Kolumne
Des Anwalts Socken

Bunte Herrensocken zum klassisch-formellen Business-Outfit? Der Hingucker oder die Lachnummer schlechthin? Kommt ganz drauf an.

Andrea Häusler
Merken
Drucken
Teilen
Lila, pink und braun. Die Farbwahl wirkt zufällig. Es geht aber auch anders.

Lila, pink und braun. Die Farbwahl wirkt zufällig. Es geht aber auch anders.

Symbolbild: Andrea Stalder

Der Wandel des Zeitgeists hat die Grenzen zwischen modischen Go’s und No-Go’s aufgeweicht. Man(n) trägt selbstbewusster was gefällt, ohne Rücksicht auf Gepflogenheiten. Selbst in der Arbeitswelt sind starre Kleidervorschriften rar geworden: Nur noch wenige Branchen kennen einen strikten Dresscode. Banken zählen zu diesen letzten Bastionen, oder eben Gerichte.

Schwarz oder weiss, schuldig oder unschuldig. Wie die Urteile präsentieren sich nach wie vor die Outfits derer, die Recht sprechen und zu Recht verhelfen: Richter und Anwälte. Hemd und Anzug sind Pflicht, Kravatten erwünscht, die Schuhe schick und die Socken dezent. Denn mit der Kleidung sendet der Träger genauso Signale aus, wie es die Ausstattung der Umgebung tut. Kaum ein Gerichtssaal, dessen Ausstrahlung nicht Assoziationen mit Begriffen wie Würde, Autorität, Seriosität oder eben (Rechts-) Ordnung weckt. Im alten Flawiler Bezirksgebäude, wo das Kreisgericht Wil seinen Sitz hat, ist das genauso. Doch etwas ist an diesem Prozesstag anders.

Es ist der klassisch gekleidete Verteidiger des Angeklagten, der das gewohnte Modebild seines Berufsstands in Schieflage bringt und damit vorübergehend die Aufmerksamkeit weg vom Geschehen lenkt. Und zwar ab jenem Augenblick, in dem er ein Bein über das andere schlägt. Der Hosensaum gleitet hoch und macht eine pink-schwarz geringelte Socke sichtbar. Zweifelsfrei ein provokativer Stilbruch. Oder der modische Super-Gau, der dem Anwalt die Glaubwürdigkeit und Integrität nimmt?

Im Gegenteil. Der diskreter Farbakzent sorgt für optische Spannung und peppt das imagemässig verstaubte Alt-Herren-Tuch auf. Aber nicht nur das. Mit dem Sockenstil lässt’s sich taktieren. Denn laut einer Studie der Harvard Business School werden Menschen mit non-konformen Kleidungsstücken als schlauer und erfolgreicher eingeschätzt. Das klingt doch gut. Ein Freipass, sich farb- und mustertechnisch auszutoben, ist dies gleichwohl nicht. Der Spass endet bereits einige Dekor-Nuancen vor dem Design der gelb-blauen Quietscheenten-Socken, die Kanadas Premier Justin Trudeau am WEF 2018 in Davos getragen hatte. Enten als Gericht: wer’s mag. Enten am Gericht: bitte nicht.