrung

Ein Schweizer kassiert im Kreisgericht Toggenburg wegen Rauschgiftdelikten eine bedingte Freiheitsstrafe von sieben Monaten. Den Vorwurf der Hehlerei weist er zurück. Die Drogendelikte, die ihm angelastet werden, gibt er zu.

Martin Knoepfel
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Diese Drogen, unter anderem Amphetamin, wurden von der Polizei bei einer Razzia an der schweizerisch-deutschen in Basel beschlagnahmt.

Diese Drogen, unter anderem Amphetamin, wurden von der Polizei bei einer Razzia an der schweizerisch-deutschen in Basel beschlagnahmt.

Bild: PD

Für den Angeklagten und vor allem für den Verteidiger fängt es schlecht an. Der Anwalt schlägt den Kopf am Türrahmen an, als er den Gerichtssaal betreten will. Blut fliesst aber keines.

Am Dienstag steht ein 1983 geborener Schweizer vor dem Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig. Angeklagt ist er wegen des Handels, der Einfuhr und des Konsums von Amphetamin, Ketamin und Haschisch.

Dazu kommen der Konsum von LSD und Hehlerei. Für diese Delikte will der Staatsanwalt den Angeklagten acht Monate ins Gefängnis schicken und mit 500 Franken büssen.

Bedingte Geldstrafe aus dem Jahr 2017 soll nun vollzogen werden

Zudem soll der Angeklagte eine bedingte Geldstrafe von 120 mal 30 Franken nun doch bezahlen, weil er in der Probezeit erneut delinquiert hat. Diese Strafe hat das Untersuchungsamt Altstätten 2017 verhängt.

Eine weitere Vorstrafe hat der Mann, ein gelernter Logistikassistent, in Feldkirch erhalten. Dies, weil er im Streit einen alten Mann umgestossen hat, wobei sich dieser verletzt hat.

Vorwürfe mit Ausnahme der Hehlerei gestanden

Im Mai 2019 wird der Angeklagte in Lichtensteig als Passagier eines Autos von der Polizei mit knapp 300 Gramm Amphetamin und mit weiteren Drogen erwischt. Er kommt für rund einen Monat in die Strafanstalt Saxerriet.

Der Mann erklärt in der Befragung, dass das Amphetamin der Vorrat für den Rest des Jahres für ihn gewesen wäre. Er habe die Drogen im Wald in einem Versteck, einem «Bunker», vergraben wollen, erklärt er dem Richter, der seine Zweifel an dieser Geschichte nicht ganz verbergen kann. Unbestritten ist, dass der Angeklagte vier Kunden total 25 bis 30 Gramm Amphetamin verkauft hat.

War der Kauf des iPad nur eine spontane Handlung?

Zudem hat er 2019 auf einem Flohmarkt in Zürich einem «Zigeunertypen» einen Apple iPad für 50 Franken abgekauft. In der Anklageschrift heisst es, der Beschuldigte habe wegen des tiefen Preises annehmen müssen, dass das Gerät Diebesgut sei.

Der Angeklagte verteidigt sich mit dem Argument, er sei betrunken gewesen und es habe sich um einen Spontankauf gehandelt.

Stellen- und wohnungslos

2016 oder 2017 – der Angeklagte weiss es laut eigener Aussage nicht genauer – geht seine Ehe in Brüche. Seit 2016 ist der Mann stellenlos. Zeitweilig lebt er als Couch-Surfer bei Bekannten hierzulande oder in Deutschland.

In der Strafanstalt Saxerriet habe es bei ihm «Klick» gemacht und er habe beschlossen, sein Leben auf die Reihe zu bringen, sagt der Angeklagte. Er lebe jetzt in einer WG und habe eine Stelle als Aufzugsmonteur im Stundenlohn.

«In Saxerriet hat es bei mir Klick gemacht und ich habe beschlossen, mein Leben auf die Reihe zu bringen.»

