Keine Freilassung: Aargauer Pfarrer blitzt vor Bundesgericht ab – vor sieben Jahren hatte ihn schon das Kreisgericht Toggenburg wegen Kinderpornos schuldig gesprochen

Wie sich ein pädophiler Seelsorger aus dem Aargau sein Leben ruinierte – und auch heute noch nicht einsieht, was er den Opfern antut.

Nadja Rohner
Drucken
Teilen
T.H. ist im Aargau aufgewachsen und war dort in sechs reformierten Kirchgemeinden als Pfarrer tätig. Vor elf Jahren war er im Toggenburg angestellt.

T.H. ist im Aargau aufgewachsen und war dort in sechs reformierten Kirchgemeinden als Pfarrer tätig. Vor elf Jahren war er im Toggenburg angestellt.

Symbolbild: Keystone

Als Pfarrer T.H. vor elf Jahren seine Antrittsrede in einer Toggenburger Kirchgemeinde hielt, scherzte er über seine schnelle Internetverbindung. Das Lachen wäre seinen Schäfchen im Halse stecken geblieben, hätten sie gewusst, was ihr neuer Seelsorger im Web so treibt: «Seit seinem Zugang zum Internet im Jahr 2000 hat er zwanghaft und exzessiv (Kinder-)Pornografie konsumiert, verbreitet und darüber gechattet, teilweise bis zu acht Stunden täglich.»

So steht es in einem neuen Bundesgerichtsurteil. Weder seine Heirat, noch eine Gruppentherapie, noch Strafverfahren in drei Kantonen hätten ihn für längere Zeit vom Konsum illegaler Pornografie abgehalten. Er habe deshalb mehrfach seine Arbeitsstelle als Pfarrer verloren und seine Ehe sei gescheitert.

Meistens nur für ein paar Monate in einer Gemeinde

T.H. ist im Aargau aufgewachsen und war hier in sechs reformierten Kirchgemeinden als Pfarrer tätig. Immer als Stellvertreter; meistens nur für ein paar Monate, einmal drei Jahre. Auch in den Kantonen Bern und St.Gallen arbeitete der Theologe als Seelsorger.

Im Toggenburg hätte T.H. dauerhaft bleiben sollen – er war aber nach zwei Jahren wieder weg. Ob der Abgang im Zusammenhang mit seinen Delikten stand, ist unklar. Fakt ist: Im März 2013 verurteilte ihn das Kreisgericht Toggenburg wegen seines Kinderpornokonsums zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von zwölf Monaten, aufgeschoben zu Gunsten einer ambulanten therapeutischen Behandlung. Diese wurde dreieinhalb Jahre später vom Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St.Gallen wieder aufgehoben. Der Therapeut hatte grosse Erfolge festgestellt bei seinem Klienten, den er als «durchgehend pünktlich und sehr motiviert» beschrieb.

Er konsumierte während der Therapie Kinder- und Tierpornos

Was dieser nicht wusste: Während der gesamten Dauer der ambulanten Therapie beging T.H. weitere Straftaten. Das rief schliesslich die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau auf den Plan. Auf dem Computer des Pfarrers fand man tier- und kinderpornografisches Foto- und Textmaterial, hundertfach.

Ein Bild – ein minderjähriger Junge bei einem sexuellen Akt mit einem Mann – hatte T.H. auf eine Internetplattform hochgeladen. Vor Gericht versuchte er sich damit zu verteidigen, dass er davon ausgegangen sei, es sei eine junge Frau; homosexuelle Praktiken lehne er ab.

Im Urteil des Bezirksgerichts Aarau vom März 2018 ist von einer «grossen Unverfrorenheit» des Beschuldigten die Rede, die «einschlägigen Vorstrafen» hätten ihn offenbar nicht beeindruckt. Das Gericht verurteilte T.H. zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten. Auch diese wurde zu Gunsten einer psychiatrischen Behandlung aufgeschoben, dieses Mal allerdings stationär.

Briefe mit sexuellem Inhalt an ein 15-jähriges Mädchen

Als dieses Urteil fiel, war T.H. längst wieder in einem Massnahmenzentrum in der Ostschweiz untergebracht, wo er auch therapiert wird. Dort zeigte er erneut eine manipulative, dreiste Seite: Im Oktober 2018 verfasste er einen Brief an ein 15 Jahre altes Mädchen, das er offenbar kannte. Vordergründig tat er gegenüber seinem Therapeuten so, als würde er den Kontakt abbrechen wollen. Hintenrum verfasste er einen Brief mit explizit sexuellem Inhalt, der glücklicherweise nicht an die Adressatin gelangte, weil er im Massnahmenzentrum im Postausgang abgefangen wurde. Das brachte T.H. einen Strafbefehl des Untersuchungsamtes Gossau ein.

