Kirchberg: Bürger nutzten Facebook als digitales Forschungskollektiv

Rund 300 Follower tauschen sich auf der Facebook-Seite «Kirchberg SG – mini Heimat» über alte Fotos aus. Treibende Kraft dahinter ist der Bazenheider Markus Frick. Er ist selber Hobbygenealoge und -historiker.

Pablo Rohner
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Zu den Menschen und dem Haus auf diesem Bild, gepostet am 1. Juli 2017, werden nach wie vor Hinweise gesucht. (Bild: PD)

Zu den Menschen und dem Haus auf diesem Bild, gepostet am 1. Juli 2017, werden nach wie vor Hinweise gesucht. (Bild: PD)

Ein Schwarzweissfoto des Kirchberger Dorfzentrums: Einiges ist heute anders, viel ist erstaunlich gleich geblieben. In Anbetracht der Gebäude findet man sich sofort auf der inneren Karte zurecht. Das Gebäude mit der Aufschrift «Konsumgenossenschaft Kirchberg» etwa, heute das Gemeindehaus, die heutige Pension Tell, das «Rössli»: Die Häuser haben zumindest ihre Form behalten, einige auch ihre Funktion.

Es sind andere Elemente, die klar machen, dass das Foto wirklich, wirklich alt ist, rund 100 Jahre. Etwa, dass Kies statt Asphalt zwischen den Gebäuden liegt. Oder das gigantische Kreuz aus Fensterglas an der Fassade der katholischen Kirche, dem symbolischen Zentrum der Fotografie. Am exotischsten wirken jedoch die sechs Gestalten, die am unmittelbarsten der Zeit des Bilds angehören: fünf Menschen und ein Autobus. Die zwei Knaben tragen hohe Stiefel und Strümpfe, das Gesicht des einen lugt unter einer zylinderförmigen, an russische Folklore erinnernden Kappe hervor. Das Mädchen steckt in einem dunklen Rockkleid und die beiden Männer – offensichtlich Angestellte der Busgesellschaft – tragen dunkle Uniformen und Schaffnermützen.

Gesteckte Frisuren, buschige Koteletten

Das Foto ist das Titelbild der Facebook-Seite «Kirchberg SG – mini Heimat», und die nostalgische Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit bestimmt die Gefühlslage bei einem ersten Streifzug entlang der Timeline. Frauen mit aufwendig gesteckten Frisuren, tiefernst an der Kamera vorbei blickende Männergesichter mit buschigen Koteletten, alte Aufnahmen von einem Schulhaus oder dem Rosenberg. Was einem hier begegnet, regt Fantasie und Imagination an. «Wohnung zu vermieten mit Licht und Wasserversorgung. Heute nicht mehr vorstellbar», kommentiert ein User einen Post vom 22. September, eine Inserateseite aus einer Ausgabe der Zeitung «Alttoggenburger» von 1918.

Die Inserateseite aus dem «Alttoggenburger», die vor vor 100 Jahren in der Zeitung war. (Bild: PD)

Die Inserateseite aus dem «Alttoggenburger», die vor vor 100 Jahren in der Zeitung war. (Bild: PD)

Für Markus Frick, Hobbygenealoge aus Unterbazenheid und treibende Kraft hinter «Kirchberg SG – mini Heimat», ist ein Hang zur Nostalgie jedoch nicht das stärkste Motiv. Umgeben von altem Werkzeug sitzt er im Saal des Toggenburger Schmiede- und Werkzeugmuseums Bazenheid und erzählt von seiner Faszination für das Historische. «Natürlich kommt mein Interesse auch daher, dass ich mir gerne die alten Zeiten vorstelle, altes Handwerk, wie die Häuser ausgesehen haben, wer darin gewohnt haben könnte», sagt Frick, der sich auch im Museum engagiert. «Es geht auch darum, in Erinnerung zu rufen und präsent zu halten, was sonst vergessen gehen könnte.»