Er verdiene 2000 bis 2500 Franken pro Monat, antwortet der Mann auf eine entsprechende Frage des Richters. Das reiche ihm gut, da er einer WG lebe, was ihn nur 500 Franken im Monat koste.

Nicht mehr um eine Schlafgelegenheit betteln

Im Beruf erfahre er Wertschätzung, er habe etwas Geld und er müsse nicht mehr bei Bekannten um eine Schlafgelegenheit betteln. Bei einer unbedingten Gefängnisstrafe würde er seine Stelle verlieren, sagt der Angeklagte in der Befragung durch den Richter.

Zu den meisten Bekannten aus der Zeit vor dem Frühling 2019 habe er keinen Kontakt mehr. Partys meide er jetzt, und Musik mache er nur noch als Hobby.

Freispruch von der Anklage der Hehlerei beantragt

Der Verteidiger beantragt eine bedingte Freiheitsstrafe von sieben Monaten und einen Freispruch vom Vorwurf der Hehlerei für seinen Mandanten. Die bedingte Geldstrafe, die sein Mandant von Untersuchungsamt Altstätten erhalten habe, solle nicht vollzogen werden.

Sein Mandant habe nicht annehmen müssen, dass er Diebesgut kaufe. Der tiefe Preis des Apple iPad reiche angesichts des Kaufes auf einem Flohmarkt nicht, findet der Verteidiger und beantragt einen Freispruch vom Vorwurf der Hehlerei.

Überzeugt von günstiger Prognose für den Angeklagten

Schliesslich zeigt sich der Anwalt überzeugt, dass man dem Angeklagten eine günstige Prognose stellen kann. Das ist die Voraussetzung für eine bedingte Strafe.

Die Straftaten hätten erst 2014 begonnen, als sich die berufliche Situation seines Mandanten verschlechtert habe. Dass jemand nach dem 30.Geburtstag zu delinquieren beginne, sei ungewöhnlich, sagt der Verteidiger.

Grenze von 300 Franken nicht überschritten

Der Richter spricht den Angeklagten im letzten Punkt frei. Es sei unklar, ob wegen des Diebstahls des iPad ein Strafantrag gestellt worden sei, wie das bei einem geringfügigen Vermögensdelikt nötig wäre.

Und um ein solches handle es sich hier, denn diese Tablets könne man gebraucht für 250 Franken kaufen, sagt der Richter. Die Grenze für geringfügige Vermögensdelikte liegt laut Rechtsprechung des Bundesgerichts bei 300 Franken.

Probezeit ein Jahr unter dem gesetzlichen Maximum

Die Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz sind unbestritten. Dafür gibt es eine bedingte Freiheitsstrafe von sieben Monaten und 500 Franken Busse. Die Busse ist unbedingt, das heisst, sie muss bezahlt werden.

Die Probezeit beträgt vier Jahre. Das sei eine lange Zeit, nahe bei der maximalen Dauer von fünf Jahren, sagt der Richter.

In Sinn eines Denkzettels erklärt er zudem die bedingte Geldstrafe des Untersuchungsamts Altstätten für vollziehbar. Schliesslich muss der Angeklagte gut 6000 Franken Verfahrenskosten bezahlen und – wenn er wieder Geld hat – dem Kanton das Honorar des Verteidigers ersetzen.

Eindringliche Mahnung des Richters

Bei einem Rückfall drohe eine unbedingte Freiheitsstrafe. Das müsse er sich dick hinter die Ohren schreiben für den Fall, dass es einmal im Beruf oder in Bezug auf die Wohnsituation schlechter laufe, mahnte der Richter den Angeklagten in eindringlichem Ton. Und um alle Zweifel zu beseitigen, fügt er an: «Ich will Sie hier nicht mehr sehen.»

Der Angeklagte scheint dennoch mit dem Urteil mehr als zufrieden. Ein «Danke» an die Adresse des Verteidiger bricht aus ihm heraus, als die Verhandlung geschlossen ist und die beiden den Gerichtssaal verlassen.