Interview

Kirchberger CVP-Gemeinderat Lukas Fust tritt nicht zur Wiederwahl an: «Mitarbeit aus der Bevölkerung hätten wir besser in unsere politischen Prozesse integrieren können»

Lukas Fust tritt nach zwei Amtsperioden als Kirchberger Gemeinderat zurück. Im Interview erklärt er die Gründe.

Beat Lanzendorfer
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Gemäss CVP-Gemeinderat Lukas Fust fehlt im Gemeindehaus der Wille, die Anliegen der Bevölkerung umzusetzen.

Gemäss CVP-Gemeinderat Lukas Fust fehlt im Gemeindehaus der Wille, die Anliegen der Bevölkerung umzusetzen.

Bild: Beat Lanzendorfer

Der 37-Jährige Lukas Fust gehört dem Kirchberger Gemeinderat seit dem 1. Januar 2013 an. Bei den Gesamterneuerungswahlen in diesem Herbst tritt er nicht mehr an. Sein Sitz muss damit neu besetzt werden. In seiner Funktion als Gemeinderat ist Fust noch bis Ende Jahr Präsident der Kommission Entwicklung Gesundheits- und Altersversorgung sowie Mitglied der Kommissionen Abwasser und Soziales sowie Mitglied der Baukommission der Erweiterung Oberstufe Flurstrasse, Bazenheid.

Sie haben an der gestrigen Gemeinderatssitzung Ihren Ratskollegen mitgeteilt, dass Sie sich nach acht Jahren Ende Jahr für keine weitere Amtsperiode zur Verfügung stellen. Weshalb?

Lukas Fust: Zum einen will ich wieder mehr Zeit für meine Familie und meinen Beruf haben, zum anderen bin ich überzeugt, dass unsere Gemeinde frischen Wind benötigt. Es ist uns als Kollegium, und damit auch mir als Teil des Rates, nicht ausreichend gelungen, die Gemeinde progressiv zu positionieren.

Das hört sich nach Selbstkritik an, aber auch nach einem Seitenhieb an Ihre Ratskollegen.

Lukas Fust

Lukas Fust

Bild: Beat Lanzendorfer

Als gewähltes Ratsmitglied bin ich Teil des Kollegiums und damit auch für sämtliche Entscheide mitverantwortlich. Mit meiner eigenen Leistung bin ich insofern nicht zufrieden, weil ich meine Ratskollegen nicht von meinen Anträgen und Ideen zu überzeugen vermochte. Ich möchte meine Aussagen aber nicht als Seitenhieb gegen meine Ratskollegen verstanden wissen. Meine Aussagen zielen nicht auf die Personen, sondern auf das von den Bürgerinnen und Bürgern berufene Gremium ab. Für mich ziehe ich die Bilanz, mit meinen Überzeugungen und Ideen unzureichend ins aktuelle Ratskollektiv zu passen.

Subjektiv empfinde ich es so, dass wir unseren Wählerinnen und Wählern zu viel schuldig geblieben sind.

Dann fällt Ihre persönliche Bilanz durchzogen aus?

Wir erarbeiten in verschiedenen Geschäften nachhaltige Lösungen, etwa bei den Schulraumergänzungen. Jedoch blieben wir unseren Bürgerinnen und Bürgern oftmals eine klare und verständliche Ausrichtung sowie klar definierte Legislaturziele schuldig. Manchen Anliegen aus der Bevölkerung schenkten wir nicht das angemessene Gehör. Angebotene Mitarbeit aus der Bevölkerung hätten wir besser in unsere politischen Prozesse integrieren können.

Sie erwähnen den fehlenden Einbezug der Bevölkerung. Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Um ein aktuelles Thema aufzugreifen, erlaube ich mir die Schulreorganisation heranzuziehen. In diesem Zusammenhang boten Private und Parteien mehrmals eine aktive Mitarbeit an. Der Schulrat und damit letztlich der Gemeinderat traten auf die angebotene Mitarbeit aber nicht ein.

Der Einbezug der Bevölkerung in wichtigen Dossiers ist für mich Teil eines erfolgreichen Geschäftsverlaufes.

Beim «Offenen Ohr» hört sich der Gemeindepräsident die Anliegen der Bevölkerung aber durchaus an?

Das ist ein sehr wertvolles Instrument, welches Roman Habrik eingeführt hat. Dieses wird von der Bevölkerung auch gerne genutzt. Ja, beim «Offenen Ohr» hört sich der Gemeindepräsident die Anliegen der Bevölkerung an. Ebensolche Inputs aus der Bevölkerung sollten wir als Gemeinschaft in einem partizipativen Prozess einbeziehen.

Gibt es weitere Kritikpunkte?

Sie betreffen nicht direkt den Kontakt mit der Bevölkerung, aber meines Erachtens sind auf der strategischen Ebene Klausurtagungen für die Entwicklung einer Gemeinde äusserst wichtig. Das gemeinsame Erarbeiten von Ideen und Zielen sowie die Förderung des Verständnisses ebendieser Ziele in der Bevölkerung sind essenziell für die Positionierung einer Gemeinde.

Persönlich verstehe ich nicht, weswegen sich Unternehmen zur Klausur zurückziehen, unsere Gemeinde dies aber seit Jahren als nicht notwendig erachtet.

Steht Ihre Kritik auch in Zusammenhang mit dem Gemeinde- und Schulpräsidenten?