In seiner Freizeit steigt der Ahnenforscher, der auch Präsident der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz ist, in die Archive, sichtet Kirchenbücher, Amtsprotokolle und alte Zeitungen. Die gewonnenen Informationen legt er in seiner privaten Datenbank an, schon verschiedentlich konnte er bei Stammbäumen behilflich sein, für deren Erstellung er auch die nötige Software auf seinem PC hat. Indem er die lokale Vergangenheit kartografiert, Raum und Zeit mit Leben füllt, Häusern und Menschen Daten und Geschichten zuordnet, betreibt Frick auch eine Art lokalhistorische Grundlagenforschung.

Gesucht: Fotos aus Gähwil und Dietschwil

Auch Fricks Engagement im sozialen Netzwerk lässt sich in diesem Licht sehen. Indem er die Fotos auf Facebook postet, zapft er das Wissen von Userinnen und Usern an, die ihrerseits Freude an dieser Art der Mikrogeschichtsforschung haben. Seine Hauptquellen für die Bilder auf der Facebook-Seite sind die grosse Sammlung seiner Mutter und das Alttoggenburger-Archiv der Dorfkorporation Bazenheid. Bislang liegt der Fokus der Seite vor allem um Kirchberg und Bazenheid. Die Idee sei aber, dass Daten aus allen Dörfern der Gemeinde zusammenkämen, sagt Frick. Geschichtsinteressierte aus Gähwil und Dietschwil würden darum unbedingt gesucht.

Ein Bild der Fasnacht in Müselbach und Gähwi aus vergangenen Zeiten, das ebenfalls seien Weg auf die Facebook-Seite Kirchberg SG – mini Heimat gefunden hat. (Bild: PD)

Ein Bild der Fasnacht in Müselbach und Gähwi aus vergangenen Zeiten, das ebenfalls seien Weg auf die Facebook-Seite Kirchberg SG – mini Heimat gefunden hat. (Bild: PD)

Der Bazenheider versteht sein zeitintensives Hobby auch als Dienstleistung für Leute, die ihren Vorfahren nachgehen wollen: «Der Zweck dieser Übung ist, dass jemand anders nicht nochmals fünf Jahre in die Archive gehen muss, wenn er einen Stammbaum machen will», sagt Frick. Rechnen müsse man die Arbeit nicht, pro Woche verbringt er sieben bis zehn Stunden mit dem Digitalisieren von Fotos, Anlegen von Datensätzen und Plotten von Stammbäumen. Frick freut sich, wenn historisch Interessierte mitmachen, seine Posts kommentieren und teilen, Hinweise geben und vielleicht selber mal ein Bild hochladen, was ihm vorschwebt, ist eine Art digitales Forschungskollektiv.

Digitales Forschungskollektiv

Fast 300 User folgen der Seite mittlerweile, anders als bei der chronisch überalterten und männlichen Szene der Amateurgenealogie sind auch Junge und Frauen unter den Followern. Im besten Fall läuft es wie bei dem Post vom 26. Juni 2017. Auf dem Bild, das Frick an diesem Tag hochlädt, sind Familienmitglieder aus drei Generationen zu sehen. Sie stehen vor einem mit Obst bewachsenen Bauernhaus, der Grossvater trägt einen weissen Haarkranz um das Gesicht, die Enkelin, vielleicht auch Urenkelin, eine weisse Haube. Frick schreibt dazu: «Erkennt jemand dieses Haus oder die Menschen davor?» Eine Userin und ein User aus Kirchberg glauben das Haus zu erkennen, es stehe in Wolfikon, jemand lädt ein aktuelles Foto davon in die Kommentare.

Bald taucht jedoch ein zweites Bild von einem anderen Haus auf. «Ich werde heute Abend mal das Originalfoto nehmen und dort vorbeischauen», postet Frick. Tags darauf bestätigt er den Tipp der einen Userin. Auf der Rückseite eines Fotos findet der Hobbygenealoge schliesslich die Unterschrift eines Wilhelm Forster und ein paar Tage später lädt er den selbstgeplotteten Ausschnitt aus dem Stammbaum der Familie hoch. Das Kollektiv hat gewirkt und wieder ist ein Stein gefärbt im Mosaik der Lokalgeschichte.