Klavierunterricht via Skype: Wie die Musikschule Toggenburg mit der Coronakrise umgeht

In schwierigen Zeiten ist Improvisation gefragt. Der Musikunterricht muss trotz der Coronavirus-Krise gewährleistet sein. Die Umsetzung kann individuell gestaltet werden.

Cecilia Hess-Lombriser
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Etwas Technik, Experimentierfreudigkeit und der Klavierunterricht kann fast in gewohnter Weise stattfinden.

Etwas Technik, Experimentierfreudigkeit und der Klavierunterricht kann fast in gewohnter Weise stattfinden.

Bild: Cecilia Hess-Lombriser

Die Tasche ist desinfiziert, die Fotokamera auch, das Handdesinfektionsmittel ist dabei, der Mundschutz für alle Fälle ebenfalls. Geläutet wird mit dem über die Hand gezogenen Ärmel. Bei Roman Bislin-Wild, Klavierlehrer in Bütschwil, wohnhaft in Uzwil, findet in ein paar Minuten der Klavierunterricht bei ihm zu Hause statt. Ohne Klavierschüler vor Ort. Am vergangenen Freitag ist bekannt geworden, dass der direkte Musikunterricht auch nicht mehr stattfinden darf, obwohl in den meisten Fällen nur ein Schüler aufs Mal unterrichtet wird.

Bislin-Wild hatte als Klavierlehrer schnell eine Lösung bereit, weil er sich als Dozent an der Pädagogischen Hochschule bereits auf seinen Bildungsurlaub vorbereitet und erprobt hatte, via Skype zu unterrichten. Er musste einzig eine Smartphone-Halterung besorgen. Noch am Freitagabend informierte er die Eltern per E-Mail, wie er zu unterrichten gedenke, liess jedoch die Entscheidung bei den 30 Klavierschülerinnen und -schülern.

Freie Wahl bei der Unterrichtsmethode

Die ersten Eltern meldeten sich. 18 Schülerinnen und Schüler haben sich entschieden, via Skype oder WhatsApp unterrichtet zu werden. «Die Knaben waren sofort begeistert, die Mädchen sind unterdessen auch dabei», verrät Roman Bislin-Wild. «Wir haben keine fixen Vorgaben, wie der Unterricht gestaltet wird, er muss jedoch in irgendeiner Form gewährleistet sein.

Die einen machen mehr Theorie mit Arbeitsblättern und es gibt auch gute Musik-Apps, mit denen man arbeiten kann. Wer nur ein Smartphone hat, ist etwas im Nachteil, weil es mit dem kleinen Bildschirm anstrengend wird», informiert er.

Einige der Schülerinnen und Schüler haben die Methode Lernvideo gewählt. Der Klavierlehrer sendet die Aufnahme von seinem Klavierspiel, die Erklärungen und die Aufgabe dazu und die Kinder und Jugendlichen senden ihrerseits ein Video ihres Klavierspiels zurück. Sechs weitere verzichten auf den Fernunterricht, weil sie entweder zu jung sind oder als Oberstufenschüler Kinder hüten müssen. Sie bekommen ihre Aufgabe in anderer Form auf digitalem Weg.

Gleiche Qualität kann nicht erreicht werden

Bislin-Wild hat schon ein paar Lektionen via Skype hinter sich. «Der Kontakt ist erfrischend. Diese Möglichkeit wird von den Kindern, Jugendlichen und den Eltern geschätzt, die Motivation ist gross und ich habe festgestellt, dass die Schülerinnen und Schüler aufmerksam und konzentriert sind, weil sie mehr hinhören müssen.»

Die gleiche Qualität wie beim direkten Unterricht könne nicht erreicht werden, bestätigt er. «Es geht alles langsamer und es braucht Geduld. Schnelle Erklärungen während des Spiels sind nicht möglich.» Entweder muss gesprochen oder gespielt werden. Der Ton via Handy oder Tablet ist für diesen Fall zu wenig gut. Das zeigt sich wenig später.