Aus den psychiatrischen Gutachten geht hervor, dass T.H. in der Kindheit und Jugend nicht auffällig gewesen war und auch keine pädophilen Neigungen entwickelt hatte. Diese seien erst im Laufe der Jahre aufgekommen, als Beziehungen zu gleichaltrigen Frauen scheiterten.

Er habe «das ursprünglich vorhandene sexuelle Interesse an erwachsenen Frauen aufgrund interaktioneller Probleme nicht ausleben können». Deshalb hätten sich «seine Bedürfnisse auf eine leichter erhältliche Zielgruppe – Kinder – verschoben», steht in den Gutachten.

Er will seine Freilassung vor Gericht durchsetzen

Seit knapp einem Jahr versucht der Pfarrer nun, gerichtlich seine sofortige Freilassung durchzusetzen. Die stationäre Massnahme dauert inzwischen länger als die verhängte Gefängnisstrafe. Erst kürzlich scheiterte er jedoch vor Bundesgericht. Die bisherigen Therapiefortschritte seien ungenügend; die Gerichte beurteilen das Rückfallrisiko – gestützt auf Gutachten und Verlaufsberichte – als «unverändert hoch».

Es fehlt dem Pfarrer offenbar auch an Einsicht: Er argumentierte vor Bundesgericht damit, dass er nur sogenannte «Hands-off»-Delikte verübt und nie ein Kind angefasst habe. Die Gerichte halten dagegen: Dem Kinderpornokonsum des Pfarrers lägen tatsächliche Handlungen an betroffenen Kindern zugrunde, die dadurch «beträchtliches Leid» erlitten und «Schaden in ihrer sexuellen Integrität genommen hätten». Diesen Missbrauch habe der Pfarrer als Konsument «über viele Jahre im grossen Stil gefördert».

Aargauer Kirche hatte keine Meldungen

Die Reformierte Landeskirche Aargau bestätigt, dass T.H. von 2000 bis September 2013 mehrfach als Pfarrer-Stellvertreter tätig war. «Eine Verurteilung wegen einer strafbaren Handlung ist in der Landeskirche nicht aktenkundig, und soweit ich feststellen kann, gibt es auch keine Meldungen oder Indizien, die in diese Richtung deuten würden», sagt Beat Huwyler, Bereichsleitung gesamtkirchliche Dienste.

Unentdeckt bleiben würden Vorstrafen wie die des T.H. – zumindest heute – nicht. Die Synode der Reformierten Landeskirche Aargau hat 2018 unter anderem beschlossen, dass Pfarrer und Sozialdiakone sowie Mitarbeitende der Kirchgemeinden, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, regelmässig Sonderprivatauszüge einreichen müssen. Darin sind Tätigkeitsverbote, wie sie mittlerweile auch gegen T.H. ausgesprochen wurden, ersichtlich.

Ordentliche Pfarrer müssen Auszüge einreichen

Wollen Pfarrerinnen oder Sozialdiakone im Aargau ordentlich gewählt werden und nicht nur Stellvertretungen machen, wird bei der Überprüfung der Wählbarkeit auch der normale Privatauszug aus dem Strafregister und ein Betreibungsregisterauszug angefordert. «Die Wählbarkeit ist die Voraussetzung dafür, dass eine Pfarrerin oder ein Sozialdiakon gewählt oder als Stellvertreter angestellt werden kann», so Huwyler.

Stellt sich nun die Frage: Wäre ein wegen Kinderpornografie mehrfach Vorbestrafter als Pfarrer noch wählbar, sofern er seine Strafe verbüsst hat und kein Tätigkeitverbot mehr vorliegt? Beat Huwyler sagt, er könne die Frage nur hypothetisch beantworten, einen solchen Fall habe man noch nie behandeln müssen. Vorgesehen sei, dass der Kirchenrat in solchen Fällen sehr detaillierte Abklärungen vornehmen und allfällige Massnahmen anordnen könne. «Insbesondere ist vorgesehen, dass der Kirchenrat im Blick auf die persönliche Eignung – die mit einer Vorbelastung durch strafbare Pornografie massiv in Frage gestellt ist – die Absolvierung eines Assessments anordnen oder vertrauensärztliche medizinische oder psychiatrische Gutachten verlangen kann.»

Der Kirchenrat kann die Wählbarkeit auch nur provisorisch erteilen oder an Auflagen knüpfen, etwa eine Supervision oder ein Coaching. Wenn der Kirchenrat aber zum Schluss komme, dass die persönliche Eignung für den Pfarrberuf beziehungsweise die sozialdiakonische Tätigkeit nicht mehr gegeben ist, erteile er die Wählbarkeit nicht – was faktisch einem Berufsverbot für das Gebiet der Reformierten Landeskirche Aargau gleichkomme.