Der Gemeinderat besteht aus neun Mitgliedern und somit können einzelne Personen alleine keinen Entscheid herbeiführen. Zwar haben die Präsidenten einen grösseren Einfluss im Rahmen der Vorbereitung auf ein Ratsgeschäft, letzten Endes entscheidet der Rat aber als Kollektiv. Die Verantwortung allein den Präsidenten aufzubürden, wäre nicht richtig.

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?

Unsere Gemeinde muss sich klarer positionieren. Was macht uns als Gemeinde aus? Wie stärken wir unsere Attraktivität für Einwohnerinnen und Einwohner sowie für Unternehmen? Wie erschaffen wir uns eine einzigartige Identität? Ich bin überzeugt, dass wir durch den Einbezug der Bürgerinnen und Bürger Antworten auf solche Fragen erhalten werden. Lösungen sollen gemeinsam angestrebt und entwickelt werden. Die Gemeinde braucht ein klares Gesicht und soll Charakter zeigen. Genauso wie Unternehmen muss sie auf ihre Stärken und Vorzüge bauen und diese pflegen und kommunizieren. Dazu braucht es eine starke Einheitsgemeinde mit schlanken Strukturen und kurzen Entscheidungswegen.

Es braucht einen Rat, der mit Weitblick Veränderungsprozesse initiieren will und die Gemeinschaft auf die Reise mitnimmt.

Ist die Einheitsgemeinde, die am 1. Januar 2017 in Kraft trat, noch keine Einheit?

Wir sind noch nicht am Ziel. Die Einheitsgemeinde muss weiter gestärkt, verschlankt und die Einheit der Räte erlangt werden. Formal haben wir schon vieles erreicht. Meines Erachtens müssen wir nun an der Positionierung und den gemeinschaftlichen Visionen und Zielen arbeiten. Inhaltlich besteht noch Potenzial für die viel beschworene «Einheit in der Vielfalt».

Herrscht in der Gemeindeverwaltung zu viel Bürokratie?

Ich bin überzeugt, dass wir sehr gutes Personal in unserer Verwaltung haben, welches die Arbeiten pflichtbewusst, zuverlässig und effizient erledigt. Nicht ganz so sicher bin ich mir, ob das Personal angemessen über die strategische Ausrichtung der Gemeinde orientiert ist und was das für sie bedeuten würde. Es ist in meinem Verständnis sehr schwierig, die operative Arbeit optimal erbringen zu können, wenn Werte, Visionen und strategische Zielsetzungen nicht ausreichend bekannt sind. Subjektiv empfinde ich es so, dass die Gemeindeverwaltung den Austausch zwischen strategischer und operativer Ebene optimieren könnte. Vor allem sollten die einzelnen Gemeinde- und Schulräte nicht operativ tätig sein, wofür die Verwaltung zuständig ist. Sie sollten sich vielmehr auf die strategische Ebene besinnen. Damit könnte auch die Arbeitsbelastung von Schul- und Gemeinderat reduziert werden.

Unnötige Bürokratie gedeiht dann,
wenn das lösungsorientierte Gespräch
ins zweite Glied rückt und die
operative und strategische Ebene
nicht klar getrennt sind.

Was wünschen Sie der Gemeinde Kirchberg für die Zukunft?

Menschen mit eigenen Ideen und Mut für Veränderungen, unabhängig ihrer politischen Couleur. Es wäre für uns als Gemeinschaft verheissungsvoll, wenn wir wieder mehr Mut zur Utopie hätten. Das Verfolgen von Visionen bringt positive Veränderungen. Verwalten ist gut, aber es reicht nicht.

Was stimmt Sie positiv?

In unserer Gemeinde leben viele Menschen mit einem grossen Herz für unsere Vereine und die Dörfer. Sie erbauen aktiv eine lebenswerte Gemeinde. Das macht mich extrem stolz und wäre zugleich eine Chance für unsere Gemeinde, sich noch einzigartiger aufzustellen.

Meiner Meinung nach sollte eine
Gemeinde die bestmöglichen Rahmenbedingungen für das ehrenamtliche Engagement schaffen.

Ist Ihr Rücktritt das Ende Ihrer politischen Karriere?

Nein, politisch bleibe ich der Partei erhalten. Für den Moment trete ich etwas kürzer. Das gibt mir nebst Beruf und Familie Raum, um mich noch stärker ehrenamtlich im Dorf zu betätigen. Ich schliesse nicht aus, mich zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf kommunaler oder kantonaler Ebene mit frischen Ideen politisch zu engagieren.

Vier von acht sind weg

Die CVP-Ortspartei der Gemeinde Kirchberg gab gestern bekannt, dass sich nebst Lukas Fust auch der 42-jährige Martin Bühler entschieden hat, sich im Herbst 2020 nicht mehr zur Wiederwahl für den Gemeinderat zur Verfügung zu stellen.

Zum einen wollen die beiden der Familie und dem Beruf wieder mehr Zeit widmen. Zum anderen zeigt sich Lukas Fust mit den Leistungen des Gesamtrates während der letzten Legislatur unzufrieden. Persönlich wünsche er sich mehr Pragmatismus zur visionären Positionierung der Gemeinde.

Dies hat zur Folge, dass sich nebst den bisher bekannten Rücktritten – Ueli Hui (FDP) und Hermann Baumgartner (SVP) – mit Lukas Fust und Martin Bühler bisher vier von acht Gemeinderäten entscheiden haben, sich für keine weitere Amtsdauer zur Verfügung zu stellen. (bl)