Flavio Gmür lässt sich auf das Experiment ein

Bislin-Wild wählt Flavio Gmür aus Bütschwil an. «Für mich ist das wie ein Experiment», stellt dieser nach der Kontaktaufnahme fest. Er hatte Lust auf diesen «ungewohnten» Unterricht. «Kannst du bitte das Licht anmachen und den Rollladen am Fenster ganz schliessen, du bist im Gegenlicht und ich kann dich fast nicht erkennen», bittet der Klavierlehrer.

Flavio Gmür macht’s und legt sein Handy neben die Tastatur, sodass diese in Uzwil gesehen wird. Später bittet der Klavierlehrer, das Handy vor sich auf den Notenständer zu legen. Er will den Schüler für die Kommunikation lieber im Blick haben. Mit seinem absoluten Gehör entgeht ihm sowieso nichts. Jeder Ton, der daneben geht, registriert er und er kann genau sagen, an welcher Stelle der Fehler lag.

Zwei Klaviere sind auch ein Vorteil

Für die Lektion hat Bislin-Wild «Before you go» von Lewis Capaldi gewählt. Um es einfacher zu machen, hat er ein gesondertes Arrangement fürs Klavier gemacht. Die Vorbereitungszeit für den besonderen Unterricht für 30 Klavierschülerinnen und –schüler lässt sich nur erahnen. «Mir scheint, du sitzest etwas tief, schraub deinen Klavierstuhl etwas höher», rät er.

Flavio schraubt, bis seine Unterarme parallel zum Boden laufen. Dann spielt der Lehrer eine der Passagen des Stücks vor und der Schüler soll eine Aufnahme davon machen. Auch das ist mit Skype möglich. Dann soll der Schüler, der schon einiges draufhat, ein paar Takte selber spielen. Wie ein Pingpongspiel geht es hin und her. «Nimm jetzt die Pedale dazu und spiele so, dass es einen schwelenden Klang gibt», lautet die Aufforderung. Flavio macht’s.

«Ich merke, dass dieser Unterricht auch Vorteile hat. Wir haben jetzt zwei Klaviere. Wenn ich dir etwas vorspielen will, muss ich dich nicht bitten, Platz zu machen», schmunzelt Bislin-Wild. Und er spielt ihm weitere Teile vor, die Falvio aufnehmen soll. «Auf Skype bleiben die Aufnahmen 30 Tage erhalten und bis dann kannst du das Stück.»

Normalität und Ungewissheit gepaart

Nach der Lektion bestätigt Flavio, dass es gut gelaufen sei. Irritierend sei einzig, dass der Ton verzögert zum Bild komme. Er hatte immer die Tastatur und den Lehrer im Blick. «Ja, ich übe jetzt sicher jeden Tag, ich habe Zeit.» Die Schule habe bereits vorher die Plattform Microsoft Teams benutzt. Diese komme jetzt vermehrt zum Einsatz. Die Lehrer seien morgens zwei Stunden erreichbar, erzählt Flavio Gmür, bevor er sich von seinem Klavierlehrer verabschiedet.

Für Bislin-Wild ist die Lektion ebenfalls befriedigend verlaufen. «Die Eltern sind dankbar, dass etwas weiterläuft. Die Musik ist die Verbindung zu dem, was gewesen ist und zu dem, was kommt. Ihre Kinder können auf etwas hinarbeiten. Musik hilft auch, sich selber zu finden. Sie ist eine Art Meditation. Musik hat einen emotionalen Aspekt, wenn man daran denkt, welche musikalischen Aktivitäten an verschiedenen Orten vom Fenster oder Balkon aus entstanden sind.»

Auslandaufenthalt steht in den Sternen

Für ihn selber ändere sich nicht viel. Der Unterricht gehe weiter. Einschneidend sei, dass Gottesdienste, Proben und Konzerte gestrichen seien. Er begleitet da und dort Chöre auf dem Klavier oder der Orgel. Als Komponist kann er sich ausserdem selber Aufgaben stellen. «Und zum Glück habe ich einen Garten. Den nütze ich jetzt aus.»

Eine Sorge hat er trotzdem. Er und seine Frau Esther Wild Bislin, Kirchenmusikerin in der Katholischen Kirche Uzwil und Umgebung, haben sich für eine Weiterbildung in Oxford angemeldet. Alles ist gebucht, aber ob der zweimonatige Aufenthalt im Frühsommer möglich sein wird, steht in den Sternen.